Franz Kafka
Nachruf
Milena Jesenská

Ins Deutsche übersetzt von Kristina Kallert
Vorgestern ist im Sanatorium in Kierling in der Nähe von Klosterneuburg bei Wien Dr. Franz Kafka gestorben, ein deutscher Schriftsteller, der in Prag gelebt hat. Gekannt haben ihn hier nur wenige, denn er war ein Einzelgänger, ein Wissender, ein vom Leben Verschreckter; schon seit Jahren hat er an einer Lungenkrankheit gelitten, und obwohl er sie behandeln ließ, nährte er sie doch auch und beförderte sie durch seine Gedanken. „Wenn Seele und Herz die Bürde nicht mehr tragen können, übernimmt eine Hälfte die Lunge, damit die Last sich wenigstens einigermaßen gleich verteilt”, schrieb er einmal in einem Brief, und genauso war es mit seiner Krankheit. Sie verlieh ihm ein fast übernatürlich feines Sensorium, eine geradezu erschreckend kompromisslose intellektuelle Verfeinerung; und umgekehrt, mit unsichtbaren Dämonen bürdete er, der Mensch, seine ganz intellektuelle Angst vor dem Leben der Krankheit auf. Er war scheu, ängstlich, friedliebend und gut, aber die Bücher, die er schrieb, sind gnadenlos und schmerzhaft. Die Welt war für ihn besiedelt, die den schutzlosen Menschen vernichten und an ihm zerren. Er war viel zu hellsichtig, viel zu weise, als dass er hätte leben können, viel zu schwach, um mit jener Schwäche edler, schöner Menschen zu kämpfen, die ihren Kampf gegen die Angst vor Missverständnissen, gegen Unfreundlichkeiten und gegen die intellektuelle Lüge gar nicht antreten können, weil sie im Voraus wissen, dass sie ohnmächtig sind, unterlegen in einer Weise, die den Sieger beschämt. Er kannte die Menschen, wie nur der es vermag, dessen Nerven von großer Empfindsamkeit sind, der Einsame, der den anderen in einem einzigen Aufblitzen seines Gesichtes gleichsam prophetisch schaut. Er kannte die Welt in tiefer, außergewöhnlicher Weise, und er selbst war eine außergewöhnliche und tiefe Welt. Seine Bücher gehören zu den bedeutendsten der jungen deutschen Literatur; in ihnen ist der Kampf der heutigen Weltgeneration, freilich ohne ein tendenziöses Wort. Sie sind wahr, nackt und schmerzhaft, und zwar so, dass sie auch da, wo sie sich symbolisch ausdrücken, geradezu naturalistisch sind. Sie stecken voll trockenem Spott und haben den sensiblen Blick eines Menschen, der die Welt mit einer Klarheit gesehen hat, dass es für ihn nicht zu ertragen war, dass er sterben musste, denn er war nicht andere, willens, zurückzuweichen und sich zu flüchten in was auch immer für unterbewusste intellektuelle Irrtümer, mögen diese auch noch so ehrenwert sein.
Dr. Franz Kafka hat das Fragment Der Heizer geschrieben (auf Tschechisch erschienen in Neumanns Červen), es ist das erste Kapitel eines schönen, noch unveröffentlichten Romans. Das Urteil, ein Zerwürfnis zwischen zwei Generationen, Die Verwandlung, das stärkste Buch der modernen Literatur, Die Strafkolonie und die Skizzen Betrachtung und Landarzt. Der letzte Roman, Vor dem Gericht, liegt seit Jahren als Manuskript zum Druck bereit. Es ist eins jener Bücher, die, wenn man sie zuklappt, den Eindruck hinterlassen, die Welt so ganz und gar zu enthalten, dass kein Wort mehr zu sagen bleibt. Alle seine Bücher beschreiben die Schrecken verborgener Missverständnisse und unverschuldeter Schuld zwischen den Menschen. Er war als Mensch und Künstler von so feinfühligem Gewissen, das er auch da etwas vernahm, wo andere taub waren und sich sicher waren und sich sicher wähnten.
Národní listy, Prag 6.6.1924
In der deutschen Übersetzung von Kristina Kallert im Buch Milena Jesenská, Prager Hinterhöfe im Frühling, herausgegeben von Alena Wagnerová, Feuilletons und Reportagen 1919 – 1939, S. 132–135, Wallstein Verlag

Im Frühjahr 2023 schrieb Alena Wagnerová den Text für ein Hörspiel, Theaterstück "Ein Gespräch über Franz Kafka in der Lerchenfelderstraße 113, Wien", 6. Juli 1920
Rollen: Milena Jesenská-Pollak, Ernst Pollak, Frau Kohler, Stimme: Franz Kafka

Ich stelle mich noch einmal vor: Ich heiße Franz Kafka
3sat Dokumentation, 2004