
Eine in den Raum gestellte Anschuldigung, besetzt das Denksystem
»..., denn ohne ich etwas Böses getan hätte, bist du so ganz anders geworden.« Diese in einem Brief an mich gerichtete Feststellung rotiert, walzen ähnlich, im Kopf, setzt sich im Körper fest. Im Zittern der Hände, Herzflattern, Schweißausbrüchen. Den Satz lesen, wieder und wieder – Feststellung, Anschuldigung, Hinweis? Inmitten der Rotation bohrt sich das mit der Satzinterpretation aufkommende Gefühl beobachtend fest. Wie die Wortbedeutung fühlen? An welchen meiner Ego-Bausteinen dockt es an, wird absolut?
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In der Quantenmechanik ist der Zustand eines physikalischen Systems, in Bezug auf eine vorgegebene Theorie, definiert als Inbegriff eines minimalen Satzes physikalischer Größen, aus deren Kenntnis sich die im Rahmen der Theorie maximal mögliche Information über das System ableiten lässt.1 |
In welchem messbaren Zustand befinde ich mich, als mich der Satz zum ersten Mal - aus dem handgeschriebenen Brief - ansprang. Seitdem nehme ich den Brief mehrmals am Tag in die Hand und habe mich bis jetzt zu keiner Antwort aufgerafft. In welchem Seinszustand hat sich der Schreibende befunden? In sich ruhend, aufgewühlt von einem Befund? In welchem direkten Zusammenhang steht das mit mir und dem in mir seit Kindheitstagen verankerten Schuldkomplex. Mich verantwortlich fühlen für das Leid in der Welt, dem Leid von nahen Menschen? Ableiten und herleiten.
Prag, 25.7.2025, Milena Findeis
»Die Ballade des letzten Gastes«
Peter Handke
Seite 67: Was ihm erst im nachhinein einfiel, während des Abstiegs, Schritt um Schritt, hinunter zum Obstgartenoval, das war ein Gemeinsames an denen, die ihn auf dem letzten Wegstück erkannt hatten, ob in Wahrheit oder ihn verwechselnd. Verschieden untereinander, wie man nur verschieden sein konnte, gehörten sie doch, ein jeder auf andere Art, allesamt nicht in die Reihe. Und darüber hinaus hatten sie an etwas zu tragen, und das nicht erst seit heute oder seit gestern; hatten sie Kummer, einen konstanten; waren sie Leidtragende, welchen Leides auch immer; hatten sie ein Gebrechen, sei es ein offensichtliches oder ein verborgenes, tagaus, tagein hinterrücks von Todesangst Befallene, waren sie im Glauben, ihn zu erkennen, für einen Augenblick, und was für einen!, von ihrer Angst frei gewesen; und so oder so – zurück in die »Abstraktion« – hatten sie allesamt, im Unterschied zu denen »in der Reihe«, entweder von etwas zu wenig oder von etwas zu viel, und ihrer aller Aus-der-Reihe-geraten-Sein war ihrer aller ewiges Weh, und glich nur in den Ausnahmemomenten einem Tanz, dann aber was für einem! »He ihr, meine Leute!«: Er, weiter auf dem Abstieg in die Senke.
1Lexikon der Chemie: Zustand
