Ukrainische Literatur
Crash Kurs in Molotow Cocktails
Gedichte, Halyna Kruk

Halyna Kruk, geboren 1974 in Lwiw, ukrainische Dichterin, Übersetzerin und Hochschullehrerin. Sie lehrt in Lwiw europäische und ukrainische Barockliteratur.
Seit 2011 erzählen ihre Gedichte, Prosatexte vom bedrohten Frieden.
Seit 2014 schreibt Halyna Kruk in lyrischer Sprache über den Krieg und wie Menschen, die dieser Gewalt ausgesetzt sind, diese verarbeiten.
Herausgeberinnen und Übersetzerinnen des Gedichtbands »Crash Kurs in Molotow Cocktails«, sind Claudia Dathe und Stefanijya Ptashnyk.
Erschienen ist der Gedichtband bei Edition fotoTAPETA, Berlin 2025.
Mit Genehmigung des Verlags nachstehend drei Gedichte aus dem 166-seitigen Gedichtband
Die Geschichte der Menschheit
jemandes Krieg entrinnen, bis zum eigenen warten
jemandem rechtförmige Zielscheiben auf die Brust malen,
noch nie traten wir so nah an den Rand der Welt,
uns traut bei den Händen haltend,
schauten so forschend über den Rand hinaus, so geschützt
wie tief es da? wie lange fliegt man denn?
lassen die ersten die nächsten weicher fallen?
schummrige Welt, zu der noch immer Licht dringt
von entfernten Sternen, längst erloschenen,
das senkt sich so gleichmäßig, als sei nichts passiert,
bricht sich so scharf in Wassern, Augen
und anderen von jetzt ab undurchdringlichen Flächen,
spiegelt sich so verzweifelt im Metall,
als sei alles auf eine blutige Weltkarte gesetzt
was sich der Hände erwehrt, gibt sich nicht mehr in die Hand
sich ans Dunkel gewöhnen, die Waffen reinigen
Munition sichern
Seite 27 übersetzt von Claudia Dathe
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die Geschichte wird mit Blut geschrieben
und dann, etwas später
kommen diejenigen, die Satzzeichen setzen,
Pausen und Akzente, Kursiva und Kapitälchen,
sie streichen aus, was jemandem kränken und entsetzen könnte,
entfernen Überflüssiges und Unästhetisches, lektorieren
um die Weichherzigen nicht zu schockieren, um die Verletzlich
nicht zu verletzen
ändern die Reihenfolge, schmücken aus,
fügen hinzu aufschlussreiche Details,
damit die Kinder ein paar Anhaltspunkte haben, wenn sie den
Unterricht vorbereiten:
ein paar Symbole, Zitate und Zeichen
und dann kommen jene,
die bereinigen und bleichen,
die das Blut reinwaschen
alles zu einem leicht verdaulichen Text verwässern –
hier ist niemand gestorben
hier wurde niemand getötet
alles ließ sich ganz einfach erreichen,
wie praktisch spielerisch zu gewinnen – mit links, gleich beim
ersten Versuch
und dann kommen jene, die zweifeln
und denken, es war doch zu leicht,
da gab es nichts zu verteidigen,
alles passierte von selbst
und hinterher muss man wieder jene abteilen,
die mit ihrem eigenen Blut bezahlen,
und jene, die sie beweinen,
bezahlen und weinen
Seite 28, 29 übersetzt von Stefaniya Ptashnyk
6. Januar 2025
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Gefeiert wird jetzt bei uns jeden Tag, an dem man überlebt
Badewanne ist in Wirklichkeit da,
damit das Kind fort schläft,
Flure werden von nun an sehr groß projektiert,
die Fußböden warm konzipiert,
mehrere Leben empfehlen sich als Reserve wie auch Aderpressen
für den Todesfall
wir sitzen im Bauch dieses Hauses wie Jona im Wal,
in uns versteckt sich unser Blut, rot wie Himmel beim Erwachen
der Sonne
skrupulös prüfen wir jede Information
als ginge es dabei um Desinfektion
der Wunden, Nachrichten klingen
wie gemischte Chöre aus »Carmina Burana«,
gedenke unser, oh Herr, in deinem Wolkenreich,
wir wünschten, das Leben wäre ruhig und freudenreich,
wir brauchen kein anderes gelobtes Land, ehrlich gesagt,
nur diese Welt – merkst Du, Gott, wie sündhaft
wir an ihr hängen?
unsere Zukunft ist voller Rauch, verrußt von den Bränden,
Vater, in deinem Glaubensbekenntnis steht gar nichts von
Grenzenlosigkeit oder Grenzen,
auch nichts davon, wie man mit letzter Kraft am Rand eines
Abgrunds
einen Menschen hält an schluchzenden Schultern,
deshalb sich uns unverständlich Gottes merkwürdige
Taten
uns mangelt es nicht an Glauben, aber weshalb Gehorsam
verlangen?
gieße diesen Leidenskelch aus, Vater, töte die Schlange.
Seite 35, 36 übersetzt von Stefaniya Ptashnyk

GLÄSERNER VORHANG MIT CORNELIUS HELL - Halyna Kruk
Halyna Kruk: »Crashkurs in Molotowcocktails. Gedichte« (übersetzt. von Claudia Dathe und Stefaniya Ptashnyk; edition fotoTAPETA)
In ihren Gedichten widmet sich die vielfach ausgezeichnete Autorin der »wachsenden Bedrohung des Friedens« und findet »eine lyrische Sprache für den Einbruch von Krieg und Gewalt in das Leben der Menschen« (Verlag). Gespräch über das Buch und die Übersetzung mit Halyna Kruk sowie mit ihrer Übersetzerin Stefaniya Ptashnyk. Dolmetsch: Stefaniya Ptashnyk Moderation: Cornelius Hell,
18.2.2026, Österreichische Gesellschaft für Literatur