Wie können wir jetzt über die Zukunft der Ukraine sprechen?
Der Schriftsteller, Friedenspreisträger und Soldat Serhij Zhadan hat dazu zehn Thesen aufgestellt.
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe
Serhij Zhadan ist aus der Ukraine zur diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) angereist. Dieser Text basiert auf einer Rede, die Zhadan am Abend des 12. Februar 2026 im Rahmenprogramm der MSC vorgetragen hat.
1.
Fangen wir mal so an. Im Aufgang meines Charkiwer Hauses gibt es zehn Wohnungen. Im Erdgeschoss war eine Musikschule, die zu Beginn der russischen Vollinvasion geschlossen wurde. Im ersten Stock wohnt niemand – die alte Frau aus der einen Wohnung ist vor dem Beginn des Krieges gestorben, die Familie aus der anderen Wohnung gleich nach Kriegsausbruch weggezogen. Im zweiten Stock wohnt ein alter Mann. Noch vor zehn Jahren war er eine ziemlich imposante Erscheinung. Er lebt allein. Einkaufen geht er immer seltener – das Treppensteigen fällt ihm schwer. Neben ihm wohnt eine Familie, die das Treppenhaus in Ordnung hält und den Schlüssel zum Dachboden hat. Im dritten Stock steht auch eine Wohnung leer, wahrscheinlich ist die Familie ausgereist. In der Wohnung daneben lebt ein Geschäftsmann, einsilbig und einsam. Seine Familie hat er aus der Stadt weggebracht. In der vierten Etage ist eine Wohnung leer, die Bewohner sind zu Kriegsbeginn weggezogen, die andere Familie ist noch da, sie harren während der Raketenangriffe zu Hause aus. Im fünften Stock wird eine Wohnung vermietet, die Besitzer sind ausgezogen, in der anderen Wohnung lebe ich.
Meistens haben wir Strom, Wasser und Heizung. In den letzten Monaten jedoch verfällt das Haus nach den Angriffen in Starre. Der Strom bleibt aus, das Wasser bleibt aus. Binnen weniger Stunden kühlt das Gebäude aus wie ein auf der Autobahn überfahrenes Tier. Und mit ihm frieren seine wenigen verbliebenen Bewohner. Dann wird alles instand gesetzt, und das Haus erwacht wieder zum Leben. In diesem Winter frieren alle. Unsere Städte werden zerstört, man versucht, sie zu töten. Manchmal denke ich, dass ein Haus, wenn man es vergisst und das Licht nicht einschaltet, einfach erfriert. Und seine Bewohner auch. Dafür braucht es nicht lange. Einen Tag vielleicht. Oder zwei. Und jetzt lassen Sie uns über die Zukunft sprechen.
2.
Über die Zukunft zu sprechen, ist besonders vage, wenn der Gegenwart jegliches Gleichgewicht fehlt. Krieg – das ist vor allem ein zerbrochenes Zeitgefühl: Du versuchst, dich an den Moment zu klammern, in dem du gerade lebst, und verlässt dich weniger auf das Morgen. Der Luftalarm ist eine einfache Erinnerung daran, dass all deine Pläne korrigiert und von einem Außenstehenden umgeworfen werden können, von jemandem, der mit deinen Vorhaben überhaupt nichts zu tun hat. Wenn du in einem totalen Vernichtungskrieg zu sehr auf die Zukunft baust, wirst du verwundbar und dysfunktional, denn die Zukunft kann dich jeden Augenblick im Stich lassen. Wenn du dich hingegen von der Notwendigkeit, zu überleben, der Notwendigkeit, durchzukommen, leiten lässt, hast du bessere Chancen. Wie dem auch sei, für visionäre Vorstellungen bleibt relativ wenig Raum.
Mit dem Beginn der Vollinvasion hat für viele von uns, Ukrainer, die zeitliche Kontinuität einen Bruch erlitten, die Linearität, die Ordnung ist verloren gegangen. Ein Leben im Krieg ist ein Leben ohne Garantien. Aber selbst in diesen allerdunkelsten Zeiten müssen wir formulieren, was morgen mit uns sein könnte. Einfach um auf das Schlimmste gefasst zu sein. Und um uns, falls es anders kommt, über das Beste nicht zu wundern.
3.
Wie sollen wir über eine Zukunft sprechen, über deren Format in Verhandlungen entschieden wird? Wie sollen wir die eigenen Vorstellungen und Erwartungen an die Zukunft mit der Rhetorik eines Besatzers, der sich vor allem unsere Kapitulation wünscht, in Einklang bringen? Wir haben eine Vorstellung davon, wie die Welt aussehen sollte, wenn wir erwachen. Aber wir wissen nur zu gut, dass bei Weitem nicht alle unsere Erwartungen zu erfüllen sein werden. Gerechtigkeit ist kein zwingender Bestandteil unserer Wirklichkeit. Aber unser Streben nach Gerechtigkeit ist natürlich und ungebrochen. Meiner Meinung nach ist es genau das, was es heute vielen von uns ermöglicht, nicht in Illusionen zu verfallen und doch die eigene Würde zu bewahren. Denn was ist Würde? Sich nicht dafür zu rechtfertigen, dass man das Verlangen und den Anspruch hat, man selbst zu sein. Sich nicht zu verleugnen. Keine Angst zu haben, man selbst zu sein.
Im Moment der tiefsten Dunkelheit von Licht zu sprechen, ist das Schlimmste. Denn die Versuchung, daran zu glauben, dass die Dunkelheit keine vorübergehende Erscheinung ist, dass sie uns von nun an womöglich für immer begleiten wird, ist groß. Dabei sollten wir eine einfache Sache nicht vergessen: Die Zukunft der Dunkelheit ist ebenso ungewiss. Auch sie hängt von zahlreichen Faktoren ab. Und einer dieser Faktoren ist unsere Bereitschaft, diese Dunkelheit zu überstehen.
4.
Versuchen wir also, über die Zukunft zu sprechen. Was können wir mit Sicherheit von der Zukunft sagen? Wir wissen genau, von wo aus wir in sie eintreten werden. Eintreten werden wir von unserer heutigen tiefen Dunkelheit aus. Aus Dämmer und Schwarz. Und dieses Schwarz, diesen Dämmer haben wir in unserem Rücken als Teil unserer Erinnerung und unserer Erfahrung. Und als eine Konstante für die Zukunft, um die es uns hier geht. Denn eins ist klar: Die Zukunft – und mag sie noch so bunt sein – wird von den Zeichen dieses Dämmers, von seiner Präsenz in unserer Erfahrung geprägt sein. Darauf müssen wir uns einstellen. Ein Krieg ist meist nicht mit dem Kriegsende vorbei. Wir müssen uns klarmachen, dass wir es mit seinen Geistern und Schatten noch sehr lange zu tun haben werden. Das erfordert Anstrengungen. Das erfordert zukünftig eine intensive Auseinandersetzung mit der Erinnerung. Das erfordert schon heute eine intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Vorstellungen. Wenn wir uns die Zukunft vorstellen, sind wir versucht, sie uns ideal vorzustellen. Dabei lehrt uns die Geschichte, dass normalerweise unsere Vergangenheit ideal ist. Weil wir dazu neigen, sie zu idealisieren. Und was ist dann mit der Zukunft? In unserem Fall mit der Nachkriegszukunft?
5.
Die Zukunft wird keine Ähnlichkeit mit der Vergangenheit haben. Das ist in gewisser Weise eine Falle. Manche von uns – jene, die in der Ukraine leben, genauso wie diejenigen, die von außen Anteil nehmen – sprechen bewusst oder halbbewusst von der Zukunft in Kategorien der Vergangenheit. Und das ist ein großer Fehler. Denn so, wie es einmal gewesen ist, wird es nie mehr werden. Es wird anders. Was nicht heißen muss, dass die Zukunft nicht gut wird. Sie kann gut werden. Sie kann glücklich werden. Wir dürfen sie nur nicht mit dem vergleichen, was gewesen ist. Unsere Vergangenheit ist durch diesen Krieg unwiederbringlich und definitiv zerstört. Sie ist bereits zerstört und sie wird, daran möchte ich erinnern, tagtäglich weiter zerstört, denn während wir hier über die Zukunft sprechen, geht der Krieg weiter. Viele Dinge in den Beziehungen zwischen Staaten und vor allem zwischen Völkern werden mit einem an Bedingungen geknüpften oder bedingungslosen Einstellen des Feuers nicht automatisch wiederhergestellt. Das Gefühl von Offenheit stellt sich nicht wieder her, das Gefühl von Vertrauen stellt sich nicht wieder her. Die Reputation vieler Institutionen und führender Persönlichkeiten, Initiativen und Projekte stellt sich nicht wieder her. Und vor allem stellt sich das Gefühl von Sicherheit nicht wieder her. Es wird ein anderes sein, und es entsteht jetzt, in diesen Tagen, in diesen Monaten.
Worauf will ich hinaus? Die Strategie, die Gegenwart wie eine erzwungene Pause überstehen zu wollen, ist irreführend, irreführend ist ebenso die Vorstellung von der Zukunft als mögliche Restaurierung dessen, was einmal gewesen ist. Die Zukunft als eine aufgeschobene Version der Vergangenheit ist eine Illusion. Die Zukunft wird aus uns bestehen, die wir sind, wie wir sind, wie wir geworden sind, wie wir sein können.
Was wird an die Stelle der Empathie treten?
6.
Hin und wieder höre ich den Satz: Jeder Krieg endet irgendwann. Und auch der Krieg, den Russland gegen die Ukraine entfesselt hat, wird irgendwann enden. Trotz ihrer Offensichtlichkeit ist diese These streitbar. Seinerzeit gab es für mehrere Generationen von Europäern im Hundertjährigen Krieg kein Ende des Krieges. Sie haben sein Ende einfach nicht erlebt und sind gefallen – vielleicht nicht einmal gefallen, sondern einfach während des Krieges gestorben. Das Zu-Ende-Gehen eines jeglichen Krieges als zwangsläufige Gegebenheit zu postulieren, ist aus ethischer Sicht ziemlich fragwürdig. Einen Krieg zu beenden, erfordert großen Einsatz und große Anstrengungen. Und noch größeren Glauben und Geduld. Gespräche über die Zukunft sind in diesem Fall nicht einfach das Verlangen, die Wirklichkeit auszublenden, sondern im Gegenteil die Wirklichkeit objektiv wahrzunehmen. Zukunft ist die Tür, die von dieser Seite des Zimmers aus aufgeht. Von dem Zimmer aus, in dem wir uns alle befinden.
7.
Warum ist es uns außerdem wichtig, schon heute über die Zukunft zu sprechen? Weil sich in der Zukunft die Verstehenslücke zwischen uns weiter vergrößern wird. Das hat mit den auseinanderklaffenden Erfahrungen zu tun, mit ganz verschiedenen Vergangenheiten, die wir zurücklassen, und den daraus resultierenden ganz anderen Erwartungen an die Zukunft. Denn es liegt auf der Hand, dass sich das Ausmaß an Aufmerksamkeit, das die Welt der Ukraine heute entgegenbringt, ändern wird. Inwieweit wird die Welt weiter Empathie für ein Land aufbringen, das nicht mehr bombardiert wird? Was wird an die Stelle der Empathie treten? Der gesunde Rationalismus? Ein nachvollziehbares emotionales Abstumpfen gegenüber einer Ungerechtigkeit, die dich nicht unmittelbar betrifft?
Im Moment versuchen wir, uns in der Welt schreiend Gehör zu verschaffen, in der Hoffnung, dass die Welt reagiert, uns versteht und unterstützt. Aber wie lange lässt sich Aufmerksamkeit für die eigene Sache und die eigene Not durch Schreien erzeugen? Wie real wird unsere Forderung nach Aufmerksamkeit und Verständnis sein, wenn sich das Ausmaß unserer Bedrohung geändert hat? Wird die Welt noch mit uns sprechen wollen, wenn wir nicht mehr in großer Zahl getötet werden? Hat die Welt das moralische Recht, uns gegenüber abzustumpfen? Und was bedeutet das für unsere gemeinsame Zukunft – in einer abgestumpften Welt, mit dem Verlangen nach Gerechtigkeit, mit einem Gefühl von totalem Misstrauen?
8.
Ich glaube, es ist sehr wichtig, von unserer Zukunft als von etwas Gemeinsamem zu sprechen. Und dabei geht es nicht um politische oder militärische Allianzen, um Zugehörigkeiten zu Vereinigungen oder Blöcken. Es ist einfach schon jetzt offensichtlich, dass jeder große Krieg uns daran erinnert, dass wir in der heutigen Welt nicht auf Abstand gehen können, dass die Aufteilung der Welt in Einflusszonen und Interessensphären nicht funktioniert und zudem amoralisch ist. Dieser Krieg, der erste große Krieg des 21. Jahrhunderts, hat gezeigt, dass die Welt viel zu sehr an ihrer Vergangenheit hängt, um nicht eine Zukunft in den gemeinsamen Kategorien von Sicherheit und Vertrauen aufzubauen. Und dem Opfer eines Angriffs zu helfen, bedeutet nicht, ihm einen Gefallen zu tun, sondern einen gemeinsamen Raum der Normalität und des Miteinanders zu schaffen. Ganz gleich, wie man dazu steht: Das Feuer auf dem Schiff wird alle Passagiere ereilen, ganz egal, welche Klasse sie gebucht haben. Vielleicht ist das der Grund, warum wir genau heute über Zukunft sprechen, obwohl wahrscheinlich jeder hier eigene Vorhaben für das anbrechende Wochenende und das anbrechende Jahr hat.
9.
Was haben wir denn eigentlich im anbrechenden Jahr vor? Meine Nachbarn zum Beispiel haben zunächst einmal vor, den Winter zu überstehen, bis zum Frühling durchzuhalten und nicht in der eigenen Wohnung zu erfrieren. In den Wochen, in denen unser Land den Zumutungen von Kälte und Dunkelheit ausgesetzt ist, wird die Verwundbarkeit der Menschen in der heutigen Welt auf unerträgliche Weise offenbar: Sie sind abhängig von der Infrastruktur, von kommunalen Dienstleistungen, von Außentemperaturen und vom inneren Befinden. Menschen kommen nicht auf die Welt, um von Raketen beschossen zu werden, um stundenlang Luftalarm zu ertragen, um Drohnen zu orten, die angeflogen kommen, um sie zu töten. In der eigenen Wohnung, in dem Haus, in dem sie geboren wurden, aufgewachsen sind und ihr ganzes Leben gelebt haben. Der Tod durch Erfrieren im eigenen Bett in einer Millionenstadt im Osten Europas sollte nicht zu den Lebensplänen von Menschen gehören.
10.
Was also sollte dann zu unseren Plänen gehören? Die Konturen der Wirklichkeit, die Konturen der Gegenwart nicht zu verlieren. Die Konturen, auf denen demnächst unsere Zukunft gebaut werden wird. Unsere gemeinsame Zukunft. Trotz ihrer Unfassbarkeit und Aussichtslosigkeit ist die Dunkelheit endlich. Sie lässt sich überstehen. Das Wichtigste dabei ist, nicht passiv zu sein, kein unbeteiligter Beobachter in dieser Nacht, in der die Bereitschaft von uns allen, dieser Dunkelheit zu widersprechen, wichtig und wirksam ist. Ihr mit der eigenen Arbeit zu widersprechen. Ihr mit der Bereitschaft, auch in Zukunft hier zu sein, zu widersprechen.
Die größte Gefahr der Dunkelheit ist unsere Unfähigkeit, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Wenn der Dämmer fällt, werden wir uns wundern, wie viele wir hier gewesen sind, wie viel wir geschafft haben und vor allem, wie schön diese Welt sein kann, wenn es uns nur gelingt, ihr ein bisschen gesunden Menschenverstand und Gerechtigkeit zu verleihen.
„Seit Jahren reden wir über den Krieg …“ – Karl Schlögel und Serhij Zhadan im Gespräch
Am 19. Februar 2026 sprachen in der Akademie der Künste die Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Karl Schlögel und Serhij Zhadan über den Krieg in Europa, seine Auswirkungen auf Städte und Menschen, auf Landschaften und Topographien, über Vermessung von Zeit und von Raum im 21. Jahrhundert.
2014 hat der Historiker Karl Schlögel den Krieg Russlands gegen die Ukraine als einen schamlosen Angriff bezeichnet und mahnte, dass es kein Europa ohne eine freie Ukraine gibt. Seit vielen Jahren spricht Europa über den Krieg und die Freiheit. Den Gesprächen gegenüber steht die Realität in der Ukraine: Der Großkrieg geht mit all den Verlusten weiter und nimmt Menschen und Orte ins Visier, ergreift Räume und bestimmt den Zeitlauf.
Doch auch im zwölften Kriegsjahr gelten die Worte des ukrainischen Autors Serhij Zhadan: „Wir halten es für fahrlässig, über uns zu schweigen.“
Moderation: Kateryna Stetsevych Grußworte: Manos Tsangaris, Präsident der Akademie der Künste und Mattia Nelles, Geschäftsführer des Deutsch-Ukrainischen Büros
