Es war im November 1963, nach meiner Einschulung in der Volksschule Straßgang bei Seiersberg (angrenzend an Graz), als meine Familie nach Zeltweg zog. Von den Dörfern Pirka, Windorf, deren Bewohner damals fast ausschließlich von der Landwirtschaft lebten in einen Ort, wo die Soldaten (Fliegerhorst Hinterstoisser) und die Arbeiter (NAPIAG, ÖDK) dominierten. Mein erster Schulweg von Windorf nach Straßgang rund sieben Kilometer zu Fuß. Dreimal wurde ich von Erwachsenen begleitet, dann ging ich den Weg alleine. In Straßgang lernte ich bei der Einschulung in Großbuchstaben zu schreiben, in Zeltweg erfolgte der Einstieg in die erste Klasse der Volksschule über die Schreibschrift. Es gab zu wenig Unterrichtsräume, so hatten wir eine Woche am Vormittag Unterricht, die darauffolgende am Nachmittag. Der Schulweg in Zeltweg hatte sich auf zwei Kilometer verringert. Winters sanken die Temperaturen in dem inneralpinen Becken, einem Längstal der Mur, auf bis zu minus 25 Grad Celsius. Der Moment, in dem meine vorwitzige Zunge an einem solch frostigen Tag an einer metallenen Türschnalle andockte, ist mir heute noch in Erinnerung, mit ein Grund, warum ich von da an Distanz zu allzu Eisigen, Frostigen gehalten habe. Morgens in der Dunkelheit durch die noch nicht vom Schnee geräumten Wege stapfen oder sommers bei plus 35 Grad Celsius in der Mittagszeit in die Schule gehen. Ich träumte von unterirdischen Gängen, die mich direkt vom Haus in die Schule leiten würden. Daran erinnere ich mich zuweilen wenn ich heute in Prag die Metro benutze: Es ist der kühlste Ort im Sommer, ein leicht temperierter im Winter.
Der Familienname Findeis? - meine Großmutter, geborene Wilhelmine Bischof (2.1.1916 in Třešňový Újezdec, Lhenice-1993 - 26.1.1993, Schöder) sprach Tschechisch, das habe ich kurz vor ihrem Tod, sie lebte damals in Schöder, im Jänner 1993 erfahren. In erster Ehe war sie mit Hans Findeis (geboren 12.11.1906 kam als Lokführer der Murtalbahn bei einem Bombenangriff am 20.2.1945 ums Leben) verheiratet. Ihr Vater Bartholomäus Bischof (1890-1969) war Oberheger der Schwarzenberg'sche Forste in Böhmen und Murau, Bürgermeister in Schöder. Mein Vater Johann Franz Findeis wurde am 20.1.1934 in Schöder geboren.
Ich wohnte in Zeltweg in einem Reihenhaus einer Siedlung, erbaut nach dem Zweiten Weltkrieg von der britischen Armee, die nach deren Abzug den Unteroffizieren als Mietwohnung angeboten wurde. Gleich hinter dem Garten begann das Kasernengelände. „Tagwache“ ein gängiger Morgengruß. Der Appell zum Morgensport war zu hören, werktags. Disziplin und Folgsamkeit prägende Kindheitserinnerungen, die mich darin bestärkten, einen eigenen Weg zu finden. Fahnen, Militärparaden, Bierzeltstimmung – mir jagen sie gruselige Schauer über den Rücken.
Eindrücklich in Erinnerung, der August 1968. Nächtens verabschiedete sich der Vater im Tarnanzug mit Helm und Gewehr, die Panzer wurden auf Eisenbahnwaggons – die Trasse führte 500 Meter an unserem Mietshaus vorbei – an die Grenze der damaligen Tschechoslowakei befördert. Der Prager Frühling war von sowjetischen Panzern niedergeschlagen worden – das österreichische Bundesheer rückte zur Sicherung an die Grenze.
Erstkommunion, Firmung – und jeden Sonntag in der Kirche, wie das Amen im Gebet. Vor und nach der Kirche belebte der Tratsch, die Unterhaltung über Abwesende, den Sonntag. Der Schalldämpfer von Axel Corti stand mir bei, den Sonntag zu übertauchen – anderen Gedanken, als den ortsüblichen, nachzugehen. Einen Standpunkt zu finden, der nicht von „was werden die Nachbarn denken“ geleitet wurde und sich abhob von „Autofahrer unterwegs“, einer Sendung die zeitgleich mit der heißen Suppe mittags aufgetischt wurde. Nach dem Erscheinen im Jahre 1972 wurde „Wunschloses Unglück“ von Peter Handke zu dem Buch, das mich bis heute begleitet. Wege des Entkommens taten sich für mich als Leserin auf. Eigenständig werden, das Netz der Abhängigkeiten – speziell jenes für Frauen – zu durchschauen und durchbrechen. Eigenes Geld verdienen, stand ganz oben auf der Wunschliste und einen anderen Hafen, als jenen der Ehe, zu finden.
Zeltweg, das mit dem Fliegerhorst Hinterstoisser, erbaut im Jahre 1937, über den größten Militärflughafen Österreichs verfügt war seit 1957 Austragungsort von lokalen und internationalen Motorsportrennen. Das laute Aufbrüllen der Motoren, der Geruch von Gummiabtrieb, Benzin und Öl zog mich an. Die Geschwindigkeit und die Gesetze der Fliehkraft waren für mich gleichbedeutend mit dem Ausbrechen aus einer Gesellschaft, die vorrangig nach lebenslang währender Absicherung strebte. Der Motorsport als Impuls von außen, der ein wenig internationales Flair in die Stadt an die Mur, in meine Jugend brachte, um außerhalb des Radius von Kaserne, Kirche und Schule zu gelangen.
Politik? In dem Haushalt, in dem ich aufgewachsen bin, war es ein Fremdwort. Bei der Hausarbeit mitzuhelfen, selbstverständlich, etwas studieren – das war für ein Mädchen nicht vorgesehen. Mein diesbezüglicher Ehrgeiz hielt sich in Grenzen, die vier Jahre Volks- gefolgt von vier Jahren Hauptschule und einer dreijährigen Handelsschule erschienen mir ausreichend. Zumal ich schon während der ersten Klasse in der Handelsschule mit einem Nebenjob am damaligen Österreichring begonnen habe. Schnell merkte ich, dass es in der Arbeit auf etwas anders ankam als in der Schule: eigenständiges Denken und Handeln. In Zusammenhängen denken. Während einer Großveranstaltung galt es, zu kommunizieren, organisieren und improvisieren. Relevantes von Unwichtigem zu unterscheiden. Zuhören können. Die Konzentration auf Lösungen – und nicht das Vertiefen – eines Problems richten. In der damaligen Schulwelt wurde das bestraft. Ich übersetzte Verträge aus dem Englischen, schrieb Protokolle bei Treffen in deutscher und in englischer Sprache. Dieses in der Arbeit benötigte Englisch war weit weg vom Schulenglisch. Es ergab sich, dass ich während meines ganzen Arbeitsleben nie nach einem Zeugnis gefragt worden bin. Im Abschlusszeugnis der Handelsschule Knittelfeld hatte ich im Unterrichtsfach Englisch einen Vierer.
Mein Weg führte mich aus einer Region mit einer hohen Arbeitslosenrate weg. Dem größten Arbeitgeber vor Ort, dem Österreichischen Bundesheer, hat mein Vater als Unteroffizier ein Arbeitsleben lang gedient. Ein Foto von ihm entdeckte ich auf dem Weg zum Rathaus. Anlässlich „50 Jahre Stadterhebung" wurden Schautafeln in Zeltweg aufgestellt. Einem ehemaligen Arbeitskollegen meines Vaters bin ich begegnet, er sagte, meine Augen würden ihn an die des Vaters erinnern und die Art, wie ich lächle.
Entlang der Wege und Straßen, die damals von der Kaserne weg zur Schule führten, bin ich 2016 gegangen. Der Bahnübergang, in den 60er Jahren oft geschlossen – wegen des regen Bahnverkehrs, der Verschubtätigkeiten – wurde durch eine überdimensionale Unterführung ersetzt. Die Dimensionen mancher Bauten halten nicht Schritt mit der tatsächlichen Größe dieser kleinen Stadt. Nach dem Umbau des Bahnhofes mit dem Skywalk fahren die internationalen Züge alle durch, regionale Züge halten. Es gibt keine Kassa, sie wurde wie auf vielen Bahnhöfen durch Automaten ersetzt.
Die damalige B17 Bar ist einem großen Nachtklub gewichen. Einzelhandelsgeschäfte gibt es nahezu keine mehr. Cafés, Gasthäuser, Casinos, Wettbüros, ein Laufhaus, Friseursalons, Ärzte, zwei Apotheken, das Gelände der Kaserne, eine evangelische und eine katholische Kirche, der Platzlmarkt, viele Reihenhäuser mit gepflegten Gärten und Zäunen prägen das Zeltweg-Bild im Jahre 2016.
Meine Wahlkarte als in Prag lebende Auslandsösterreicherin beziehe ich über die Stadtgemeinde Zeltweg, Bezirk Murtal. Wenn ich den Zwiegesprächen in den Cafés lausche „i moag die schwarzen Wutzeln net, die für die Franzosen spielen, schod dass die Deitschen net gewunnen habn“ verwundert es mich nicht, dass beinahe 65 % der Wähler am 22. Mai 2016 für den „nationalen“ Kandidaten der FPÖ Norbert Hofer gestimmt haben. Der vorauseilende Gehorsam, die Unterwürfigkeit lässt in mir Stimmen hochkommen, die mich an all die nicht verarbeitenden Gräueltaten, die voller Inbrunst für einen Adolf Hitler begannen worden sind, gemahnen. Die jubelnden Massen – was haben sie mit einer demokratischen Mehrheit gemein? Wie dem Hass, dem Neid der kleinen Leute, die mit der Angst, der nie zum Zug Gekommenen wuchs – der, wenn sie einmal die Oberhand haben, in Häme und Grausamkeit umschlägt – entgegenwirken? Diese Konzentration auf das Nationale, „Arbeit macht frei“, „Kraft durch Freude“, es wirkt weiter – in den Bierzelten, am Wirtshaustisch „mir san wir“.
Der zerronnene Mut einer offenen Gesellschaft, der mehr und mehr einer empörten Wut weicht, deren Kraft vorwiegend das Destruktive ist: wie halte ich Neues von mir weg, ohne mich selbst ändern zu müssen. Einzig beständig ist die Veränderung. Das wünsche ich denen, die in Zeltweg bleiben und mir der Zugereisten, die sich in der Fremde daheim fühlt.
Wenn ich wieder einmal für ein paar Tage in Zeltweg weile, um meine Mutter zu besuchen, führt mich der erste Weg auf den Friedhof. Aus Jugendtagen steht bei Mutter ein Radl, es hat sich im Gegensatz zu mir nicht verändert. Zum Radfahren ist das Aichfeld gut geeignet. Lieber als die Radwege sind mir die Feldwege, dort bin ich meist alleine unterwegs. Im Vorfeld von Großveranstaltungen wandelt sich dann die Umgebung, aus Feldern werden Parkplätze. Zusätzliche Tribünen werden aufgebaut. Wenn ich den Männern zuhöre, klingt es Ungarisch, Slowenisch, Kroatisch. Der aus St. Marein stammende Didi Mateschitz wurde zum Antriebsmotor der Region. Das Projekt Spielberg ist seine Kreation: Hotels, Restaurants, Brauereien wurden von ihm gekauft, renoviert, gehen für diese Region neue Wege. Im Wasserturm, ein Teil des Mateschitz Imperiums, trinke ich Kaffee oder Tee, dort treffen sich internationale Gäste, einheimische Geschäftsleute. Im Café MA38, einem der wenigen, das ich noch aus alten Tagen – damals eine Bäckerei – kenne, treffen sich überwiegend PensionistINNen, wochentags. Dort werfe ich einen Blick in die lokale Regionalzeitung. In Kindertagen fiel der Blick meiner Oma zuerst auf die Todesanzeigen. Damals konnte ich das nicht nachvollziehen, heute zwischenzeitlich jenseits von sechzig, verstehe ich es.
PS: Seit 12.3.2020 ist die Grenze zwischen Österreich und Tschechien dicht: Covid-19. Grenzüberschreitende Zug- und Busverbindungen sind während des Ausnahmezustands eingestellt. Telefoniere regelmäßig mit Mutter, die Haus und Garten nicht mehr verlässt. Ab 15.6.2020 verkehrt wieder der Railjet, eine Kooperation der Tschechischen Bahnen und der Österreichischen Bundesbahnen, regelmäßig zwischen Prag und Graz. Meine Verbindung, mit Umsteigen in Bruck an der Mur nach Zeltweg, mit seinem überdimensionierten Bahnhof, in dem nur noch die regionale S-Bahn hält.
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