Lenka Reinerová
17. Mai 1916 - 27. Juni 2008
von Katja Schickel *
Als ich Lenka Reinerová zum ersten Mal persönlich und live bei einer Lesung in Berlin begegne, höre ich nicht die Stimme Kafkas, wie der Verleger Klaus Wagenbach einmal notiert hat („Wenn Sie wissen wollen, wie Kafka gesprochen hat, hören Sie der Reinerová zu“), sondern werde an den Klang der Stimme meiner Großmutter erinnert, was mich sehr berührt und mich zusätzlich zur vorgestellten Literatur für sie einnimmt. Darüber kommen wir in ein kurzes, anregendes Gespräch, das mit einer Einladung ihrerseits, sie doch einmal in Prag zu besuchen, endet.
Am 17. Mai 2008 wird Lenka Reinerovás 92. Geburtstag gefeiert. Es ist ein gesellschaftliches Ereignis, an dem nur teilnehmen kann, wer eine Einladungskarte erhalten hat. Schließlich handelt es sich um die Ehrenbürgerin der Hauptstadt Prag und die älteste deutschsprachige Schriftstellerin und alles, was Rang und Namen hat, ist da. Die Verleihung der Ehrenbürger-Würde 2002 hat sie stolz gemacht, denn sie gilt ausdrücklich ihrem Wirken in der tschechischen, deutschen und jüdischen Kultur von Prag. Irgendeine Exklusivität hat sie daraus nicht abgeleitet oder für sich in Anspruch genommen.
Am 18. Juni 2008 lud das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren zu Lesung und Gespräch über ihr Buch „Traumcafé einer Pragerin“ ein, eine Veranstaltung, die kurzfristig abgesagt werden musste, weil sie einen Schwächeanfall erlitten hatte.
Lenka Reinerová musste allerdings schon vorher nach einem Sturz – und wegen eines dabei erlittenem Oberschenkel-Halsbruchs – lange Zeit im Krankenhaus verbringen, sie war zu ihrer Tochter** nach Großbritannien gereist, um sich auszukurieren und pflegen zu lassen, wollte dann aber doch wieder zurück nach Prag. Hier starb sie am 27. Juni 2008. Am 4. Juli 2008 nahmen hunderte Menschen im Festsaal des Friedhof Strašnice Abschied von Lenka Reinerová. Im Gedenken an sie bereitete ich dann für das von ihr gewünschte, noch nicht etablierte Literaturhaus innerhalb einer Veranstaltung eine Lesung mit Texten deutschsprachiger Autoren zwischen 1930 - 1948 vor. Ich gab ihr den Titel: Praha - Prag: Eine geteilte Geschichte.
„Ich schreibe ein Prager Deutsch und kein deutsches Deutsch ... und bin lebender Zeitzeuge jener widerspruchsvollen Epoche.“
Immer ist Prag ihre Stadt geblieben, ihre Heimatstadt, die man ihr nicht nur einmal streitig gemacht hat. Die deutschen Nazis haben ihr das Zuhause genommen, ihre gesamte Familie ist bei ihrer Heimkehr aus dem Exil 1945 ausgelöscht – ermordet in Theresienstadt und anderen NS-Vernichtungslagern. Noch jahrelang danach kann sie Karlín, das geliebte Viertel, in dem sie aufgewachsen ist, nicht betreten.

Alle Farben der Sonne und der Nacht
Aufbau Verlag 2005
Kommunisten, einstige Weggefährten, drangsalieren sie und sperren sie 1952/53 sogar ein, was am schwersten zu verkraften ist, wie sie in ihrem Buch Alle Farben der Sonne und der Nacht beschreibt. Gegen Feinde kann man sich wappnen, Freunden oder Menschen, die man dafür gehalten hat, ist man immer hilflos ausgeliefert – bloß hilflos und abhängig wollte sie nie sein.
Sie ist 1916 geboren, der 1. Weltkrieg tobt mit „Materialschlachten“, Gasangriffen und Grabenkriegen, die sozialen und politischen Verhältnisse geraten ins Wanken, 1918 ist die k.u.k Monarchie endgültig erledigt und wird abgeschafft, die Erste Republik Tschechoslowakei ausgerufen, gleichzeitig scheint der Antisemitismus eine ungeahnte, neue öffentliche Bühne zu erhalten, viele Menschen sind in ihrer sozialen Existenz bedroht. Franz Kafka erlebt diese Umschwünge zur selben Zeit als erwachsener Mann, als Schriftsteller, der mit Prager Freunden über notwendige Schritte, über Konsequenzen diskutiert, in seinen Briefen und Tagebüchern darüber schreibt, und diese allgegenwärtigen, realen Bedrohungen in seine Literatur einfließen lässt, sie zu Literatur macht.
“Ungerechtigkeit“ in ihren vielfältigen Formen ist zeitlebens Motor des Handelns von Lenka Reinerová. Mit sechzehn Jahren muss sie die Schule aus finanziellen Gründen verlassen, sich Arbeit suchen, Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit lassen der Familie Reiner keine andere Wahl – und höhere Bildung für Mädchen ist sowieso immer noch ein zweifelhafter Luxus. Allerdings wächst sie zweisprachig auf, ist das Kind einer deutschsprachigen Mutter und eines tschechischen Vaters. Lenka Reinerová schließt sich dem Kommunistischen Jugendverband an, sie will gegen Armut und Ungleichheit kämpfen.
Schon Anfang der 1920er Jahre hatten die ersten militanten „deutschen Braunhemden“ in München in Prager Zirkeln zu heftigen, aufgeregten Diskussionen geführt, 1933 wählt das benachbarte Deutschland sogar Hitler und die NSDAP und der, als neuer Reichskanzler, sagt vor allem allen Kommunisten und Juden den Kampf an. Prag wird Exil vieler Deutscher, einzelner Personen wie auch politischer Organisationen. Lenka Reinerová will für die AIZ, die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung, deren Redaktion nach Prag verlegt wird, schreiben, für das Prager Tagblatt. Es kommt immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen mit den nationalsozialistischen Henlein-Deutschen. Die Appeasement-Politik der Westmächte macht sie alle fassungslos, aber (noch) nicht sprachlos. Die Klarheit, um was es eigentlich schon geht (Diktatur und Krieg), formulieren überdies auch Bilder, z.B. die von John Heartfield. Die erste freie, demokratische, tschechoslowakische Republik endet mit dem Einmarsch deutscher Truppen 1939, gerade zwanzig Jahre nach ihrer Etablierung.
Flucht und Gefangenschaft
Mit knapp 23 Jahren befindet sich Lenka Reinerová auf der Flucht und muss lernen, in und mit Provisorien zu leben. Sie hält sich selbst gerade in Bukarest auf, hat glücklicherweise ein französisches Visum und kann deshalb nach Paris reisen, wo sie zunächst für einen tschechischen Pressedienst arbeitet und erste belletristische Texte schreibt. Nach Beginn des Krieges wird sie erst in Einzelhaft gesteckt, dann im Lager Rieucros interniert, kann aber aus dem Lager fliehen und sich in Marseille ein Visum für Mexiko beschaffen. Auch darüber wird sie schreiben, vor allem wie ihr die Flucht ins noch nicht von den Nazis besetzte Frankreich gelingt, wie sie nach Casablanca kommt. Sie ist allein, hat kein Geld, keine Arbeit, aber ihren Charme, ihre Jugend und ihre Chuzpe. Und wie immer spielen Glück und Zufälle eine Rolle. Im mit Flüchtlingen überfüllten Marseille gibt es einen sehr engagierten mexikanischen Konsul, Gilberto Bosques, der sich für diese einsetzt, zahllose Visa ausstellt, in französischen Lagern inhaftierte Deutsche mittels Petitionen freibekommt, um ihnen eine Ausreise aus dem besetzten Frankreich zu ermöglichen. Mexiko gilt bald als Zufluchtsland Nr. 1 für diejenigen Flüchtlinge, die wenig Geld haben und sich teure Schiffspassagen, z. B. in die USA, nicht leisten können, dort auch nicht erwünscht sind, republikanische Spanienkämpfer, Kommunisten oder Menschen, die als deren Sympathisanten gelten, deutsche Staatsangehörige, die aus Nazi-Deutschland geflohen sind oder Menschen aus von Nazis besetzten Ländern. Man gewährt ihnen Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen, u.a. auch ihrem Prager Kollegen Egon Erwin Kisch, mit dem sie ab und zu Tschechisch reden kann (wegen des Heimwehs!), F.C. Weiskopf und Anna Seghers.
Lenka Reinerová erreicht Mexiko 1941 nach mehrmonatigen Aufenthalt in Casablanca und Internierung im berüchtigten Wüstenlager Oued Zem. Sie beginnt für die Botschaft der tschechoslowakischen Exilregierung zu arbeiten, schreibt in der antifaschistischen Exilzeitschrift El Chequoslovaco en México, in der Zeitschrift Freies Deutschland und für den Verlag El libro libre, für die – als Theodor Balk – auch der serbisch-jüdische Arzt und Schriftsteller Dragutin Fodor arbeitet, dessen Roman Das verlorene Manuskript wichtiges Zeugnis der Exilliteratur wird, und den sie 1943 heiratet.
Schriftstellerin sei sie nicht, sie sei nur Erzählerin,
betont sie immer wieder, auch als ich sie in Berlin kennenlerne. Und Lenka Reinerová hat ein Leben zu erzählen, in dem vier, fünf Leben leicht Platz fänden.
Nach dem Krieg kehrt sie zurück nach Europa, zuerst nach Belgrad, wo sie bis 1948 für Radio Belgrad arbeitet und Tochter Anna Fodorová 1946 zur Welt kommt. Jugoslawien will jedoch einen anderen Weg als Moskau. Ideologische Kämpfe hat Lenka Reinerová allerdings zur Genüge erlebt; vielleicht ist Prag für sie auch jetzt erst wieder zumutbar. Sie weiß, dass sie die einzige Überlebende ihrer Familie ist. Sie will trotzdem zurück nach Prag, auch weil ihr Mann schwer krank ist und die medizinische Versorgung im zerstörten Jugoslawien noch prekärer ist als in der Tschechoslowakei.
„War ich hier überhaupt noch zu Hause?“
Die Slánský-Prozesse, antisemitisch grundiert, bringen sie für fünfzehn schreckliche, ungewisse Monate ins Gefängnis (u.a. wegen „Titoismus“). Ihr Mann lebt verbannt mit der Tochter irgendwo auf dem Land. Es dauert, bis sie sich wiederfinden. Erst 1964 wird sie rehabilitiert. Wegen ihres politischen Engagements, das mit dem vieler anderer 1968 zum Prager Frühling führt, wird sie 1969 jedoch endgültig aus der Partei ausgeschlossen. Ihre Tochter flieht nach London. Lenka Reinerová verliert ihre Verlagsarbeit und erhält Publikationsverbot. Sie arbeitet als Übersetzerin (wenigstens Sprachen lernt man im Exil!), veröffentlicht ab und zu unter Verwendung des Namens einer anderen, manchmal ganz fremden Person („Dachdecker“-Prinzip) auch noch, aber erst ab 1990 ist das eigene Schreiben wieder ohne Komplikationen möglich – und sie kann diese Möglichkeit endlich nutzen – mit 74 Jahren. Noch in hohem Alter beeindruckt ihre innere wie äußere Schönheit, ihre Klugheit, ihr Witz und Spott, strahlt sie Wärme und Optimismus aus. Sie ist geduldige Zuhörerin, bleibt wissbegierig und interessiert. Man dürfe sich nicht selbst vernachlässigen, nur so habe sie schreckliche Zeiten überstanden.
Neugierig und offen zu bleiben für alles, was Leben ausmacht, das war und ist ihr Lebensmotto.
Sie hat sich immer wieder eingemischt, zuletzt zum Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz im Januar 2008 eine Rede verfasst, die sie vor dem Deutschen Bundestag halten will, kann dies aber, schon damals aus Krankheitsgründen, nicht mehr selber tun.
Kein Traumcafé,
sondern ein Literaturhaus als realer Standort für Interessierte und Gönner des einst so berühmten Prager Kreises, dem Franz Kafka, Max Brod, Egon Erwin Kisch und weitere namhafte Autoren deutscher Sprache angehörten, sowie als Treffpunkt für Freunde der zeitgenössischen Literatur – dies soll das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren sein, schreibt Lenka Reinerová zur Gründung des Stiftungsfonds für das Haus, das 2004 von ihr, František Černý und dem Vorsitzenden der Franz Kafka-Gesellschaft Kurt Krolop (*25.05.1930 †22.03.2016; Prof. Kurt Krolop) als ein „lebendiger Ort der Begegnungen und des geistigen Austausches“, als ein Ort der Lebens-Kultur, gegründet wird.
In ihrem Traumcafé einer Pragerin lässt Lenka Reinerová bekannte wie unbekannte Menschen, Schriftsteller, Künstler aufeinander treffen, sie beschwört ohne jede Sentimentalität und Nostalgie noch einmal die berühmte Prager Caféhaus-Kultur herauf, die Cafés Slavia, Arco, Union und Louvre, Lokalitäten, die – was oft unterschlagen wird – auch Treffpunkte emanzipierter Frauen waren, die sich hier gerne aufhielten und austauschten, und man wünscht ihr gleich beim Lesen, dass es diesen Treffpunkt in Prag wirklich geben möge. Bis 2009 ist das Herzstück, eine rund tausendbändige Bibiliothek deutschsprachiger Literatur, in einem kleinen Büro im Gebäude des tschechischen Außenministeriums in der Rytířská untergebracht, mit Ausweiskontrolle und Schleuse – ein bisschen kafkárna ( das tschechische Pendant zu „kafkaesk“) und abschreckend muten Ein- und Ausgang schon an; für alle Veranstaltungen ist man auf auswärtige Orte angewiesen. Sobald sich der (damalige) tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg und der (damalige) deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier auf die Einrichtung eines Literaturhauses in Prag verständigt haben, wird bald auch ein geeignetes Objekt gefunden, zur Verfügung gestellt und im Mai 2009 eröffnet: Ječná 11, Prag 2.
„Man wartet nicht auf ein endgültiges Ende, sondern auf die erträumte Möglichkeit eines unbekannten, zweifellos völlig anderen Anfangs“, so Lenka Reinerová.
Infos:
http://www.letnapark-prager-kleine-seiten.com/lenka-reinerova-von-katja-schickel.html – ab Juli 2025 ist diese Seite nicht mehr erreichbar
www.prager-literaturhaus.com
Bücher: Aufbau Verlag Berlin; DVA
Film: Ein Leben ist nicht genug, Lebensläufe, MDR 1999, Lenka Reinerová und ihr Leben in Prag
*Katja Schickel, verstorben
2025, Berlin
**

die Prosaerzählung "Lenka"
von Anna Fodorová
Sie war die letzte Vertreterin der deutschsprachigen Literatur in Prag, Jüdin, und sie hat bis zu ihrem Tod 2008 in Prag alle Weggefährten überlebt: Anna Sehghers, Egon Erwin Kisch, Max Brod. Vor den Nazis flüchtet sie über Paris, Marseille und Casablanca bis nach Mexiko-Stadt, nach ihrer Rückkehr wird sie im Zuge der stalinistischen Säuberungen in der Tschechoslowakei inhaftiert – Lenka Reinerová lebte ohne Zweifel bewegt und bewegend.
In ihrem poetischen, persönlichen Buch nimmt Tochter Anna Fodorová, die als Psychotherapeutin in London lebt, Abschied von der Mutter. Es ist die Geschichte der letzten Jahre von Lenka Reinerová, es ist eine Begegnung mit der großen Dame der deutsch-tschechischen Literatur, und es ist eine Erzählung, wie es war, ihre Tochter zu sein.
An Lenka
Von Jaroslav Rudiš
S.195 - 203, Nachwort Jaroslav Rudiš
LENKA REINEROVÁ, Abschied von meiner Mutter
btb Verlag, 2022, Anna Fodorová
Aus dem Tschechischen von Christina Frankenberg

Ich bin gerade wieder in Prag und sitze in der Straßenbahn der Linie 9 Richtung Smíchov und denke an Sie, so wie immer, wenn ich in der Straßenbahn der Linie 9 Richtung Smíchov unterwegs bin.
Heute habe ich Glück. Ich fahre mit einer alten Bahn, mit einer rot-weißen Tatra, die man in Smíchov jahrzehntelang produzierte und in die ganze Welt verschickte. Die Fabrik gibt es in Smíchov schon lange nicht mehr. Nach der Wende wurde sie abgerissen, und jetzt steht da ein riesiges Einkaufszentrum. Seitdem haben die alten Tatras kein Zuhause mehr. Sie leben alle im Exil.
Doch Prag ist immer noch eine tolle Straßenbahnstadt. Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, war es an der Straßenbahnhaltestelle auf der Nationalstraße, der Národní třída. Sie kamen mit der Linie 9 aus Smíchov an und ich mit der Linie 9 aus Žižkov. Die Linie 9 verbindet wie eine Perlenkette die beiden weit entfernte Stadtteile. Die Perlen sind die Sehenswürdigkeiten, die man während der Fahrt vor dem Fenster sieht und sammelt. Der Hauptbahnhof, der Wenzelsplatz, die Moldau mit Burg. Oder das Nationaltheater.
Die gleichnamige Haltestelle liegt im Herzen der Stadt, etwa auf halber Strecke der Linie 9. Damals sind Sie in das Delikatessengeschäft U Paukertů gegangen. Zum Paukert, um hier ein chlebíček zu essen, ein belegtes Brötchen, ein absoluter tschechischer Klassiker, der hier erfunden wurde – eine Scheibe Weißbrot belegt mit Kartoffelsalat, Schinken, Ei und Gurke. U Paukertů zählt zu den bekanntesten Prager Delikatessengeschäften und wurde 1916 gegründet, in dem Jahr, in dem Sie, liebe Lenka, geboren wurden.
Damals ging auch in das Geschäft hinein und bestellte ein chlebíček. Ich traute mich nicht, Sie anzusprechen. Nach dieser kleinen Mahlzeit standen wir beide auf und gingen über die Straße am Nationaltheater vorbei bis zum Goethe-Institut. Sie waren dort Stammgast. Ich weiß nicht, wer damals in Prag gelesen hat. Judith Hermann? Ingo Schulze? Thomas Brussig?
Später, als uns ein gemeinsamer Freund persönlich vorstellte und ich Sie in Ihrer Wohnung besuchen durfte, haben Sie erzählt, dass Sie gerne in Prag mit der Straßenbahn unterwegs sind. Die Haltestelle Klamovka der Linie 9 befindet sich auch gleich direkt vor Ihrem Haus auf der Plzeňská ulice, Pilsner Straße also, gegenüber eines wunderbaren Parks.
Ich kam immer zu spät, wenn ich Sie besuchte. Und Sie haben in der Tür immer gelacht.
»Sie sind ein Tscheche. Die Tschechen dürfen doch ein wenig später kommen. Bei einem Deutschen würde ich mich eher wundern.«
Und dann saß ich schon in Ihrem Wohnzimmer an einem kleinen Tisch, wo der Kaffee aus einer Glaskanne duftete. Die Kanne war immer warm angezogen, wie in einen kleinen roten Pullover gesteckt. Wahrscheinlich, damit der Kaffee länger warm blieb für die Gäste, die sich verspäten. Oder damit die Kanne nicht so nackt aussah. Auch ein Teller mit Keksen stand immer auf dem Tisch.
Und dann ging es los.
Ein Keks.
Eine Geschichte.
Wir tranken Kaffee, hörten die Straßenbahn quietschen und läuten, manchmal auch Krankenwagen und ungeduldige Autofahrer an der Kreuzung hupen. Wir erzählten und erzählten. Sie haben sich für alles interessiert. Für Politik in Tschechien und in Deutschland, für Europa, für die Geschichte, die neuesten Bücher und Filme, die gerade im Kino zu sehen waren, und auch für Fußball und Eishockey. So ging es nicht nur um Franz Kafka, Egon Erwin Kisch, Judith Hermann, Pavel Kohout und Ivan Klíma, sondern auch um Jaromír Jágr, den wohl bekanntesten tschechischen Eishockeyspieler. Vom Eishockey hatten Sie viel mehr Ahnung als ich. Viel mehr Ahnung als unser Verleger Joachím Dvořák vom Labyrint-Verlag, der Sie auch oft besuchte und der sich in Sachen Sport ziemlich gut auskennt.
So vergingen Stunden. Aus dem Nachmittag wurden Abend. Und oft war es sogar spätabends, wenn ich Ihre Wohnung verließ und von der Straßenbahnhaltestelle hoch zu Ihrem Fenster hinaufschaute.
Ja, Prag ist eine Straßenbahnstadt. In der Straßenbahn las ich auch Ihr Buch Das Traumcafé einer Pragerin, das nach riesigem Erfolg in Deutschland 2001 endlich auch in der tschechischen Übersetzung erschien.
Diese Buch sollte man unbedingt in Prag lesen und am besten tatsächlich in einer Straßenbahn, warum nicht auch gleich in der Linie 9. Man sitzt im Wagen und die Stadt zieht mit ihren Geschichten an einem vorbei. Mit ihren Geschichten, die immer wieder durch und um diese Stadt kreisen, so wie die Straßenbahnen. Mit den Geschichten, die Sie so kristallklar erzählen. Denn das haben Sie immer betont: »Ich bin keine Schriftstellerin. Ich bin Erzählerin.« Und eine sehr gute Beobachterin und Zuhörerin. Auch das habe ich von Ihnen gelernt. Wenn jemand schreiben möchte, sollte er Augen und Ohren offen halten. Alles aufsaugen und aufschreiben.
Die Straßenbahnen in Prag fahren langsam. So hat man viel Zeit. Für die Stadt. Fürs Lesen.
So sitzt man in der Bahn mit Ihrem Buch und liest. Die Straßenbahnen von Prag schleichen sich an den alten Häusern vorbei. Wie vor hundert Jahren. Wie in hundert Jahren. Sie fahren vorbei an dem eleganten Café Imperial, wo Sie gerne waren, und wo das schönste Porträt von Ihnen entstand. Ganz allein sitzen Sie in diesem imposanten hohen Raum, als würden Sie auf Gäste warten, die gleich kommen müssen, und über sie dann schreiben werden. Und auch am Café Arco fahren die Straßenbahnen vorbei, wo sich Franz Kafka und Milena Jesenská kennenlernten. Heutzutage wäre das nicht so einfach. Denn das Café dient mittlerweile als Kantine für die Prager Polizei.
Auch über das Café Louvre schreiben Sie und über das legendäre Café Slavia mit dem schönsten Ausblick von ganz Prag, wo ich Sie öfter sah. Sie saßen an einem großen runden Tisch in der Ecke. Ein strategischer Ort. Man sieht den Eingang ins Café, man sieht das Nationaltheater, man sie sieht die Moldau und den Hradschin, man sieht auch die Brücke, über die die Linie 9 Richtung Smíchov fährt.
Einmal sah ich Sie da ein wenig ungeduldig sitzen. Ein deutsches Fernsehteam wollte Sie hier filmen, es war Ihr Vorschlag. Sie empfingen hier manchmal Journalisten, in diesem wunderschönen Café, wo man bis heute oft den Schriftsteller Pavel Kohout antreffen kann und andere Künstler und Theatermenschen. Doch die Deutschen verirrten sich irgendwo in der Stadt und konnten das Café Slavia nicht finden. Sie saßen da, und wir sprachen kurz miteinander. Sie waren dann doch ein wenig verunsichert, die Tschechen wie ich dürften sich verspäten, aber die Deutschen!
Doch dann waren sie endlich da, die Fernsehleute. Sie bauten schnell die Kameras auf und warfen das Licht an. Und Sie fingen an zu erzählen und strahlten in diesem weißen grellen Licht wie ein Stern im Himmel.
Das Traumcafé einer Pragerin, dieses kleine wunderschöne poetische Buch, war für viele Tschechen eine wahre Entdeckung. Sie waren für uns eine Entdeckung, liebe Lenka. Das Buch wurde in Tschechien schnell zum Bestseller. Genau wie später auch die anderen Bücher von Ihnen, die auf Tschechisch erschienen sind.
Plötzlich waren es nicht nur Deutsche, sondern auch Tschechen, die Ihre Telefonnummer im Telefonbuch von Prag fanden und Sie anriefen. Oder Sie in der Straßenbahn ansprachen. Plötzlich waren wir es, die ein anderes Prag vor Augen hatten. Das Prag, das viele nicht kannten. Das vergessene, verdrängte, verschwundene Prag. Das mehrsprachige, viel größere, spannendere und vielfältigere Prag von einst, wo die beiden Sprachen, Tschechisch und Deutsch, ganz selbstverständlich aufeinandertrafen, so wie in der Wohnung Ihrer Familie in Karlín, wo Sie aufwuchsen. So wie später in Ihrer eigenen Wohnung in Smíchov. Das Prag von Franz Kafka, Max Brod, Egon Erwin Kisch, das Prag von Jaroslav Hašek und Jaroslav Seifert.
Sie alle sitzen in Ihrem Buch in einem Café hoch über der tschechischen Hauptstadt. Hier, zwischen den Wolken, trinken sie Kaffee, Wein oder Bier und reden miteinander. Vor allem reden sie aber mit Ihnen. Dieses Zusammentreffen liest sich wie ein poetisches Theaterstück. Viele kannten Sie persönlich, andere aus Büchern. Die Gäste reden über das Leben und die Liebe, über den Tod, über die Zerstörung und den Hass, über die Flucht und das Exil. Und auch über Ihr Prag, über eine Stadt, die alle für kurz oder lang zusammenbrachte. In Ihrem himmlischen literarischen Café trafen Sie aber auch die deutschen Emigranten, für die Prag und die Tschechoslowakei in den Dreißigern Zufluchtsort war, nach dem die Nationalsozialisten Deutschland erobert hatten.
Die Lektüre macht einen unglaublich glücklich und zugleich auch ein wenig traurig. Denn man liest auch darüber, was wir alles verloren haben. Sie schreiben gegen das Vergessen. Dieses Buch ist ein lebendiges Archiv.
»Mein Schicksal war das Exil«, haben Sie häufig gesagt und auch geschrieben. Denn das friedliche Zusammenleben in Prag dauerte nicht lange. 1938 besetzte die Wehrmacht die tschechischen Grenzgebiete, das sogenannte Sudetenland. Im März 1939 besetzten die Nazis das ganze Land, auch Prag.
Bald waren viele auf der Flucht, auch Sie. Deshalb habe ich auch in Paris an Sie gedacht. Und in Versailles und Marseille, wohin es Sie auf der Flucht verschlug. Und ich werde auch an Sie denken, wenn ich irgendwann nach Casablanca oder Mexiko-Stadt komme, auch dort waren Sie und haben viel davon erzählt. In Mexiko erlebten Sie das Ende dieses letzten schrecklichen Kriegs, in dem Ihre ganze Familie in Prag von den Nazis umgebracht wurde.
Oft wurden Sie gefragt, wie Sie auf Deutsch schreiben können, nach alldem, was passiert war. Und sie antworteten, sehr geduldig, ruhig, so wie immer, dass die Sprache dafür nichts kann.
Die Tatra ist eine alte elegante Dame, sie ähnelt eher einem kleinen Schiff als einer Straßenbahn, einer Gondel. Gebaut wurde sie in der Zeit des Prager Frühlings. Von diesem hoffnungsvollen Frühling, den auch Sie miterlebt hatten, und von dem Sie mir erzählten.
Im folgenden neostalinistischen Winter wurden Sie zum zweiten Mal aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Sie wurden zwar von den Genossen nicht verhaftet und eingesperrt, wie Anfang der Fünfzigerjahre, aber man versuchte Ihnen das Erzählen zu verbieten: Ihr Buch Alle Farben der Sonne und der Nacht, wo Sie von dieser schweren Zeit schreiben, wurde 1969 eingestampft und konnte erst nach der Wende erscheinen.
Einmal erzählten Sie mir, dass Sie einen der Peiniger, der Sie damals in der U-Haft verhörte und schikanierte, in der Straßenbahn wiedererkannten. Er erkannte sie auch. Er bekam vor Ihnen, einer kleinen, zierlichen Frau, und vor dem, was er getan hatte, Angst und eilte schnell zum Ausgang.

Prag 2021 anläßlich der Lesung "Lenka"
mit Anna Fodorová, Franz Kafka Gesellschaft
Foto Zeitzug
Nach 1968 durften Sie in der Tschechoslowakei nicht mehr publizieren. Und doch erschienen ein paar Bücher von Ihnen. Nicht in Prag, sondern in der DDR. Ich erinnere mich, wie Sie mir und auch sich selbst nicht erklären konnten, wie es dazu kam. In der ČSSR verboten, in der DDR gedruckt und viel gelesen. War es ein Zufall? Ein Versäumnis der Genossen, die nicht aufgepasst haben? Ein glücklicher Fehler im System also? Oder hängt es mit Ihrer langjährigen Freundschaft mit Anna Seghers zusammen, mit der Sie in Mexiko im Exil waren? So hat man Sie in Prag über die Jahre ein wenig vergessen Bis der Verleger Joachim Dvořák vom Labyrint-Verlag Sie eines Tages anrief, um Ihnen zu sagen, er möchte Ihre Bücher auf Tschechisch verlegen.
Das Traumcafé einer Pragerin ist dann 2001 im Labyrint Verlag erschienen. 2002 ist auch mein erstes Buch Der Himmel unter Berlin im Labyrint-Verlag erschienen, das ich während eines Stipendiums in Berlin schrieb.
Für dieses Stipendium schrieben Sie mir auf Ihrer alten Schreibmaschine eine Empfehlung. Vermutlich auf genau der Schreibmaschine, auf der Sie alle Ihre Bücher verfassten Ich habe Ihren kurzen Brief an die Universität bis heute.
Ich denke sehr oft an Sie, liebe Lenka. Ich höre immer noch Ihr schönes melodisches Prager Deutsch, Ihr schönes melodisches Prager Tschechisch. Sie haben mir beigebracht, wie wichtig es ist, die beiden Sprachen zu sprechen. Tschechisch und Deutsch. Denn vielleicht kann man nur so Prag verstehen.
Ich dachte an Sie, als ich an meiner Novelle Nationalstraße arbeitete, wo es um einen Vorstadtcowboy geht, der genau auf dieser Straße, wo ich Sie, liebe Lenka, zum ersten Mal sah, am 17. November 1989 mit einer Schlägerei die Samtene Revolution losgetreten hat. Vandam nennt sich der Mann, und ich habe ihm einen Satz von Ihren Sätzen in den Mund gelegt: »Der Mensch darf sich nicht selbst bedauern, sonst kommt man im Leben nicht weiter, sonst zerfließt man im Selbstmitleid."
Ich dachte an Sie, als ich Winterbergs letzte Reise geschrieben habe, meinen ersten Roman auf Deutsch. Die Frau aus Liberec, die Winterberg im letzten verrückten Jahrhundert verloren hat, und der er durch halb Europa nachreist und nachtrauert, heißt auch Lenka, so wie Sie. Auch sie ist eine Jüdin auf der Flucht vor den Nazis. Auch sie könnte viel von ihrem Schicksal im Exil erzählen.

Franz Kafka Gesellschaft Prag
Foto Zeitzug
Liebe Lenka, milá Lenko, das Delikatessengeschäft U Paukertů auf der Nationalstraße gibt es leider nicht mehr. Heute ist hier ein Bierlokal. Doch die Linie 9 fährt immer noch daran vorbei. Die Straßenbahn macht auch vor Ihrem Haus kurz Halt, wo eine Gedenktafel angebracht wurde, die an Sie erinnert. Und das Prager Literaturhaus, das Sie gegründet haben, um die deutschsprachige Literatur von Prag zurück ins Gedächtnis zu holen und weiterleben zu lassen, bringt immer wieder neue Generationen zusammen.
Und ich glaube, im Café Slavia ist immer noch ein Tisch für Sie reserviert. Mit dem Blick auf das Nationaltheater und die Moldau. Erstaunlich, wie viele Leute auch heute noch in Prag in der Straßenbahn Bücher lesen. Auch das wunderschöne Buch über Sie, das Ihre Tochter Anna schrieb.
PS: Bei der Vorstellung der tschechischen Erstausgabe des Buches »Lenka« am 20.Juli 2021 von Anna Foderová im Garten der Franz Kafka Gesellschaft war ich anwesend und führte danach ein Gespräch mit Anna Foderová. Das Nachwort von Jarorslav Rudiš fand ich in der deutschen Ausgabe, btb Verlag München, 2020. Die deutsche Ausgabe des Buches erhielt ich als Geschenk von Alena Wagnerová, bei einem ihrer Prag Besuche. Aus dem Café Slavia flüchteten wir 2021, weil es dort so laut war – an einen ruhigeren Ort. Milena Findeis