
Zwei Stunden Leben waren für Milena Jesenská, wie sie in einem Brief an Franz Kafka schrieb,
wichtiger als zwei Seiten Schrift. Sie selbst hatte Tausende Seiten geschrieben.
Auf die Welt kam sie am 10. August 1896 in Prag als Tochter von Jan Jesenský, Dozent für Zahnmedizin an der Karls-Universität, und dessen Frau Milena, geb. Hezjlarová. Der Gegensatz zwischen dem vitalen Lebemann, der seine Tochter – die für ihn auch den Sohn ersetzte – fast tyrannisch liebte, und der kultivierten, zarten und bald schwer erkrankten, 1935 verstorbenen Mutter, prägten ihren Lebensweg.
Milena besuchte das 1890 gegründete Mädchengymnasium Minerva in Prag, die erste Anstalt dieses Typs in der k.u.k. Monarchie. 1915 als sie die Matura bestand, gehörte sie mit ihren Eskapaden zur Prager jeunesse dorée. Mit ihren Freundinnen Staša Jílovská und Jarmila Ambrožová zählte sie zu regelmäßigen Besucherinnen des Café Arco, einem der Treffpunkte der Prager deutschen Literatur, in der Max Brod, Felix Weltsch, Franz Werfel, Franz Kafka, Ernst Pollak, Willy Haas, später Johannes Urzidil verkehrten, aber auch junge Tschechen wie Josef Kodíček, Ferdinand Peroutka und Fráňa Šrámek. »In Milena waren alle ein wenig verliebt«, wird sich Ferdinand Peroutka an ihre und seine Jugendzeit erinnern.
Dem Wunsch des Vaters, Medizin zu studieren, folgte Milena Jesenská vier Semester lang. Die Liebe zu dem angesehenen Literaturkenner Ernst Pollak hatte eine vom Vater veranlasste zeitweilige Internierung in der psychiatrischen Anstalt Veleslavin zur Folge. Die ertrotzte Heirat im Frühjahr 1918 führte zum Umzug nach Wien. Hier lernte Milena in den Cafés Central und Herrenhof ihr journalistisches Handwerk. In diesen Kreisen machte sie Bekanntschaft mit dem damals in Wien als Modedroge geltenden Kokain. Nach dem Morphium aus der Praxis des Vaters ihre zweite Erfahrung mit Drogen.

Foto aus dem Buch Sny von Olga Housková, S. 48
Es waren die letzten Monate der Monarchie, die Milena Jesenská in Wien erlebte. Im Herbst 1918, nach dem Zusammenbruch, begann sie mit dem Unterricht in tschechischer Sprache und dem Verfassen von Feuilletons für tschechische Zeitungen. Im Frühjahr 1920 trat Franz Kafka in ihr Leben. Es begann die Zeit der »geschriebenen Küsse«.
Im Jahre 1923 endet die Beziehung zwischen den Eheleuten Pollak, für beide eine schwere Trennung. »Es ist, als würde man einem das Fleisch mit dem Messer herausschneiden«, schrieb Milena in einem Brief an Karl Hoch. Trotz Pollaks ständiger Untreue verband sie eine gemeinsame innere Sprache.
Vor der Rückkehr nach Prag war sie in Buchholz bei Dresden bei ihrer Freundin, der Psychologin Alice Gerstel (1894-1943), die mit dem sozialistischen Politiker und Individualpsychologen Otto Rühle verheiratet war. Begleitet wurde Milena von dem adeligen Bolschewiken Franz Xaver Schaffgotsch (1890-1979). Angekommen in Prag entfremdeten sie sich und Schaffgotsch kehrte nach Wien zurück.

7.6.1925: Milena Jesenská, Staša Jilovská
Milena fühlt sich zu Hause im Milieu der tschechischen Avantgarde – und stand im regen Austausch mit dem Bauhaus und der französischen Architektur und Literatur. Milenas Essays und Artikel in der Zeitung Národní listy vermitteln die Ideen der Avantgarde einer breiten Leserschaft. 1927 heiratete sie den Architekten Jaromír Krejcar. Eine Syphilis Infektion versteifte ihr rechtes Knie, 1928 wurde Tochter Jana, nach einer schweren Geburt, geboren. Nach dem Bruch mit dem Kommunismus, der Auflösung ihrer zweiten Ehe 1933, machte sie einen Entzug und suchte nach bezahlter journalistischer Arbeit.
Evžen Klinger, Journalist und Funktionär der Kommunistischen Partei der Slowakei, wurde ihr letzter Lebenspartner. Politisch und materiell eine schwere Zeit: Nationalsozialismus und Stalinismus geben den Ton an. »Ja, ich war für den Kommunismus, nicht jedoch für den, wie es die Sowjetunion vorschreibt«, sagte sie dem Marxisten Kurt Konrad. Diese kritische Haltung brandmarkte sie als Trotzkistin und Renegatin. Ähnlich erging es Klinger und anderen, die mit dem stalinistischen Kurs nicht einverstanden waren. Zu ihnen gehörte der aus Wien emigrierte Journalist Willi Schlamm. Ihre Briefe an ihn nach seiner Emigration in die USA sind ein Dokument über das Ende des letzten demokratischen Staates in Mitteleuropa.
Nach dem Münchner Abkommen begann Milena Jesenská als Fluchthelferin zu wirken. Nach der Besetzung von Prag am 15. März 1939 musste auch Klinger, jüdischer Herkunft, fliehen. Nach der Verhaftung von Ferdinand Peroutka übernahm sie die Leitung von Přítomnost. Nach deren Verbot arbeitete sie für die im Untergrund erscheinende Zeitung V boj und der illegalen militärischen Organisation Obrana národa. Am 12. November 1939 wurde sie von der Gestapo verhaftet. Durch ihr geschicktes Verhalten während der Verhöre konnte ihr nichts nachgewiesen werden. Trotzdem wurde ihr Fall wegen Hochverrats im März 1940 an den Volksgerichtshof in Dresden weitergeleitet. Nach der Rückstellung an die Gestapo Prag musste sie Ende Oktober 1940 in Schutzhaft ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Hier begegnete sie ihrer Biografin Margarete Buber-Neumann, nach einer Operation an den Nieren stirbt Milena Jesenská am 17. Mai 1944.
Prag, 10. August 2025, Milena Findeis
Ein Gespräch über Franz Kafka in der
Lerchenfelderstr. 113, Wien, 6. Juli 1920
Alena Wagnerová streicht in ihrem Stück hervor, wie unterschiedlich die Rollen der Geschlechter verteilt waren und es - vor allem in der Geschichte der Literatur - noch immer sind. Ihr Verdienst ist es, dass Milena Jesenská heute als Journalistin wahrgenommen wird und nicht bloss als eine der Briefempfängerinnen des Schriftstellers Franz Kafka.
Milena Jesenská nicht vergessen
Veröffentlicht am 12. Januar 2025 von Heinrich Bleicher
