Die Lust auf Zeit

Yevgeniy Breyer

Gelesen vom Autor, Tage der deutschsprachigen Literatur, 1. Juli 2023, Klagenfurt

 

Apropos Gesicht. Seltsam, wie die Merkmale, Züge, an Bedeutung verlieren, obwohl sich erlebte Zeit in sie eingeschrieben hat. Erlebt, im Sinne einer aktiven Handlung wie „Ich habe es mir hart erlebt“, nicht im Sinne von „angeeignet“. Die Falte zwischen der linken und der rechten Stirnpartie als Symbol des Nachdenkens, abwechselnd Quäntchen Qual oder mein kleines Glück. Sie sieht blass aus, beinahe flach, ausradiert vom weißen Licht, das der Spiegel zurückwirft, förmlich in die Augen schießt. Auch diese Falte habe ich mir erlebt und ich weiß noch, wie ich sie zum ersten Mal bemerkt habe, zuerst mit den Fingern tastend, beim Verwischen von Nachtschweiß, Panikschweiß nach dem morgendlichen Anruf meiner Mutter. Was sie tun solle, mein Vater sei gefallen, liege auf dem Boden und könne sich nicht rühren, hätte sie mir sagen wollen, hätte ich den Anruf nicht verpasst. Und dann der eigentliche Anruf, einige Stunden später, er habe einen Schlaganfall erlitten – erlitten! –, liege auf der Intensivstation, sie habe nicht gewusst, was tun und er habe ihr stundenlang verboten, den Krankenwagen zu rufen und so weiter. Aber was tun? Da. Hier also zum ersten Mal die Falte ertasten. Was für ein dunkler Moment, denke ich später im Zug auf dem Weg ins Krankenhaus, was für eine Dunkelheit, die aufzieht. Und mir fällt ein, dass ich doch eigentlich einer dieser Menschen bin, der Glück hat. Pure Reinheit, pures Glück, das sich auf meine Umwelt auszustrecken vermag. Mir fällt mein Großvater ein, wie ich nach einer OP an seinem Krankenbett sitze als Dreizehnjähriger und mir sicher bin, dass ein finsteres Loch, eine Aura von Grauen um ihn kreist. Eine Niere in der Klinik zu verlieren ist schlimmer als ein Bein im Krieg, sagt er. Ja, Opa, stimmt, sage ich. Stimmt auffallend! Aber ich sag‘s Jahre später vor mich hin als ich allein bin und er längst tot ist. Die Stirnfalte also, aber was noch? Das Kinn, das gespaltne. Sage ich ins Wartezimmer, Kinnlein, Kinnchen, Kinn, das spricht! Mein Gegenüber im Spiegel lächelt mich an. Auch er wartet, denke ich, auf nichts Neues. An der Rezeption räuspert sich ein Empfangsjunge, sein Krächzen wird zum Rauschen und legt sich als Schutzfilm auf meine Ohrmuscheln. Die vierte Notaufnahme dieses Jahr, sage ich dem Gegenüber, wie viele werden es? Bei der ersten schneite es und die Schuhe der Angehörigen hinterließen matschige Spuren auf dem Linoleum, bei der zweiten regnete es und die Jacken und Anoraks hinterließen kleine Pfützen. Beim dritten Besuch wehte ein enormer Wind, ein exzessiver Sturmwind, der die Äste der Bäume zu Splittern zerriss, die Menschen davontrug ins Unbekannte und bloß ihre Schirme verschonte, die herrenlos über die Straßen kreiselten, dann verharrten wie angeklebt an Asphalt, Erde, Kies. Jetzt Sonne. Sonne, die die Gedanken gleich aufhellt, wärmt, umsorgt mit Vergessen oder Erinnerung, je nach Bedarf. Das Gegenüber sieht auf die Uhr. Wie lang warte ich, denkt es, es sind doch drei Stunden. Oder vier? Oder sind es Minuten? Nein, es müssen Stunden sein, die Ärztin geht achtundvierzig Schritte den Gang entlang, bis sie in das Zimmer eintritt, in dem mein Vater liegt. Weil sie langsam geht, dauert es länger als eine Minute. Sie verbringt vierundsechzig Atemzüge im Zimmer. Weil ich langsam atme, dauert das etwa fünf Minuten. Dann geht sie den gleichen Weg zurück, wechselt zwei Worte mit dem Empfangsjungen, der zwei oder drei Atemzüge lang überlegt, etwas in einem Kalender notiert, ein Kreuz macht und ihr zunickt. Ab da sind es sechzehn Schritte in ihr Büro. Wie oft hat sich das zugetragen? Siebzehn Mal, antworte ich ihm. Siebzehn Mal? Siebzehn Mal. Aber die Wartezeit dazwischen! Die Stirnfalte, das Kinn, das doppelte, was noch?, denke ich, was noch? Die Augen waren immer schon unauffällig, dazu gibt es nichts zu sagen. Höchstens die Augenbrauen, die seit Kurzem längere weiße Härchen tragen zwischen den braunen. Ich mag sie sehr und reiße sie dennoch raus, aus Zwang oder Neurose. Grübchen, Wangenknochen, die ganzen Dinge, die man kennt, völlig unbedeutend, belanglos geworden. Das persönliche Leid und das universelle, sage ich meinem Gegenüber. Das Universelle, hallt es zurück, ist wichtiger, Menschen sind zum Leiden gemacht, aber nicht die Gesellschaft. Nicht die Gesellschaft? Aber besteht sie nicht aus Menschlein?, frage ich zurück. Die grundsätzliche Gesellschaft besteht aus allem, Stein, Holz, Saft, Fleisch, Fernlenkung und Vögeln. Aber die akute Gesellschaft ist bloß das, was in diesem Zimmer Platz hat, sechs rote Polsterstühle, eine gelbe PVCKommode, eine Topfpflanze, deren Bezeichnung du nicht kennst, ein Spiegel, eine Deckenlampe, das Licht, das sie wirft und die Kälte, in der du in deiner Kleidung sitzt, deiner  hellgewaschenen, früher dunkelgrauen Stoffhose, dem Hemd mit zu engem Kragen, das du seit vier Tagen trägst, die weißen Sandalen. Weiße Sandalen. Und meine Gedanken, werfe ich ein. Und meine Gefühle, Wünsche und so weiter. Und so weiter und so fort, spricht der Spiegel. Die Ärztin verlässt ihr Büro und spaziert vorbei an der Rezeption, spaziert zum Zimmer, in dem mein Vater wartet. Sie öffnet die Tür, sieht hinein, dreht sich zu mir um, nickt mir zu und wartet einige Atemzüge, bis sie im Zimmer verschwindet, sich schlucken lässt und die Tür hinter ihr zufällt. Reines pures Glück.

Es ist warm, aber nicht zu warm. Ich schwitze dennoch, wie immer. Ich habe gelesen, dass den Menschen, die besonders viel schwitzen nachgesagt wird, sie lebten länger und empfänden Lust stärker. Sie seien angesichts von Katastrophen resilienter als andere, deren Körper ans Schwitzen weniger gewöhnt seien und deren Schweiß deshalb untrennbar mit Panik verbunden sei. Mein Körper kennt das, er lässt sich nicht von Angst oder von Trauer überwältigen. Für ihn ist die tägliche Katastrophe kaum anders als die großen Bewegungen, die um ein Menschenleben kreisen und es in einem Moment von Unachtsamkeit umwerfen. Der Großvater ohne Bein, der schwitzte von klein an, kommt mir in den Sinn. Völlig durchnässt trat er vor die Tür, als sein Vater, mein Urgroßvater, als Staatsfeind nach Sibirien verschleppt wurde. Bis auf die letzte Naht durchgeschwitzt trat er in den Garten, als man seinen Vater zurückkarrte, um ihn vor seinen Augen lebendig zu vergraben, während die Flüssigkeiten aus den Körpern der Mutter und des Bruders nur so strömten, Rinnsale bildeten,  Sturzbäche. Aber er stand, erstarrt, denn er wusste, was auf ihn zukam. Mein Gegenüber sieht mich an und ich beobachte, wie seine Hände umherschweifen, einen Ort suchen und sich auf dem linken Oberschenkel beruhigen. Mir fallen Sätze ein, von denen ich nicht sicher bin, wer sie mir zugeworfen hat und wann. „Sag es nicht deiner Mutter“, „Partisanen atmen leise“, „Als kleines Mädchen habe ich am Fließband gestanden und Patronen gegen die Deutschen zusammengebaut“. Das Telefon an der Rezeption klingelt und der Empfangsjunge grüßt mit dem Stationsnamen. Nein, sie sei augenblicklich nicht zu sprechen, nein, er wisse nicht, wann sie wieder erreichbar sei. Dann notiert er eine Nummer für einen möglichen Rückruf. Lieb, denke ich. Was für eine Freude, Gefälligkeiten in Aussicht stellen zu dürfen, von denen man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weiß, sie einhalten zu können, Versprechen einhalten. Ich sage das ganz ohne Häme. Ich sage es dem Spiegel-Ich, dem Du, das mich denken hört und mich liest. Wir werden noch ein Weilchen hier sitzen, es miteinander in dieser Lage aushalten und plaudern. Es bleibt uns schlicht nichts übrig, als die Gefangenschaft als Chance zu begreifen. Dass aus manch misslicher Lage ein schönes Pflänzchen erwuchs, ist kein Geheimnis. Ich strecke dir meine Hand entgegen und du mir deine. Wir waren zwei – wir sind eins. Wieder klingelt das Telefon, der Junge sieht mit müden Augen auf das Display und überlässt das Gespräch dem Anrufbeantworter. Ich höre Geräusche aus dem Zimmer meines Vaters, helles Klopfen, Glockentöne, und bin unsicher, ob ich wach bin. Der Empfangsjunge bleibt ruhig sitzen und hackt rhythmisch in eine Tastatur. Ich überlege, aufzustehen und schaue in den  Spiegel, frage: Soll ich aufstehen? Soll ich dieses Zimmer betreten? Ich weiß nicht, sagst du, es ist deine Sache, deine Entscheidung. Die Zimmertür geht auf und die Ärztin tritt in den Gang, ohne hochzuschauen. Achtundvierzig Schritte, vorbei am Warteraum, vorbei an der Rezeption, sechzehn Schritte. Was bedeutet Entscheidung?

Starke Lust, stärkere Lust. Ist es vorstellbar, Lust zu vergleichen oder gar zu messen? Ein Mensch empfindet bei einer Tätigkeit Lust, ein anderer bei der gleichen Tätigkeit keine. Verständlich. Was aber, wenn derselbe Mensch, der dieselbe Tätigkeit soeben noch lustvoll verrichtet hat, diese im nächsten Augenblick als abstoßend wahrnimmt? Sie ekelt ihn! Du kennst das, es ist dir selbst hin und wieder passiert. Am Anfang hat es dich verstört, aber du hast dich bald daran gewöhnt, es ist auch nichts weiter dabei. Schwierig wird es erst, wenn die Lust nicht zum Eigensinn wird, weil Zweite, Dritte an ihr beteiligt sind. Du betrachtest dich im Spiegel. Du schwitzt. Du betrachtest die Arme des Empfangsjungen, du schwitzt. Auch beim Gedanken an den Kittel der Ärztin schwitzt du. Aber dir ist nichts vorzuwerfen, denn dein Schweiß hat, wie du weißt, keinen Grund. Mein Vater liegt in diesem Zimmer, denke ich, er muss es schaffen, er wird es schaffen, das Zimmer zu verlassen. Würde ich das Zimmer betreten und seine Hand nehmen, wäre es für ihn einfacher? Schwieriger? Natürlich einfacher, sagt der Empfangsjunge. Nein, sagt er nicht, das Gegenüber sagt es, es ist wieder bloß das Gegenüber. Mir wird ein wenig übel und mein Körper erinnert sich daran, wie ich am Klettergerüst hänge, ganz an dessen Anfang, wo die Füße beinahe den Boden streifen, immerhin die  zweite oder dritte Sprosse. Die anderen Kinder klettern munter an mir vorbei und beachten mich nicht. Immerhin!, sagt meine Mutter und sagt es mit ernsthaftem Stolz. Immerhin. Und meine Finger rutschen ab, dass ich auf den Rücken fliege und mir für mehrere Atemzüge die Luft wegbleibt. Das ist das erste Mal, dass ich denke, ich werde sterben. Nicht jetzt, aber sicher irgendwann.

Die Sonne färbt den Himmel in ein sattes Gelb. Wolken jagen sich und ihre Außenhaut erglüht, ihre Hüllen blitzen, wenn sie ineinanderschmelzen. Ein Vogel setzt sich auf ein Stromkabel und putzt seinen Schnabel. Fenster werden aufgemacht, damit neue Luft die alte ersetzt. Es wird Wäsche gewaschen, Worte fallen. Würdest du alles wissen, zur gleichen Zeit alles sehen, würdest du nicht umhinkommen, zu bemerken, wie auf einigen Bildschirmen die Nachrichten den heutigen Tag zusammenfassen und den morgigen ankündigen. Dieser Tag dringt nicht zu dir vor. Du wartest, hast keine Zeit für den Tag. Du hast schreckliche Lust, Lust auf Zeit. Dein Oberkörper steht krumm, dein Becken sitzt schwer auf deinen Beinen, deine Füße springen winzige Sprünge, die niemand braucht. Oh!, fällt es dir ein. Oh. Ich wollte doch hingehen, diese Tür aufmachen, das Zimmer betreten, die Hand meines Vaters nehmen, aber ich schaffe es ja nicht einmal bis zur mittleren Sprosse. Das Licht der Deckenlampe flackert und du suchst Bestätigung im Blick des Spiegelbilds. Warten Sie?, fragt die Stimme der Ärztin. Und ja, es ist leibhaftig sie. Worauf warten Sie? Und ich erzähle ihr die ganze Geschichte. Wie der Urgroßvater zum Nachbar einen Witz über Stalin machte, den dieser umgehend der Parteizentrale meldete. Wie er den Witz bei der obligatorischen Befragung wiederholte und darauf bestand, ihn nicht zurückzunehmen. Dann der Gulag, in Hemdkragen eingenähte Zettel, Briefe an die Ehefrau, transportiert als Wäsche. Auffliegen, lebendig begraben werden vor den Augen der Familie, was die Ehefrau bis ans Lebensende krank machen wird. Zwei Söhne, der eine meldet sich freiwillig an die Front, der andere verweigert. Der eine kommt stolz ohne Bein zurück, die Seele des andren verkümmert. Und alles akribisch weitergereicht, vererbt bis ins kleinste Detail, bis ins kleinste Trauma. An den Sohn, meinen Vater, den Kohlkopf, den klugen Lügner, der dümmer und dümmer wird im Alter und an den Enkel, mich, der alles weiß und nichts, und der immer schwitzt, immer dieser Schweiß, klebrige Hände und salzig-süße Haut. Wen kümmert das?, fragt das Gegenüber. Wer hat dich denn gefragt?, sage ich. Die Ärztin ist schon weg. Stunden sitzt du hier, Tage sitze ich hier wegen einer Kleinigkeit, einem Missverständnis, einem Unvermögen, das mich daran hindert, Mensch zu sein. Worauf warten Sie?, wiederholt die Ärztin, und außerdem spricht man nicht von Leuten, die man nicht kennt. Ich senke den Blick und betrachte meine Sandalen. Dann sehe ich wieder auf. Das Licht scheint angenehm und unauffällig, es ist ruhig, still. Kein Laut, kein Geräusch, nichts stört. Der Körper verlässt den Stuhl, richtet sich auf und steht gerade im Raum. Er wartet, dann setzt er sich in Bewegung, gleitet aus dem Warteraum über den Flur zum Zimmer des Vaters, und ich öffne die Tür. Im Zimmer sind vier Betten, auf drei von ihnen liegen Menschen, auf einem davon mein Vater, stoisch, entspannt mit geschlossenen Augen. Ich sehe, wie sich seine Brust langsam hebt und senkt. Er schläft ja nur. Hallo!, ruft ein Körper vom Bett am anderen Ende des Raums, kannst du mir ein Wasser bringen? Ich nehme ein Glas vom Beistelltisch am leeren Bett, fülle es im Bad mit warmem Wasser und bringe es dem Körper, der darum bat. Ich gebe es ihm in die Hand. Die Hand nimmt es, führt es zum Mund und kippt es sanft an, damit der Wasserfluss nicht gefährlich beschleunigt. Die Zunge empfängt das Wasser und hilft der Speiseröhre beim Schlucken, dann schmatzen die Lippen und die Hand stellt das Glas auf das Fensterbrett neben der Liege. Danke, ich danke dir vielmals, sagt die Stimme, warum hast du so lang gewartet?


Links:

  • Yevgeniy Breyger erhält  2023 den "manuskripte"- Preis des Landes Steiermark
  • Yevgeniy Breyger wohnt in Frankfurt und stammt aus Charkiw in der Ukraine. In seinem neuen Gedichtband „Frieden ohne Krieg“ spannt er den Bogen vom 2.Weltkrieg zum russischen Überfall der Gegenwart. Die Schriftstellerin Marjana Gaponenko meint: „Breygers Poesie ist in vollem Bewusstsein ihrer Verwundbarkeit. Außer ihrer unfassbaren Coolness, Aktualität und Anmut ist das eine ihrer Stärken.“
  • Mai 2023​»Ich habe mich frei gefühlt«​ Y​evgeniy Breyger, Porträt ​von Eugen El 18.04.2022