Wir sind Alexandriner
Eröffnungsrede zum XVII Meridian Czernowitz
Igor Pomerantsev
Czernowitz, 4. September 2026

Foto: Eröffnung mit Igor Pomerantsev, rechts, Foto Maxzym Kozmenko
Ich möchte Ihnen etwas Persönliches erzählen. In meiner Jugend war ich Optimist. Mir schien, und ich irrte mich nicht, meine Zukunft läge jenseits des Horizonts. Nach und nach veränderte sich meine Beziehung zum Horizont des Lebens, bis sie sich schließlich radikal wandelte. Doch ich habe einen Trick gefunden: Heute blicke ich nicht optimistisch in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit. Meine Vergangenheit ruht im Jenseits. Von allen Täuschungen ist die Selbsttäuschung die harmloseste.
In Beziehung zu meiner Vergangenheit sehe ich über das Jetzt hinaus.
In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre, kurz vor seinem Tod, bezeichnete der polnische Dichter Zbigniew Herbert in einer Radiosendung das Czernowitz der Zwischenkriegszeit als „das letzte Alexandria Europas“. Vielleicht ist dies das größte Lob für unsere Stadt. Im 3. Jahrhundert vor Christus erlebte Alexandria seine Blütezeit und war die Hauptstadt der hellenistischen Welt. Sie war ein riesiges Handelszentrum und ein wichtiger Knotenpunkt im Mittelmeerraum, wo Segelschiffe mit tiefen Laderäumen anlegten. Sie transportieren Getreide, Amphoren mit Wein und Olivenöl, Zimt, Kardamom, Ingwer, Papyrusrollen mit philosophischen Abhandlungen, historischen Chroniken, Werke über Mathematik, Medizin und Astronomie sowie Tragödien, Komödien und Gedichten. Die Rollen wurden in die Bibliothek von Alexandria gebracht – die größte Wissenssammlung der Antike. Der berühmteste Bibliothekar der Bibliothek von Alexandria war der Dichter Kallimachos. Damals wurden in der Stadt Dutzende Sprachen gesprochen, die wichtigsten waren Altgriechisch, Ägyptisch und Hebräisch. Ich hoffe, der Vergleich des österreichischen und rumänischen Czernowitz mit dem antiken Alexandria bedarf keiner weiteren Erklärung.
Doch wir treffen uns heute in einem anderen Czernowitz und zu einer anderen Zeit – nicht in der Zwischenkriegszeit, sondern inmitten des Krieges. Dank Meridian Czernowitz' wird die Stadt in der Westukraine, nahe der Grenze zu Rumänien, wieder drei Tage lang zu Alexandria, einem Ort, an dem Menschen und Bücher leben und Gedichte auf Ukrainisch, Deutsch und Hebräisch gesungen werden – jene Sprache, die im 3. Jahrhundert vor Christus auf den Straßen und in den Synagogen Alexandrias gesprochen wurde. Drei Septembertage lang werden wir alle dank der Magie der Lyrik Alexandriner sein.
Verstehen Sie jetzt warum ich mit Optimismus zurückblicke?
Vielen Dank. Danke schön. Ευχαριστήρια. Τοδου.
Sasha Boychenko, Igor Pomerantsev, Czernowitz 2026 Foto Maxym Kozmenko
Igor Pomerantsev hat diese Rede in Russisch geschrieben (von Sasha Boychenko ins Ukrainische übersetzt) auf Ukrainisch vorgetragen. Zu einem deutschen Text zusammengefasst unter zu Hilfenahme von Google Übersetzung von Milena Findeis.

