Julia Pajewska

Der Gedichtband LIVE, eine Ermutigung

Julia Paiewska

Screenshot von der Buchpräsentation, Meridian Czernowitz mit Julia Pajewskanz, 5.9.2025

 

„During war there is always a surge of poetry, or literature, or painting.“ 
Yuliia Paievska — call sign »Taira«, The Kyiv Independent, 8.7,2025

Julia Pajewska, Jahrgang 1968,  (Taira) – Soldatin, Sanitäterin, Freiwillige und Aktivistin; Kommandantin der Einheit „Engel von Taira“ sowie der Evakuierungsabteilung des 61. mobilen Militärhospitals (2018–2020); Designerin, Präsidentin der Aikidō-Föderation „Mutokukai-Ukraine“.

Seit 2014 nahm sie als Sanitäterin an der Revolution der Würde und am Krieg im Osten der Ukraine teil. Sie versorgte Verletzte und rettete Leben im Stahlwerk von Mariupol, dokumentierte die Kriegssituation dort mit ihrer Körperkamera und machte die Aufnahmen unter Lebensgefahr der internationalen Presse zugänglich. Sie überlebte die dreimonatige harte russische Gefangenschaft und Misshandlungen und kam am 17. Juni 2022 durch Gefangenenaustausch frei. In der Ukraine ist „Taira“ eine weithin geachtete „Heldin des Volkes“.

Sie wurde mit der Auszeichnung des Präsidenten der Ukraine „Für humanitäre Teilnahme an der Antiterror-Operation“, dem Orden „Volksheld der Ukraine“, den Medaillen „Für die Unterstützung der Streitkräfte der Ukraine“ und „Dem Verteidiger des Vaterlandes“ sowie den Ehrenzeichen „Zeichen der Achtung“ und „Für Verdienste um die Streitkräfte der Ukraine“ geehrt. Das Lew Kopelew Forum verlieh ihr den „Preis für Frieden und Menschenrechte 2023/2024“ .

Gedichtband "Live" Julia Paiewska

Über das Buch »Live«:

Dieser Gedichtband atmet die Atmosphäre des Krieges. Starke Lyrik, die kein Mitleid will. In ihr leuchtet die Kraft des Widerstands. »Live« spürt hinein in den Alltag und die Realität jener, die in der Ukraine leben.

In der online übertragenen Buchpräsentation von Meridian Czernowitz am 5.9.2025, liest Taira ein Gedicht, das sie auf FB veröffentlicht hat: Es ist Vasyl Stus gewidmet:

Пам'яті Василя Стуса

Ці сходи вгору.

Світло крізь мішок.

Кайданки вїлись в схудлі руки.

Я віддзеркалення не бачила давно...

Я так давно не бачила людей.

Як воду випила бездонні муки,

І як причастя випила отруєне вино.

Із справжнього зі мною: пересохла шкіра,

і пара строф, і люба Україна

далека в снах і споминах,

таємний знак із тонких пальців.

І запах ладана із геть розбитих шанців.

І кроки в гору і нестерпна віра.

Все вгору, вгору, як у чорну воду,

як в омут, в незбагненну височинь.

Кайданки вїлися. Бог плаче без причин.

І вивільняє кожен крок крізь смерть, свободу.

04-05.09.2025

In Gedenken an Vasyl Stus

Diese Treppe hinauf.

Licht durch den Sack.

Die Fesseln verhedderten sich in ausgemergelten Händen.

Ich habe lange kein Spiegelbild mehr gesehen...

Ich habe so lange keine Menschen mehr gesehen.

Anstatt Wasser trank ich bodenlose Qual,

Die Kommunion vergifteter Wein.

Von meinem wahren Ich: trockene Haut,

und ein paar Strophen, und die liebe Ukraine,

weit weg in Träumen und Erinnerungen,

ein geheimes Zeichen von dünnen Fingern.

Und der Geruch von Weihrauch aus völlig zerstörten Schützengräben.

Und Schritte bergauf und unerträglicher Glaube.

Alles hinauf, hinauf, wie in schwarzes Wasser,

wie in einem Strudel, in unfassbare Höhen.

Die Fesseln verhedderten sich. Gott weint grundlos.

Und erlöst jeden Schritt durch Tod, Freiheit.

04.-05.09.2025 Laienhafte Übersetzung  aus dem Ukrainischen
mit Hilfe von Google und Roman Nesterenco

 

»Hinter mir steht die Ukraine, mein unterdrücktes Volk, dessen Ehre ich verteidige oder untergehe.« Das schrieb der ukrainische Dichter und Freiheitskämpfer Vasyl Stus in seinen Notizen aus dem sowjetischen Straflager »Perm-36« (1983). Sein Widerstand gegen die von Moskau aus gesteuerte Russifizierungspolitik, sein unermüdlicher Einsatz für die ukrainische Sprache und Literatur, seine Übersetzungen deutscher und polnischer Lyrik ins Ukrainische sowie sein Kampf für politische Freiheit und die Achtung der Menschenrechte brachten Stus mehrfach in den Gulag. Auch zwischen den Haftzeiten unterlag er vielfältigen Repressionen, die bereits in seiner Studienzeit in Kyjiw einsetzten. 1980 wurde er erneut verhaftet und wegen »antisowjetischer Propaganda und Agitation« zu zehn Jahren »Lager mit besonderem Vollzug« verurteilt. 1985 verstarb der erst 47-Jährige im berüchtigten Straflager »Perm-36«, das speziell auf die Isolation politischer Häftlinge ausgelegt war.

Das Gespräch zwischen Julia Pajewska und Evgenia Lopata wurde während der YouTube-Live-Schaltung von Meridian Czernowitz ins Deutsche übersetzt, nicht jedoch die vorgetragenen Gedichte. Ich verstehe ein wenig Ukrainisch und es war der Vortrag der Gedichte, der direkt im Herzen landete. »Taira«, spricht von Erlebtem. Während der dreimonatigen russischen Gefangenschaft gab es weder Bleistift noch Papier. Sie hat trotz Verbots die Gefängniswände voll geschrieben. Sie hat von Jugend an geschrieben, zum Veröffentlichen hat sie Serhij Zhadan ermutigt. Unmittelbar nach der Buchpräsentation wird sie wieder nach Charkiw zurückreisen, um an dem Erhalt einer freien Ukraine weiter mitzuwirken. Der Mut dieser Frau, die Mariupol überlebt hat, lässt mich hin-ein-horchen, dockt an bei einem Sinn, der aus erlebtem Schmerz kommt und frei von Bitterkeit ist.

Prag, 5.9.2025, Milena Findeis

 

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