Der Teufel am Herd

Milena Jesenská

Der Teufel am Herd

Aus dem Tschechischen von Reinhard Fischer

 

Milena Jesenská reflektiert in diesem Essay über Ehe und Glück. Eingewoben Erfahrungen aus ihrer ersten Ehe mit Ernst Pollak und ihrer Beziehung mit Franz Kafka.

Warum alle oder fast alle heutigen Ehen unglücklich sind (als ob die Ehen früher glücklich gewesen wären), ist eine Modefrage, um die sich, ernst zu nehmen, eine ganze Literatur, und nicht ernst zu nehmen, jedes Five o’clock-Gespräch dreht. Jede Frage auf der Welt eignet sich zu gesellschaftlichen Geschwätz und zu einer philosophischen Abhandlung, und Themen, die sozusagen auf der Straße liegen, werden auch von uns Journalisten aufgegriffen. Bei dieser Frage wundere ich mich jedoch jedesmal; natürlich wüßte ich darauf zu antworten, warum heutige Ehen unglücklich sind – worauf würde ein Journalist eine Antwort schuldig bleiben? Aber ich frage mich immer wieder: Warum sollten sie glücklich sein?

Hier beginnt es nämlich. Zwei Menschen - zwei kleine, vereinsamte, der ganzen Hoffnungslosigkeit, Trübseligkeit und Aussichtslosigkeit des Lebens preisgegebene menschliche Wesen, zwei Menschenkinder auf der riesigen Erdkugel, die so unvorstellbar, schrecklich und beunruhigend groß ist, zwei nach natürlichem und gewöhnlichem Recht unglückliche Menschen – sollen auf einmal, unversehens, etwa um halb zehn Uhr vormittags, eingesperrt in eine Wohnung, einen Namen, ein Hab und Gut, ein Schicksal haben, sollen plötzlich und nur deshalb, weil sie zu zweit sind, glücklich sein?

Wenn zwei Menschen heiraten und meinen, das deshalb zu tun, um gemeinsam glücklich zu sein, haben sie sich von vornherein die Möglichkeit zum Glück genommen und verschlossen. Um des Glückes willen zu heiraten ist geradeso eigennützig, wie wegen zwei Millionen, eines Autos oder eines Adelstitels zu heiraten, denn das Glück reicht zum Glück geradeso wenig wie die zwei Millionen, das Auto oder der Adelstitel. Wenn sich etwas auf dieser Welt rächt, sind es Berechnungen und Ziffern in seelischen Angelegenheiten. Zwei Menschen sollten nur einen einzigen vernünftigen Grund zum Heiraten haben, und zwar den, daß sie nicht anders können, als zu heiraten. Daß sie einfach ohne einander nicht leben können. Ohne alle Romantik, Sentimentalität, Tragik, das gibt es. Das gibt es täglich, ob es nun Liebe oder etwas anderes ist, es ist bestimmt das stärkste und unbeirrbarste Gefühl auf der Welt. Leider verdrängen und übersehen das viele Menschen in ihrem Leben.

Zwei Menschen heiraten, um miteinander zu leben. Warum brauchen sie zu dem riesigen Geschenk dieser Möglichkeit noch Glück? Warum geben sich die Menschen niemals mit der ungeschönten Wahrheit zufrieden und wählen lieber die dekorative Lüge? Warum versprechen sie einander etwas, das sie – nicht sie selber, sondern die Welt, die Natur, der Himmel, das Schicksal, das Leben – nicht bekommen können, und das niemand je erreichen wird? Warum knüpfen sie einen realen, irdischen Vertrag an Bedingungen literarischer Phantastik, wie es das Glück ist? Warum verlangen sie vom anderen mehr, als sie selber geben können, warum verlangen sie überhaupt noch etwas von einer so großen, so ernsthaften, so tiefen Sache wie dem gemeinsamen Leben?

Wenn wir die Ehe vorher bewußt betrachten, würden wir ganz selbstverständlich einige Dinge bemerken, an die wir gemeinhin nicht denken. Etwa, daß gemeinsam zu leben keineswegs leichter, sondern schwerer ist, als allein zu leben. Dem einzelnen wird das Alleinsein durch viele Erleichterungen vergolten: durch die halbe Verantwortung, die Freiheit, die Unabhängigkeit, oder schon allein durch die Möglichkeit, aus freien Stücken nach Australien fahren zu können. Die Ehe ist deshalb so schwer, weil man in dem Moment, in dem man diese Bindung eingeht, auf alles verzichten muß, was sie nicht bietet. Und das ist der andere Punkt, an dem die heutigen Ehen scheitern: Die Menschen heiraten, ohne sich definitiv füreinander zu entscheiden. Oder besser gesagt: ohne sich zu entscheiden, auf alles andere zu verzichten.

Einen Menschen kennenzulernen, ist ungeheuer schwierig. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sage, daß man jemanden in einer halben Stunde Gespräch und nach zehnjährigen Zusammenleben kennenlernen kann. Es ist fast unmöglich, daß zwei Menschen vor der Hochzeit auch nur ahnen, wer sie sind und wen sie heiraten. Wenn sie alle ihre Taten, ihre Ideen, Leidenschaften, Überzeugungen, Anschauungen und Glaubensgrundsätze kennen, so kennen sie noch nicht ihre Strümpfe, ihre verschlafenen Augen, ihre Art, beim morgendlichen Zähneputzen zu gurgeln, und ihr Gebaren, wenn sie einem Kellner Trinkgeld geben – denn in der Tiefe kann ein Mensch den anderen täuschen, aber an der Oberfläche erkennt man ihn. Jede Ehe birgt also tausend Risiken der Enttäuschung und viele Möglichkeiten inneren Scheiterns in sich, wogegen es einen einzigen Schutz gibt: das Risiko einfach schon vorher auf sich zu nehmen. Die weltliche Konvention fordert, einem Menschen im Namen der Liebe alle unterschiedlichen Merkmale wie Nationalität, politische Meinungen und religiöse Zugehörigkeit zu verzeihen, und wir tun das. Aber gehen wir weiter: Verzeihen wir ihm seine scheinbar nebensächlichen Eigenschaften. Legen wir die moderne Kareninsche* Hysterie ab und verzeihen wir einander abstehende Ohren und schief gebundene Krawatten. Jeder Mensch ist eine begrenzte Welt für sich. Je ausgeprägter ein Mensch ist, desto ganzheitlicher ist er. Je weniger Möglichkeiten und Talente er besitzt, um so tiefer und sicherer besitzt er sie. Und hat er nun ein einziges, ist es am wertvollsten. Aber wie man von einem blonden Menschen nicht verlangen darf, gleichzeitig – etwa der Abwechslung halber dienstags und freitags – dunkles Haar zu haben, darf man von einem Pedanten nicht verlangen; daß er gern Shimmy tanzt, von einem Dummkopf, daß er Kierkegaard versteht, von einem Maler, daß er sich für Mathematik interessiert, von einem traurigen Menschen, daß er Lieder singt, von einem Einzelgänger, daß er eine Soiree veranstaltet. Das ist eine sehr einfache Forderung, und erstaunlicherweise begreifen das nur wenige Menschen. Gewöhnlich werfen sie einander gerade das vor, was ihr inneres Wesen ausmacht, und sie kommen nicht darauf, daß es die Aufgabe einer Ehe ist, das Wesen des anderen zu tolerieren, ja sogar zu tolerieren, daß sich der andere berechtigt fühlt, so zu sein, wie er ist. Schließlich ist es immer nur Selbstbestätigung, was ein Mensch vom anderen erbittet. Einen Beweis, daß er “trotzdem” geliebt wird. Ein solches “Trotzdem” hat jeder von uns, und gerade deshalb ist er unglücklich. Niemals werde ich glauben, daß Menschen aus rein sexuellen, erotischen, finanziellen oder sozialen Notwendigkeiten zusammenleben; Menschen leben zusammen, um einen Kameraden zu haben. In der Einsamkeit der Welt jemanden zu haben, der die Berechtigungen ihrer Existenz mit allen Fehlern und Mängeln bestätigt – denn was ist Freundschaft anderes als die Stütze eines beschädigten Selbstbewußtseins? Um jemanden zu haben, bei dem ihnen Strafe, Rache, üble Meinung, Gerechtigkeit, schlechtes Gewissen erspart bleiben. Hat ein Heim denn eine andere Aufgabe, als den Menschen zu schonen, zu schonen und nochmals zu schonen, vor der Welt und hauptsächlich vor dem eigenen inneren Spiegel? Das größte Versprechen, das Frau und Mann einander geben können, ist der Satz, den man Kindern mit einem Lächeln sagt: “Ich geb dich nicht her.” Ist das nicht mehr als “Ich werde dich bis in den Tod lieben” oder “Ich werde dir ewig treu sein”? Ich geb dich nicht her. Darin liegt alles. Anstand, Wahrhaftigkeit, Heim, Treue, Zugehörigkeit, Entscheidung, Freundschaft. Wie unendlich groß ist solch ein Versprechen gegenüber dem winzigen Glück.

Kurz gesagt, mir scheint beinahe, daß unsere Ehen deshalb so unglücklich sind, weil wir es uns verdammt leicht machen. Es ist sehr bequem, von einem Menschen ein Versprechen anzunehmen, das er nicht halten kann, und nach einem Jahr, wenn er es nicht gehalten hat, beleidigt fortzufahren. Viel schwerer und ehrlicher wäre es, das zu versprechen, was man halten kann, und es auch wirklich zu erfüllen. Alle diese phantastischen großen Worte sind eine Ausrede, wie sich bei den ersten wirklich schwierigen Situation erweist, wo man sich anständig verhalten sollte. Aber warum versprechen die Menschen einander nicht, daß sie niemals zu faul sein werden, eine Apfelsine, einen Strauß Veilchen, einen neuen Bleistift oder eine Tüte Rosinen mitzubringen? Warum versprechen sie nicht, zum Frühstück gewaschen zu erscheinen, nach Wasser und Seife duftend, frisch und sorgfältig gekleidet, sowohl am Tage nach der goldenen Hochzeit wie jeden Tag bis dahin? Warum versprechen sie nicht, daß sie sich im Zorn lieber selber schlagen, als einander Widerwärtiges, Geschmackloses, Häßliches vorzuhalten?  Warum versprechen sie nicht, sich immer um den anderen und seine Interessen zu bemühen, mögen diese der Kunstgeschichte, dem Fußball oder einer Schmetterlingssammlung gelten? Warum versprechen sie nicht, sich gegenseitig die Freiheit des Schweigens, die Freiheit des Alleinseins, die Freiheit ungezwungener Bewegung zu lassen? Warum versprechen sie nicht diese unendlich schweren “Kleinigkeiten”, die man erfüllen kann, und die doch niemals erfüllt werden, anstelle von etwas so Nebensächliches wie dem Glück?

Soll die Ehe einen Sinn haben, muß sie auf eine breitere und realere Basis gegründet sein als die Sehnsucht nach Glück. Mein Gott, fürchten wir doch nicht das bißchen Leiden, das bißchen Schmerz und Unglück. Versuchen Sie es einmal, richten Sie in einer Sternennacht den Blick zum Himmel, schauen Sie fünf Minuten lang gebannt, aufrichtig und konzentriert. Oder stellen Sie sich auf eine Bergspitze, von der aus man ein Stückchen Erde sehen kann. Und Sie werden nach einer Weile die Wichtigkeit des Lebens und die Unwichtigkeit des Glücks erkennen. Glück! Als ob die Möglichkeit des Glücks nicht einzig und allein von uns selber abhinge! Als ob das Talent zum Glücklichsein nicht ein besonderes Talent wäre, wie etwa das Talent zum Singen, zum Schreiben, zum Schustern, zur Politik! Gebt einen Menschen alles was er verlangt, überschüttet ihn mit Liebe, Geschenken, Gunstbeweisen und allem, was er wünscht, trotzdem wird er nicht glücklich sein. Und schlagt einen anderen Menschen, bis er kaum atmen kann, aber sobald er zufälligerweise einen Haufen frischer Karotten sieht, leuchtend rote mit grünem Kraut, ist er glücklich. 

Es gibt zwei Möglichkeiten zu leben: entweder sein Schicksal annehmen, sich dafür zu entscheiden und einzustellen, es erkennen und sich zu Vorzügen und Nachteilen, zu Glück und Unglück verpflichten, tapfer, ehrlich, ohne um einen Kreuzer zu feilschen, großmütig und demütig. Oder sein Schicksal suchen; aber mit der Suche verliert man nicht nur Kraft, Zeit, Illusionen, richtige und gute Blindheit und das sichere Gespür für die Dinge, mit der Suche verliert man auch den eigenen Wert. Man wird ständig ärmer. Was kommt, ist immer schlechter als das, was war.

Und dann: Zur Suche braucht man Glauben, und zum Glauben gehört vielleicht mehr Kraft als zum Leben.

 

Národní Listy, Ďábel u krbu - 18.1.1923

 

Aus dem Buch Alles ist Leben, Feuilletons und Reportagen 1919-1939, Seite 67-71
Verlag Neue Kritik, Dritte Veränderte Auflage 1999, @1984 Jan. R. Cerny

 

Links

Alena Wagnerová  Jesenská-Biografie verfasst 2022
Alena Wagnerová schrieb 2023 den Text für ein Theaterstück, Hörspiel Ein Gespräch über Franz Kafka in der Lerchenfelderstr. 113, Wien, 6. Juli 1920. Rollen: Milena Jesenská-Pollak, Ernst Pollak, Frau Kohler Stimme: Franz Kafka

*Anspielung auf Tolstojs Roman Anna Karenina. Anna fallen eines Tages die abstehenden Ohren ihres Mannes auf; in dieser Äußerlichkeit verdichtet sich der Beginn ihrer unaufhaltsamen inneren Abwendung.

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