Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus. Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund. Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.
Bin ich’s nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.
Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich’s grenzen. Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder. Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.
Bin ich’s so ist’s ein jeder, der ist soviel wie ich. Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehn.
Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder. Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf. Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.
Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser, und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen
Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal, wie ich mich irrte und Proben nie bestand, doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.
Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.
Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land, ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr,
ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält, begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.1
„Böhmen nahe an der See“2nennt sich der fiktive Ort in William Shakespeares Wintermärchen, den Ingeborg Bachmann 1964 in ihrem Gedicht Böhmen liegt am Meer aufgreift und zu einem utopischen Andersort erklärt. Zu einem Raum der Möglichkeiten, in dem sie ein harmonisches Aneinandergrenzen verschiedener Sprachen und Kulturen verortet und eine mitteleuropäische Utopie von Freiheit, Heimat und Angekommensein entwirft. Das geografische Gebiet Böhmens wird in Bachmanns Gedicht ans Meeresufer verlegt und gewinnt so symbolische Bedeutung, denn die tatsächlichen historisch geografischen Gegebenheiten werden dadurch entkräftet, aufgehoben und um eine ideelle Dimension erweitert. Es entsteht so ein historischer Erinnerungsraum, der mehr ist, als bloße Geschichtsschreibung festzuhalten, im Stande wäre. Ein Sehnsuchtsort, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander übergehen und Widersprüche zu einer friedlichen und sich wechselseitig bereichernden Koexistenz gefunden haben.
Dass Ingeborg Bachmann für Böhmen liegt am Meer ausgerechnet ein barockes Versmaß, den Alexandriner gewählt hat, scheint – nach eingehender Beschäftigung mit dem Wirken der Bildhauer Patzak – ebenso wenig ein Zufall zu sein wie die Formel ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält. Ohne dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Bachmanns Gedicht und dem Schaffen der Bildhauer Patzak besteht, lässt sich Böhmen liegt am Meer auf den barocken Kulturraum Böhmen und das Leben der Bildhauer beziehen, denn es legt Zeugnis davon ab, in welchem Maße Böhmen und insbesondere das böhmische Barock den nachfolgenden Generationen als Inspirationsquelle und Bezugspunkt gedient haben.
Analog zu dem dichterischen Wahrheitsanspruch, der sich in Ingeborg Bachmanns Gedicht verbirgt,3 ist den Skulpturen und Schnitzereien der Patzaks eine Wahrheit eingeschrieben, die lange Zeit unbeachtet geblieben ist: die Wahrheit über die Bedeutung des böhmischen Barock für die gemeinsame Geschichte Tschechiens, Deutschlands und Österreichs.
Ein wesentliches Charakteristikum des böhmischen Barock ist folglich, dass er nie nur einer der beiden Nationalitäten zugerechnet werden kann, weder als genuin tschechisches, noch als originell deutschösterreichisches Phänomen gesehen werden kann. Und so ist es nicht überraschend, dass gerade Georg F. Patzak sich im Zentrum des böhmischen Barock befindet. Als Abkömmling einer deutschen Familie in Böhmen, der des Deutschen wie des Tschechischen mächtig ist und als Untertan im Auftrag der katholischen Obrigkeit an der Rekatholisierung des Landes beteiligt ist, vereint er die großen historischen Widersprüchlichkeiten in seiner Person und steht als Vermittler zwischen zwei Welten, die ohnehin nicht voneinander getrennt werden können. In ihm verbindet sich die tschechische mit der deutschösterreichischen Geschichte auf harmonische Art und Weise, ohne dass die eine Dominanz über die andere gewinnen würde, und begründet ein Miteinander, ein nebeneinander Existieren, das das Trennende entkräften kann. Denn nur so kann ein Schritt in die Richtung der Utopie, die Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht ausmalt, gemacht werden und können die Proben der Geschichte bestanden werden,
Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.
Dr. Heinz Patzak (1941-2023) war ein internationaler Tourismusexperte, promovierte an der Universität Wien in Wirtschaftswissenschaften. Als ehemaliger US-Vorsitzender der Europäischen Reisekommission leitete er die österreichischen Tourismusverbände in den USA und Frankreich und entwickelte innovative Marken- und Marketingprogramme. Als Berater unterstützte er Länder wie Ägypten und Costa Rica bei der Tourismusentwicklung. Dr. Patzak intressierte sich für Kunst, Geschichte, Weltkultur und Denkmalpflege. Werner H. Honal, geboren 1942 in Prag, studiert und arbeitet seit 1962 in München. Er war Vorsitzender der Bayerischen Philologenvereinigung, lehrte Schulberatung an der Ludwig-Maximilians-Universität München und an verschiedenen Gymnasien, leitete eine Beratungsstelle und engagiert sich seit Langem ehrenamtlich in der kirchlichen Jugendarbeit. Sein Interesse an seinen mütterlichen Vorfahren, den Patzaks in Ostböhmen, führte ihn zur Erforschung der sudetendeutschen Genealogie. Werner H. Honal leitet das Büro des Sudetendeutschen Genealogischen Archivs.
1 Bachmann, Ingeborg: Böhmen liegt am Meer. In: Ingeborg Bachmann. Werke. Hg. v. Christine Koschel, Inge von Weidenbaum, Clemens Münster. Erster Band: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen. München / Zürich: Piper 1982, S. 167 f. 2 Shakespeare, William: Das Winter-Mährchen. In: William Shakespeare. Gesammelte Werke. Band 3. Hg. v. Friedmar Apel. Üs. v. Erich Fried. Berlin: Klaus Wagenbach Verlag 1995, S. 529. 3 Zur Interpretation von Böhmen liegt am Meer vgl. Höller, Hans: Ingeborg Bachmann. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag 1999, S. 128f.; Albrecht, Monika / Göttsche, Dirk (Hg.): BachmannHandbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: Metzler 2013, S. 78 ff.
Die auf dem 2018 von Heinz Patzak geplanten Buch abgebildete Skulptur ist das Sousoší sv. Floriána (die Statuengruppe des Heiligen Florian), ein Werk des Barockbildhauers Georg F. Patzak (Jiří František Pacák) aus der Zeit um 1730.
Sie steht in Žireč (deutsch: Schurz), einem Ortsteil der Stadt Dvůr Králové nad Labem (Königinhof an der Elbe) in Ostböhmen, Tschechien. Genauer gesagt befindet sie sich in der Landschaft am Ortsausgang von Žireč, an der Straße in Richtung Stanovice (bzw. auf dem Weg in Richtung Kuks).
Georg und Franz Patzak: Meisterbildhauer des Böhmischen Barocks
Die Künstler Georg (1664–1742) und Franz (1680–1757) Patzak gehörten zu den bedeutendsten Bildhauern bzw. Holzschnitzern des böhmischen Barocks. Mehrere Mitglieder der Familie waren Bildhauer gewesen. (Schreibweise auch Pacák, Paczak u.a.) Sie waren darüber hinaus sowohl als Maler (z.B. Kreuzweg-Stationen) tätig als auch Gesamtplaner der figuralen Ausgestaltung von Stadtplätzen. Stilvolle Partner in der Charme-offensive der Mächtigen und der Kirche an die vom Krieg Verzweifelten und die am Glauben Zweifelnden Sie stammten aus der böhmisch-deutschen Grenzregion am Fuße des Riesengebirges. Im Biographischen Lexikon des Kaisertums Österreich (1870) steht, dass Franz Patzak ein trefflicher Künstler war: Die große Bedeutung der beiden Künstler und ihres Ateliers für die böhmische Barocklandschaft wird von der Kunstgeschichte anerkannt und gewürdigt. Da Georg und Franz auch eine angesehene Werkstatt gemeinsam betrieben, steht in den meisten Kulturführern der zusammengebaute Künstlername Georg Franz Patzak bzw. Jiří František Pacák. Tiefergehende Informationen und stilistische Unterscheidungen der beiden Künstler sind z.B. in „Die Barockskulptur in Böhmen“ von Václav Stech (Prag, Artia Verlag) zu finden.
Heinz Patzak hat mich in den Jahren 2014 bis 2020 kontaktiert, ich half ihm bei der einen oder anderen Recherche für das geplante Buchprojekt.
Unter anderem war Heinz auf der Suche nach einer tschechischen Übersetzung des Bachmanns Gedichts »Böhmen liegt am Meer«. 2016 war im Opus Verlag in der Übersetzung von MIchaela Jacobsenová, die Gedichtsammlung »ČÁRA ŽIVOTA« erschienen. Ich erhielt für Heinz die Genehmigung, ihre Übersetzung des Gedichts Čechy leží u moře für sein geplantes Buch zu verwenden. Am 15.5.2026 erhielt ich per Post die online gekaufte Journey in Bohemia's Inspired Landscapes zugestellt, das in Englisch – ohne Bachmanns Gedicht – erschien. In Gedenken an Heinz ist auf dem Zeitzug die von ihm 2018 verfasste Einleitung nachzulesen.
Ich werde in Prag weilend an "artgerecht" in Gleisdorf teilnehmen. Im Jänner war ich in Gleisdorf, traf Martin Krusche und Richard Mayr, beide federführend für den Archipel. Mir fiel die Professionalität des Vereins, die Kunst der Vernetzung, die in konkreten Veranstaltungen und gedruckten Werken mündet, ins Auge.
„Mini Fabula“ ist als Booklet (reales Druckwerk) in drei Mutationen erhältlich. Zusätzlich wird es Jewel Edition Boxes geben. Eine limitierte und nummerierte Auflage von 50 Stück, die jeweils mit den drei Booklets und drei Grafik-Prints befüllt sind. Nähere Details siehe https://archipel.or.at/die-sonderedition/
Im Sterben bruderseelenallein
Dr. Barbara Einhauer, 16. März 2026
Josef Winkler: Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht.
Wieder ist die dörfliche Kindheitsstätte Kamering im Kärntner Drautal Bühne für zahlreiche Erinnerungen und deren Verklausulierung bei Josef Winkler. Der Leserin, dem Leser grauenhaft vertraut.
Magdalena Štulcová, Josef Winklers Übersetzerin ins Tschechische, im Gespräch mit Josef Winkler, Buchmesse Prag 2021
Wie auch der jüngere Bruder Josef „Seppl“ ist seine fünf Jahre ältere Schwester Maria „Mitzale“ im bäuerlichen Elternhaus und Anwesen einer langen Gebetsschnur von Demütigungen ausgesetzt. Ihr, ihrem arbeitsreichen und zuletzt „damischen“ Leben und Ableben in einer psychiatrischen Pflegeanstalt widmet der 2008 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Josef Winkler seine ganze, wie bisher oft von repetitiven mantraartigen Gebeten oder Abwertungen und Zuschreibungen durchzogene, konzentrierte und zitatengespickt geballte Schreibkraft.
Wollte Winkler mit „geisternder Buchstabenkraft“ (Nelly Sachs) seine mittlerweile verstorbene und ihm zugetane Schwester ins Bewusstsein zurückschreiben, so ist es ihm packend, einmal zum Weinen, einmal wegen der bissigen Satire zum Lachen anregend gelungen.
Viel Raum gibt der Autor der Wirkmächtigkeit des Vaters: Wortkarg schleppt dieser sich durch sein bäuerliches Leben. Wenn er aber ein für alle in der Umgebung geltendes und bindendes Wort findet, eine Bezeichnung und Zuschreibung, dann sitzt das. So wird der »zu nichts zu gebrauchende« Seppl fürderhin der weiblichen Arbeitswelt zugeordnet. Darf den nachgeborenen Bruder als Baby im Kinderwagen und in der Doppelfunktion als Viehhüter und Bruderhüter über die Felder schieben. Die beiden mit viel Loyalität sich am entwerteten Leben erhaltenden Geschwister sind ein Gespann. Die anderen Brüder entwickeln innerhalb der bäuerlichen Möglichkeiten entsprechende Lebensentwürfe.
Worte, die Wunden schlagen.
Sie, die Worte schlagen Wunden, die, weil so sitzend, wiederholt werden oder in kleinen Variationen eindringlich ins Gedächtnis gezwungen werden.
Mitzale, zuerst lediges Kind, nach der Heirat der Eltern im Familienverband nur gering aufgewertet, leistet tagaus, tagein unbezahlte Arbeit. Die Entwertung gipfelt in angedeuteten sexuellen Übergriffen im Stall. Dieses Trauma und dessen Erinnerungsvariationen prägen die folgenden Lebensjahre der Frau, die Antidepressiva bekommt, später in psychiatrische Behandlung und nach einigen Jahren im Pflegeheim „bruderseelenallein“ stirbt. Diese Szene stellt einen Wendepunkt dar.
Danach holt Winkler seine ganze satirische Wortgewalt hervor und rechnet mit Verwandten und Lebensumständen ab. Die Überzeichnung dieses Personals ist grotesk, nährt sich bisweilen aus der Katholischen Bilderwelt, wenn sich etwa eine Frau in karfreitagslila die Nägel streicht. Neben der familiären Tragödie verwebt Winkler auch die Geschichte seines Heimatortes in die Handlung.
Nahe Winklers Elternhaus wurde der SS-Täter Odilo Globocnik* verscharrt. Dieser war ab 1942 Leiter der „Aktion Reinhardt“ und für unzählige Morde an Juden sowie für die Errichtung von Vernichtungs-Infrastruktur wie Konzentrationslager verantwortlich. Wie auch im 2017 vom Burgtheater beauftragten Stück „Lass dich heimgeigen, Vater oder den Tod ins Herz mir schreibe“ nimmt Winkler in Buch „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ oftmals Bezug auf die Bestattung Globocniks nach seinem Selbstmord mit Zyankali auf der nahen „Sautrattn“, einem Acker in Kamering. Von dort lässt er den Täter aus dem Moder hervorrufen und sich seiner Taten rühmen.
Für seine Schwester findet Winkler sehnsuchtsvolle und wertschätzende Worte. Er verwebt die Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit mit dem schmerzhaften Abschied. Marias Beruf als Konditorin dient als Bogen zum Gemälde ‚Le Petit Pâtissier‘ von Chaïm Soutine.
Gemeinsam sind die Geschwister in der Ausgrenzung vereint. Jetzt ist die Klammer geschlossen.
*Odilo Globocnik (1904–1945) war ein österreichischer Nationalsozialist slowenischer Herkunft und ein hochrangiger SS-Offizier, der zu den Hauptverantwortlichen des Holocaust zählte.
Dr. Barbara Einhauer wurde 1959 in Villach in eine kinderreiche Familie hineingeboren. Aufgewachsen in einem musikalischen Elternhaus, frühe Ausbildung von sozialen Kompetenzen durch Betreuung des schwerst behinderten Bruders. Nach der Matura Buchhändlerlehre, erst mit 42 Jahren Beginn des Germanistik-Studiums, Diplom- und Doktoratsstudium mit Auszeichnung abgeschlossen. 15 Jahre „fixe freie“ Journalistin für die Kleine Zeitung. Zurzeit Tätigkeit als Deutsch-als-Fremdsprache-Trainerin für die Volkshochschule. Barbara Einhauer ist geschieden und Mutter von zwei Kindern.
Eingeeiste Blut- und Wasserlachen werde ich für meine verstorbene Schwester Maria auf meinem Rücken tragen – immer noch ohne schwarze Teufelsflügel –, zur Schau nämlich! Ich trage ihren toten Engel auf meiner Schulter, schlaff hängen seine Flügel über meine Brust, denn Gottes Engel laden dich ein, öffnen die Tür und rufen: Komm herein! Ich hab nur ein einziges Herz, mit und ohne Mördergrube, für deine vielen, ach so warmen und salzigen Tränen jenseits der Bitternis, unser bedauernswertes, nach zerriebenen Mandeln duftendes, in der Fettecke aus Butterschmalz der Patisserie Chaim Soutine verloren gegangenes Ich und Du! Ich bei Tag und du bei Nacht! Denk dran, wir waren die schwarzpelzigen Maulwürfe des Unterirdischen mit den rosaroten Händen und rochen nach frisch aufgeworfener Friedhofserde, besonders einmal, als die blaurosa Vergißmeinnicht den gelben Sumpfdotterblumen im Frühjahr am »rauschenden Bach« in die Arme liefen nach einem schauerlichen Unfall, als ein Kind von einer schlampig verankerten hundert Kilo schweren Holzstatue erschlagen wurde, die keine Heiligenstatue mit oder ohne Heiligenschein war, sondern ein in der Gestalt eines Bären zurechtgeschnitzter Holzstamm, der das Kind nicht »unter sich begraben«, aber plattgedrückt und getötet hat! »Mach dir, ohne mit der Wimper zu zucken, eine mögliche Vorstellung von den Schwalben!«
Josef Winkler: „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ Schröder, Christoph | 15. März 2026, 16:10 Uhr, Deutschlandfunk
Josef Winkler über sein Schreiben und die Notwendigkeit eines Bibliotheksgesetzes.
Autor: Josef Winkler Moderation: Günter Kaindlstorfer Kamera/Schnitt/Ton: Andreas Lochmatter (BVÖ) Gedreht in der AK-Bibliothek, Klagenfurt Eine Produktion des Büchereiverbandes Österreichs 2014
Ukrainische Literatur
Crash Kurs in Molotow Cocktails
Gedichte, Halyna Kruk
Halyna Kruk, geboren 1974 in Lwiw, ukrainische Dichterin, Übersetzerin und Hochschullehrerin. Sie lehrt in Lwiw europäische und ukrainische Barockliteratur. Seit 2011 erzählen ihre Gedichte, Prosatexte vom bedrohten Frieden. Seit 2014 schreibt Halyna Kruk in lyrischer Sprache über den Krieg und wie Menschen, die dieser Gewalt ausgesetzt sind, diese verarbeiten.
Herausgeberinnen und Übersetzerinnen des Gedichtbands »Crash Kurs in Molotow Cocktails«, sind Claudia Dathe und Stefanijya Ptashnyk. Erschienen ist der Gedichtband bei Edition fotoTAPETA, Berlin 2025.
Mit Genehmigung des Verlags nachstehend drei Gedichte aus dem 166-seitigen Gedichtband
Die Geschichte der Menschheit
jemandes Krieg entrinnen, bis zum eigenen warten jemandem rechtförmige Zielscheiben auf die Brust malen, noch nie traten wir so nah an den Rand der Welt, uns traut bei den Händen haltend, schauten so forschend über den Rand hinaus, so geschützt wie tief es da? wie lange fliegt man denn? lassen die ersten die nächsten weicher fallen? schummrige Welt, zu der noch immer Licht dringt von entfernten Sternen, längst erloschenen, das senkt sich so gleichmäßig, als sei nichts passiert, bricht sich so scharf in Wassern, Augen und anderen von jetzt ab undurchdringlichen Flächen, spiegelt sich so verzweifelt im Metall, als sei alles auf eine blutige Weltkarte gesetzt was sich der Hände erwehrt, gibt sich nicht mehr in die Hand
sich ans Dunkel gewöhnen, die Waffen reinigen Munition sichern
Seite 27 übersetzt von Claudia Dathe
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die Geschichte wird mit Blut geschrieben und dann, etwas später kommen diejenigen, die Satzzeichen setzen, Pausen und Akzente, Kursiva und Kapitälchen, sie streichen aus, was jemandem kränken und entsetzen könnte, entfernen Überflüssiges und Unästhetisches, lektorieren um die Weichherzigen nicht zu schockieren, um die Verletzlich nicht zu verletzen ändern die Reihenfolge, schmücken aus, fügen hinzu aufschlussreiche Details, damit die Kinder ein paar Anhaltspunkte haben, wenn sie den Unterricht vorbereiten: ein paar Symbole, Zitate und Zeichen und dann kommen jene, die bereinigen und bleichen, die das Blut reinwaschen alles zu einem leicht verdaulichen Text verwässern – hier ist niemand gestorben hier wurde niemand getötet alles ließ sich ganz einfach erreichen, wie praktisch spielerisch zu gewinnen – mit links, gleich beim ersten Versuch und dann kommen jene, die zweifeln und denken, es war doch zu leicht, da gab es nichts zu verteidigen, alles passierte von selbst und hinterher muss man wieder jene abteilen, die mit ihrem eigenen Blut bezahlen, und jene, die sie beweinen, bezahlen und weinen
Seite 28, 29 übersetzt von Stefaniya Ptashnyk
6. Januar 2025
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Gefeiert wird jetzt bei uns jeden Tag, an dem man überlebt Badewanne ist in Wirklichkeit da, damit das Kind fort schläft, Flure werden von nun an sehr groß projektiert, die Fußböden warm konzipiert, mehrere Leben empfehlen sich als Reserve wie auch Aderpressen für den Todesfall
wir sitzen im Bauch dieses Hauses wie Jona im Wal, in uns versteckt sich unser Blut, rot wie Himmel beim Erwachen der Sonne skrupulös prüfen wir jede Information als ginge es dabei um Desinfektion der Wunden, Nachrichten klingen wie gemischte Chöre aus »Carmina Burana«,
gedenke unser, oh Herr, in deinem Wolkenreich, wir wünschten, das Leben wäre ruhig und freudenreich, wir brauchen kein anderes gelobtes Land, ehrlich gesagt, nur diese Welt – merkst Du, Gott, wie sündhaft wir an ihr hängen?
unsere Zukunft ist voller Rauch, verrußt von den Bränden, Vater, in deinem Glaubensbekenntnis steht gar nichts von Grenzenlosigkeit oder Grenzen, auch nichts davon, wie man mit letzter Kraft am Rand eines Abgrunds einen Menschen hält an schluchzenden Schultern, deshalb sich uns unverständlich Gottes merkwürdige Taten
uns mangelt es nicht an Glauben, aber weshalb Gehorsam verlangen? gieße diesen Leidenskelch aus, Vater, töte die Schlange.
GLÄSERNER VORHANG MIT CORNELIUS HELL - Halyna Kruk
Halyna Kruk: »Crashkurs in Molotowcocktails. Gedichte« (übersetzt. von Claudia Dathe und Stefaniya Ptashnyk; edition fotoTAPETA)
In ihren Gedichten widmet sich die vielfach ausgezeichnete Autorin der »wachsenden Bedrohung des Friedens« und findet »eine lyrische Sprache für den Einbruch von Krieg und Gewalt in das Leben der Menschen« (Verlag). Gespräch über das Buch und die Übersetzung mit Halyna Kruk sowie mit ihrer Übersetzerin Stefaniya Ptashnyk. Dolmetsch: Stefaniya Ptashnyk Moderation: Cornelius Hell, 18.2.2026, Österreichische Gesellschaft für Literatur
Screenshot von der Buchpräsentation, Meridian Czernowitz mit Julia Pajewskanz, 5.9.2025
„During war there is always a surge of poetry, or literature, or painting.“ Yuliia Paievska — call sign »Taira«, The Kyiv Independent, 8.7,2025
Julia Pajewska, Jahrgang 1968, (Taira) – Soldatin, Sanitäterin, Freiwillige und Aktivistin; Kommandantin der Einheit „Engel von Taira“ sowie der Evakuierungsabteilung des 61. mobilen Militärhospitals (2018–2020); Designerin, Präsidentin der Aikidō-Föderation „Mutokukai-Ukraine“.
Seit 2014 nahm sie als Sanitäterin an der Revolution der Würde und am Krieg im Osten der Ukraine teil. Sie versorgte Verletzte und rettete Leben im Stahlwerk von Mariupol, dokumentierte die Kriegssituation dort mit ihrer Körperkamera und machte die Aufnahmen unter Lebensgefahr der internationalen Presse zugänglich. Sie überlebte die dreimonatige harte russische Gefangenschaft und Misshandlungen und kam am 17. Juni 2022 durch Gefangenenaustausch frei. In der Ukraine ist „Taira“ eine weithin geachtete „Heldin des Volkes“.
Sie wurde mit der Auszeichnung des Präsidenten der Ukraine „Für humanitäre Teilnahme an der Antiterror-Operation“, dem Orden „Volksheld der Ukraine“, den Medaillen „Für die Unterstützung der Streitkräfte der Ukraine“ und „Dem Verteidiger des Vaterlandes“ sowie den Ehrenzeichen „Zeichen der Achtung“ und „Für Verdienste um die Streitkräfte der Ukraine“ geehrt. Das Lew Kopelew Forum verlieh ihr den „Preis für Frieden und Menschenrechte 2023/2024“ .
Über das Buch »Live«:
Dieser Gedichtband atmet die Atmosphäre des Krieges. Starke Lyrik, die kein Mitleid will. In ihr leuchtet die Kraft des Widerstands. »Live« spürt hinein in den Alltag und die Realität jener, die in der Ukraine leben.
In der online übertragenen Buchpräsentation von Meridian Czernowitz am 5.9.2025, liest Taira ein Gedicht, das sie auf FB veröffentlicht hat: Es ist Vasyl Stus gewidmet:
Пам'яті Василя Стуса
Ці сходи вгору.
Світло крізь мішок.
Кайданки вїлись в схудлі руки.
Я віддзеркалення не бачила давно...
Я так давно не бачила людей.
Як воду випила бездонні муки,
І як причастя випила отруєне вино.
Із справжнього зі мною: пересохла шкіра,
і пара строф, і люба Україна
далека в снах і споминах,
таємний знак із тонких пальців.
І запах ладана із геть розбитих шанців.
І кроки в гору і нестерпна віра.
Все вгору, вгору, як у чорну воду,
як в омут, в незбагненну височинь.
Кайданки вїлися. Бог плаче без причин.
І вивільняє кожен крок крізь смерть, свободу.
04-05.09.2025
In Gedenken an Vasyl Stus
Diese Treppe hinauf.
Licht durch den Sack.
Die Fesseln verhedderten sich in ausgemergelten Händen.
Ich habe lange kein Spiegelbild mehr gesehen...
Ich habe so lange keine Menschen mehr gesehen.
Anstatt Wasser trank ich bodenlose Qual,
Die Kommunion vergifteter Wein.
Von meinem wahren Ich: trockene Haut,
und ein paar Strophen, und die liebe Ukraine,
weit weg in Träumen und Erinnerungen,
ein geheimes Zeichen von dünnen Fingern.
Und der Geruch von Weihrauch aus völlig zerstörten Schützengräben.
Und Schritte bergauf und unerträglicher Glaube.
Alles hinauf, hinauf, wie in schwarzes Wasser,
wie in einem Strudel, in unfassbare Höhen.
Die Fesseln verhedderten sich. Gott weint grundlos.
Und erlöst jeden Schritt durch Tod, Freiheit.
04.-05.09.2025 Laienhafte Übersetzung aus dem Ukrainischen mit Hilfe von Google und Roman Nesterenco
»Hinter mir steht die Ukraine, mein unterdrücktes Volk, dessen Ehre ich verteidige oder untergehe.« Das schrieb der ukrainische Dichter und Freiheitskämpfer Vasyl Stus in seinen Notizen aus dem sowjetischen Straflager »Perm-36« (1983). Sein Widerstand gegen die von Moskau aus gesteuerte Russifizierungspolitik, sein unermüdlicher Einsatz für die ukrainische Sprache und Literatur, seine Übersetzungen deutscher und polnischer Lyrik ins Ukrainische sowie sein Kampf für politische Freiheit und die Achtung der Menschenrechte brachten Stus mehrfach in den Gulag. Auch zwischen den Haftzeiten unterlag er vielfältigen Repressionen, die bereits in seiner Studienzeit in Kyjiw einsetzten. 1980 wurde er erneut verhaftet und wegen »antisowjetischer Propaganda und Agitation« zu zehn Jahren »Lager mit besonderem Vollzug« verurteilt. 1985 verstarb der erst 47-Jährige im berüchtigten Straflager »Perm-36«, das speziell auf die Isolation politischer Häftlinge ausgelegt war.
Das Gespräch zwischen Julia Pajewska und Evgenia Lopata wurde während der YouTube-Live-Schaltung von Meridian Czernowitz ins Deutsche übersetzt, nicht jedoch die vorgetragenen Gedichte. Ich verstehe ein wenig Ukrainisch und es war der Vortrag der Gedichte, der direkt im Herzen landete. »Taira«, spricht von Erlebtem. Während der dreimonatigen russischen Gefangenschaft gab es weder Bleistift noch Papier. Sie hat trotz Verbots die Gefängniswände voll geschrieben. Sie hat von Jugend an geschrieben, zum Veröffentlichen hat sie Serhij Zhadan ermutigt. Unmittelbar nach der Buchpräsentation wird sie wieder nach Charkiw zurückreisen, um an dem Erhalt einer freien Ukraine weiter mitzuwirken. Der Mut dieser Frau, die Mariupol überlebt hat, lässt mich hin-ein-horchen, dockt an bei einem Sinn, der aus erlebtem Schmerz kommt und frei von Bitterkeit ist.
Prag, 5.9.2025, Milena Findeis
Ukrainisierung
Sprachkodex in Kriegszeiten
Serhij Zhadan im Gespräch mit Herwig G. Höller/APA
Serhij Zhadan erhielt am 25.Juli 2025 einer im Rahmen der Salzburger Festspiele den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur.
APA: Sie sind aller Wahrscheinlichkeit nach der erste Träger des Österreichischen Staatspreises für europäische Literatur, der zum Zeitpunkt der Auszeichnung Militärdienst leistet. Womit beschäftigen Sie sich als Soldat?
Serhij Zhadan: Ich bin im Mai 2024 eingerückt und diene in der Öffentlichkeitsarbeit der Brigade "Chartija", nunmehr zweites Korps der Nationalgarde (des ukrainischen Innenministeriums, Anm.). Dabei beschäftige ich mich mit Kommunikation innerhalb der Brigade, aber auch mit der Öffentlichkeit. Ich bin die Person, die sich dafür einsetzt, dass alle von der Brigade wissen und sie alles Nötige hat. Diese Position hat nicht unmittelbar mit Kampfhandlungen zu tun, ich sitze also nicht im Schützengraben. Aber ich bin Militärperson und berichte täglich an meinen Kommandanten. Im Plan für heute steht, dass ich mit Ihnen spreche. Er weiß also Bescheid.
APA: In den letzten Tagen wurde in der Ukraine intensiv Ihr Interview mit der 95-jährigen Lina Kostenko besprochen, einer seit den 1960ern legendären und für ihre Widerständigkeit bekannten ukrainischen Dichterin. Abgesehen vom Namen Ihrer Sendung – "Rundumverteidigung. Die Ersten" hat das wenig mit Militär zu tun, sondern es ist einfach interessanter Journalismus.
Zhadan: Klar, das ist kein Interview von der Front. Wir haben "Radio Chartija" gegründet, ein Onlineradio der Brigade. Das ist eine Plattform, wo man zeigen kann, wie das Land in Zeiten des Krieges lebt. Trotz Krieg und obwohl wir jeden Tag unter russischem Beschuss stehen, entwickelt sich Kultur. Auch bleiben Identität und Werte erhalten, Dinge, die es den Menschen erlauben, weiterzumachen. In dieser Sendung reden wir mit Literaten, aber es können auch Generäle sein. Es gibt keinen ausschließlichen Fokus auf militärische Themen, wir zeigen aber die ukrainische Armee als einen Bereich, in dem sich etwas entwickelt, und wo es Potenziale gibt. Auch Soldaten sollen gebildet und belesen sein – deshalb sprechen wir viel über Kultur, Literatur, Musik und Theater.
"Ironie und Leichtigkeit sind verschwunden"
APA: In der Jurybegründung ist insbesondere von Ihrer Literatur seit dem Euromaidan von 2014 die Rede. Wie unterscheidet sich der Schriftsteller Zhadan von vor 2014 von jenem zwischen 2014 und 2022 sowie von jenem seit Beginn des großen Krieges?
Zhadan: 2014 hat fraglos viel verändert, das gilt auch für meine Texte, viel Ironie und vielleicht auch Leichtigkeit sind verschwunden. Aber seit 2022 ist überhaupt alles anders. Was ich jetzt schreibe, erinnert kaum noch an mein Schreiben von vor 2014.
APA: Welche Auswirkungen wird der Krieg auf die ukrainische Literatur insgesamt haben?
Zhadan: Das wird eine ganz andere Literatur sein. Ausgehend von dem, was ich jetzt sehe, wird in einem ganz anderen Narrativ und einem ganz anderen Metatext geschrieben. Einstweilen fällt es mir jedoch schwer, das genau zu definieren – alles ist erst im Entstehen. Es wird aber mehr Aufmerksamkeit für Menschen und Text geben, die Intonation wird eine andere sein, vielleicht mehr Schwarz-Weiß und mit größerem Kontrast. Neue Namen werden auftauchen. Nach dem Ende dieses Krieges wird es für viele von uns, die vor 2014 schrieben, auf dem Bücherregal für neue ukrainische Literatur keinen Platz mehr geben. Ein Teil meiner Kollegen hat es nicht geschafft, sich an diese neue Wirklichkeit anzupassen. Und die hat sich grundsätzlich verändert. Das ist ein anderes Land mit anderer Atmosphäre, die nach einer anderen Sprache verlangt.
APA: Wie sehen Sie ein Ende des Krieges gerade aus der Perspektive der Grenzstadt Charkiw. Der ehemalige österreichische Außenminister Alexander Schallenberg sprach davon, dass Geografie unveränderlich sei.
Zhadan: Er hat absolut recht - Geografie lässt sich nicht negieren. Die Russen befinden sich derzeit 20 Kilometer außerhalb von Charkiw, und unsere Brigade hält dort die Frontlinie. Aber selbst wenn die Kampfhandlungen morgen aufhörten und die Russen das Territorium der Ukraine verlassen würden, werden sie weiter in 40 Kilometer Entfernung sein. Wir reden hier von einem Nachbarn, der nicht nur böse und aggressiv ist, sondern, so zeigt die Geschichte, sich auch ziemlich unangemessen verhält. Da ist alles möglich.
"Charkiw ist auch eine Festungsstadt"
In der Zukunft wird sich daher die Verteidigungskonzeption der Stadt verändern müssen: Charkiw ist nicht nur eine Großstadt, sondern auch eine Grenz- sowie in großem Ausmaß auch Festungsstadt. Sie wird dafür verantwortlich sein, einen großen Teil des Landes zu schützen. Dies wird die Verteidigung, aber auch die Industrie, Wirtschaft und Politik der Stadt tangieren.
Was das Kriegsende selbst betrifft: Ich bin weder Experte für Politik noch fürs Militär. Aber mir scheint, dass es kaum eine schnelle Beendigung dieser Situation geben kann. Auf die eine oder andere Weise wird es zwar einen Moment geben, an dem die Kampfhandlungen und die sogenannte "heiße Phase" aufhören. Aber das wird kaum das Ende des Krieges sein. Denn solange die Ukraine die besetzten Gebiete und vor allem die betroffenen Staatsbürger, die sich in russischen Gefängnissen und Lagern befinden, nicht zurückholt, wird dieser Krieg aus ukrainischer Sicht nicht als beendet gelten.
APA: Wird Donald Trump helfen? Vielleicht nach 50 Tagen - wie nun angekündigt?
Zhadan: Ich bin nicht bereit, die Handlungen des US-Präsidenten zu kommentieren, das wäre eine sehr undankbare Aufgabe. Jedenfalls rechnen wir mit der Unterstützung unserer Verbündeten, da wir überzeugt sind, dass dieser Krieg nicht nur die Ukraine betrifft. Das ist Putins Krieg gegen die ganze demokratische Welt. Und auch wenn es heute in Österreich, in Deutschland und der Schweiz keine russischen Soldaten gibt, bedeutet das nicht, dass diese Länder nicht der Aggression der Russischen Föderation ausgesetzt sind.
APA: Sie haben oft davon gesprochen, dass Sie sich mit der Ukrainisierung des Ostens der Ukraine beschäftigen und Ihnen es zu verdanken ist, dass in Charkiw vor allem seit 2014 die ukrainische Sprache und Literatur zunehmend angesagt waren. Kann es in Zukunft eine ukrainische Literatur in anderen Sprachen geben, oder müssen etwa Russisch schreibende Literaten wie Borys Chersonskyj, Andrij Kurkow und in der jüngeren Generation Jewhenija Bjelorussez ins Ukrainische wechseln, um Teil der ukrainischen Literatur zu bleiben?
Zhadan: Chersonskyj und Kurkow schreiben hervorragend auch auf Ukrainisch. Aber dieser Krieg zeigt, dass Sprache nicht nur mit Kultur und Kommunikation zu tun hat, sondern auch mit Sicherheit. Faktisch führen die Russen einen Krieg gegen das Ukrainische. Wobei die russische Sprache kein Schutz ist - sie töten auch Russischsprachige, das ist ihnen egal. Sie töten alle, die einen Bezug zur Ukraine und zur ukrainischen Identität haben. Eines ist ganz klar: Während die russischen Okkupanten nur Russisch reden, spricht man auf der ukrainischen Seite sowohl Russisch als auch Ukrainisch. Letzteres ist daher ein Attribut für ukrainische Identität. Die Ukrainisierung ist ein komplizierter Prozess, das ist nicht an einem Tag zu erledigen. Wir haben ein diesbezügliches Gesetz (aus dem Jahr 2019. Anm.), das wirkt. Aber es ist klar, dass nach Unterzeichnung eines Gesetzes die gesamte Bevölkerung nicht sofort ins Ukrainische wechselt.
APA: Sie sind einem knappen Vierteljahrhundert mit Österreich in Kontakt, damals konnten Sie mit einem Stipendium mehrere Monate lang an der Uni Wien studieren. Welche Rolle spielt das Land für Ihr eigenes Schaffen?
Zhadan: In Wien habe ich mein erstes Prosabuch "Big Mäc. Geschichten" verfasst, ebenso den Gedichtband "Die Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts". Ich habe seinerzeit eine Anthologie mit Übersetzungen von zehn zeitgenössischen Dichterinnen und Dichtern aus Wien veröffentlicht, ein Stück über Jura Soyfer geschrieben, der ein Klassiker der österreichischen Literatur ist und in Charkiw zur Welt kam. Und ein Libretto über Wassyl Wyschywanyj (Wilhelm Habsburg-Lothringen, Anm.). Ich kann nicht mit einem Werk über österreich-ungarische Nostalgie aufwarten, aber vor 20 Jahren habe ich einmal einen großen Essay zu meiner Sicht auf das k.u.k. geschrieben. Es mag verwunderlich sein, aber in meinem Leben gibt es viel Österreich.
APA: Außerhalb der Ukraine ist der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur Ihre erste staatliche Auszeichnung. Wie sehen Sie den österreichischen Staat, der 2014 das erste EU-Land war, wo Wladimir Putin nach der Annexion der Krim empfangen wurde? Und wo Putin 2018 bei der Hochzeit einer Ministerin getanzt hat.
Zhadan: Ich erinnere mich. Das sorgte damals natürlich nicht für Optimismus. Aber Putin hat nicht mit dem ganzen österreichischen Volk getanzt. Regierungen kommen und gehen, und es wäre dumm, ein ganzes Land wegen des fragwürdigen Verhaltens einer Ministerin zu boykottieren.
"Es ist auch ein Krieg der Kulturen"
APA: Der Staatspreis wird am Freitag im Rahmen eines Festakts während der Salzburger Festspiele verliehen, einem Festival, bei dem es traditionell viel Russisches gibt. 2025 etwa eine Inszenierung von Kirill Serebrennikow nach Wladimir Sorokin, eine französische Produktion auf Grundlage von Leonid Andrejew oder ein Schostakowitsch-Konzert unter der Leitung des Dirigenten und russischen Staatsbürgers Teodor Currentzis, der den Krieg gegen die Ukraine nicht kommentiert. Wie sehen Sie diese Nachbarschaft?
Zhadan: Ohne Interesse und Begeisterung. Mir scheint aber, dass man das im Westen nicht ganz versteht, dass das auch ein Krieg der Kulturen ist. Für Russland ist seine Kultur eine wichtige Komponente des Projekts der "Russischen Welt", der russischen Expansion und für revanchistische Gesinnungen. Ich kenne Sorokin und erachte ihn persönlich nicht als meinen Feind. Aber das ist keine Frage der Person. Du kannst (russischer, Anm.) Dissident, Liberaler oder Demokrat sein, bist aber trotzdem Teil eines sprachlich-kulturellen Feldes, das jene faschistisch-russische Staatsmaschine bedient, die heute ukrainische Staatsbürger tötet.
Erinnern Sie sich an die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs! Nicht alle deutschen oder österreichischen Schriftsteller unterstützten den Nazismus - Soyfer wurde etwa von den Nazis getötet. Bertolt Brecht ist dabei für mich ein wichtiger Autor: Er ist nicht nur gegen das Nazi-Regime aufgetreten, er hat seinem Land auch eine militärische Niederlage gewünscht. Er hatte verstanden, dass Deutschland nicht gewinnen darf, weil das der Sieg des Bösen wäre. Das ist für mich eine mehr oder weniger annehmbare Haltung - ein Schriftsteller oder Intellektueller tritt nicht nur für einen abstrakten Pazifismus ein, sondern nennt die Dinge bei ihren Namen. Und sagt, dass sein Land einen ungerechten Krieg führt und alle seine Mitbürger, die diesen Krieg unterstützen, an einem großen kollektiven Verbrechen teilnehmen und deshalb dafür auch kollektiv verantwortlich sind. Das gilt auch für die russische Kultur, die in einem überwiegenden Ausmaß diese Ungerechtigkeit, diese Aggression und diesen Besatzungskrieg unterstützt.
Zhadan-Oper nach Österreich?
APA: Die auf Ihrem erwähnten Libretto basierende Oper über Wyschywanyj, einen im Stalinismus getöteten ukrainophilen Habsburger, wurde 2021 in Charkiw uraufgeführt. Hoffen Sie noch auf eine österreichische Premiere?
Zhadan: Die Dekoration befindet sich im Depot in Charkiw und wartet auf bessere Zeiten. Die Theater in der Stadt sind praktisch zu, da es unmöglich ist, vor Publikum in großen Sälen zu spielen. Bei russischen Raketenangriffen käme der Luftalarm zu spät. Wir hatten jedenfalls große Pläne und wollten die Oper nach Österreich bringen - man könnte sie durchaus auch bei den Salzburger Festspielen zeigen. Aber das sind einstweilen nur Träume. Denn sehr viele Menschen aus der Kultur kämpfen im Krieg, und viele sind auch gefallen.
Das Interview führte Herwig G. Höller/APA, SN 22.7.2025
ZUR PERSON: Serhij Zhadan wurde am 23. August 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, studierte u.a. Literaturwissenschaft und Germanistik, promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört zu den prägenden Figuren der Szene in Charkiw. Sein bisheriges literarisches Werk umfasst mehr als ein Dutzend Gedichtbände, fünf Romane und einige Erzählbände. Für "Die Erfindung des Jazz im Donbass" wurde er u.a. mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet, die BBC kürte das Werk zum "Buch des Jahrzehnts". 2022 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei Suhrkamp erschienen deutsche Übersetzungen seiner Bücher, zuletzt der Gedichtband "Chronik des eigenen Atems" (2024) und der Erzählband "Keiner wird um etwas bitten. Neue Geschichten" (2025).
Friedrich Orter
Friedrich Orter, November 2017
Ob Jugoslawien, Irak oder Syrien - für den ORF war Friedrich Orter in seiner langen Karriere an vielen gefährlichen Schauplätzen. Aus über 80 Ländern und von 14 Kriegen berichtete er zwischen 1975 und 2012. Dabei mutete er den ORF-Sehern mit seiner markanten Stimme stets die oft traurige Wahrheit zu. Nach seinem Pensionsantritt blieb der vielfach ausgezeichnete Journalist nicht untätig und verfasste Bücher.
"Ich habe mich immer als Friedensberichterstatter verstanden, ich habe mich immer um die Menschen gekümmert", sagte er bei Antritt seiner Pension im Jahr 2012 rückblickend. Den Krieg hat er als objektiver Beobachter stets gehasst. Er ergriff Partei für die Wahrheit und die Zivilbevölkerung. Dabei machte er im Rahmen seiner Tätigkeit viele Grenzerfahrungen und hatte die Angst als ständigen Begleiter und "lebensnotwendigen Abwehrmechanismus" im Gepäck. "Meine sichtbaren Narben sehe ich im Spiegel, die Unsichtbaren verberge ich vor mir selbst. Das ist der Preis, wenn man grausame Geschichten erzählen will. Unser Geschäft ist der Tod", so Orter 2014 im Rahmen der Präsentation seines Buchs "Ich weiß nicht, warum ich noch lebe".
Seine schwiergsten Einsätze waren jene im Zuge der Balkankriege auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. "Weil sie direkt vor unserer Haustüre stattgefunden haben, weil da persönliche Betroffenheit war, weil es da Familien gab, die ich gekannt habe, die umgekommen sind und die ich verloren habe. Dort habe ich gesehen, wozu ein Mensch fähig sein kann", sagte Orter, der speziell den "mutigen Kameraleuten" dankte, die ihn bei seinen Recherchen begleitet hatten. "Ohne die wäre das alles nicht möglich gewesen."
Immer wieder geriet Orter in gefährliche Situationen. 1991 musste er vom Bürgerkriegsgebiet kurzfristig abgezogen werden, nachdem der jugoslawische Generalmajor Milan Aksentijevic auf einer Pressekonferenz Orter als einzigen Westjournalisten namentlich attackiert und bedroht hatte. Zu einem dramatischen Erlebnis kam es 1997 während des albanischen Bürgerkriegs. Bei Dreharbeiten wurden Orter und sein Team von maskierten Banditen überfallen, Auto, Kameras und Gepäck geraubt, die Reporter "bis auf die Unterhose" ausgezogen. Auf dem anschließenden Fußmarsch Richtung Tirana wurde die Gruppe ein weiteres Mal überfallen.
Zu diesem Zeitpunkt war Orter, geboren am 10. Juli 1949 in Sankt Georgen im Lavanttal, schon ein erfahrener Reporter. Nach diversen Studien - darunter Geschichtswissenschaft und Slawistik - startete der promovierte Historiker 1975 beim ORF. Orter arbeitete zunächst für die Kurzwelle und stieß dann zur neu gegründeten ORF-Osteuroparedaktion. Dort waren Paul Lendvai und Barbara Coudenhove-Kalergi seine "Lehrmeister". Polen, Rumänien und andere Länder der osteuropäischen Wende um 1989 zählten zu Orters Stationen. Mit dem "Krieg gegen den Terror" kamen Krisengebiete in Zentralasien, dem Nahen und Mittleren Osten dazu. Mitunter verbrachte er bis zu acht Monate im Jahr in Kriegsgebieten, wobei er stets zahlreiche Bücher zur Lektüre im Gepäck hatte.
Seinen letzten Auslandseinsatz bestritt er 2012 in Syrien. Nach dem Tod seiner ersten Frau sei etwas von seiner Kraft "weggebrochen". Er wolle nun die Zeit des Ruhestands nutzen, um "ein wenig mich selbst zu finden", erklärte er damals, zog aber 2013 als unabhängiger Reporter abermals in den syrischen Bürgerkrieg, weil er "es noch einmal wissen" wollte. Schnell sei ihm da aber klar geworden, dass sich die Arbeit eines Krisenberichterstatters verändert habe: Schnelligkeit und ständige Präsenz und das am besten in multimedialer Form seien gefragt. Junge Kollegen würden als billige Arbeitskräfte ausgebeutet.
Für seine Arbeit wurde der gebürtige Kärntner vielfach ausgezeichnet. So kann er etwa den Karl-Renner-Publizistikpreis, den Preis des Österreichischen Roten Kreuzes, eine Romy, den OSZE-Preis für Journalismus und Demokratie, den Concordia-Preis für Menschenrechte und den Axel-Corti-Preis sein Eigen nennen. 2012 wurde er vom Branchenmagazin "Österreichs Journalist:in" für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Dabei zollte ihm Laudator Paul Lendvai Respekt für seinen Mut und nannte ihn eine Art "Einmann-CNN". Am 5.6.2025 erhielt er den Europäischen Toleranzpreis für Demokratie und Menschenrechte der Stadt Villach.
Bücher: "Verrückte Welt. Augenzeuge der Weltpolitik" (2005) "Himmelfahrten. Höllentrips" (2008) "Ich weiß nicht, warum ich noch lebe" (2014) "Aufwachen! Europa und die neue Weltunordnung (2016) "Der Vogelhändler von Kabul" ( 2017)
Anlässlich des 100. Geburtstages von Georg Kreisler
Gedanken von Friedrich Orter
Der Rundfunksender Österreich 1 produzierte die von Friedrich Orter verfassten Gedanken „Alles hat kein Ende“ Georg Kreisler
Gedanken für den Tag, 11.7.2022
„Ich singe in die blauwattierte Ferne." Die Nachrichten der neuen Woche sind absehbar und wiederholbar. Krieg in der Ukraine, Energieknappheit, Hungersnöte, Zukunftsängste, Pandemie, Wiederaufflammen der nie endenden Antisemitismus-Debatte. Wir hätten es ahnen und wissen können:
"Die Wirklichkeit ist verschwunden, und wir haben es nicht gemerkt“, lässt Georg Kreisler den Protagonisten seines Romans „Alles hat kein Ende“ sagen, einen Mann, dem die Welt aus den Fugen gerät. Kreislers Wirklichkeit war die Welt eines Vertriebenen und Emigranten, der nicht verdrängen und nicht vergessen konnte. In seiner unnachahmlichen Selbstbeschreibung liest sich das so: „Ich bin makaber, schauerlich, doch andererseits ganz nett/ und manchmal auch bedauerlich/ ein bisschen Kabarett// Nehmt ihn nicht ernst! Er ist doch gut/Und er bemüht sich redlich/ Er ist ein Wiener und ein Jud/ Zusammen ist das tödlich."
In meiner Bibliothek halte ich ein vergilbtes dtv-Bändchen aus dem Jahr 1964 in Ehren. Titel: "Georg Kreisler: Zwei alte Tanten tanzen Tango. Seltsame Gesänge“. Als damals Fünfzehnjähriger dachte ich, einen Dichter entdeckt zu haben in der Nachfolge von Wedekind, Mehring, Ringelnatz, Kästner oder Morgenstern, bis ich kurz später herausfand, dass diese Texte auf Schallplatten nachzuhören waren. Surreale, sarkastische, melancholische, vertonte Gedichte, die Kreisler zu einem Idol meiner Jugendjahre machten.
Den späten Kreisler lernte ich vor zwei Jahrzehnten in Bela Korenys legendärer Wiener Broadway Bar kennen, in der seine Tochter Sandra gelegentlich Lieder ihres Vaters interpretierte und ein anderer prominenter Barbesucher, Kreislers Todfreund Gerhard Bronner, zu morgengrauer Stunde über beide lästerte. Ich erinnere mich an einen Konzertabend im Wiener Musikverein im Februar 1972, an dem Elfriede Ott, die Lebensgefährtin des frühen Kreisler-Bewunderers Hans Weigel, drei Kreisler-Lieder sang und den zuhörenden Meister in der Loge mit den Worten begrüßte: „Das ist unser Nestroy!“ Ob sich Kreisler geschmeichelt fühlte, weiß ich nicht. Aber Nestroys melodiösen Sprachduktus höre ich aus seinen Liedern, so böse, so makaber und sarkastisch sie sein mögen, immer wieder heraus.
"Ich singe Lieder in die blauwattierte Ferne. Ich hänge Klagen an die pausenlose Zeit. So hebt ein jeder seine winzige Laterne, und ich lerne, nur das Lied bleibt und die Hoffnungslosigkeit. Denn seh´n Sie, so ist das Leben. Und dieser Schaden lässt sich schwer beheben. Andere singen ebenso – sicherlich, aber zu leise für mich.
Gedanken für den Tag 12.7.2022
Das Jahr 1938 war ein besonders ungutes für Juden in Österreich. “Ich musste Jude üben statt Klavier“, schreibt Kreisler in seinem Buch.
Als Sechzehnjähriger kann Georg Kreisler mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten nach Kalifornien fliehen. „Die Optimisten endeten in Auschwitz, die Pessimisten in Beverly Hills“, reflektiert Kreisler selbstironisch. Ein Cousin in Hollywood hilft ihm, Kreisler erlernt die englische Sprache, finanziert als Barpianist den Lebensunterhalt, auch den seiner Eltern, verkehrt in Exil-Künstlerkreisen, lernt Schönberg, Eisler und die Dietrich kennen, an die er sich als Kekse backende Hausfrau erinnert.
Als Zwanzigjähriger wird er als US-Soldat einer Spezialeinheit zugeteilt, die auf Verhöre von deutschen Kriegsgefangenen trainiert wird. Einer seiner Kameraden war der spätere Opernführer der Nation Marcel Prawy. In diesem nach einem ehemaligen US-Gouverneur benannten Camp Ritchie wurden Soldaten ausgebildet, den Feind mit nichtmilitärischen Mitteln zu bekämpfen. Die US-Militärs waren zur Einsicht gelangt, dass psychologische Kriegsführung ebenso wichtig ist wie militärische Erfolge auf dem Schlachtfeld. Dafür waren die deutschsprechenden jungen Exilanten bestens geeignete Rekruten. Als Verhörspezialist spricht Kreisler nach Kriegsende mit Nazi-Größen wie Göring, Kaltenbrunner und dem berüchtigten antisemitischen Hetzer Julius Streicher. Seine Begegnung mit Streicher ist so makaber, dass sie nicht einmal von einem Kreisler hätte erfunden werden können. Der ehemalige Stürmer-Herausgeber sagte dem vernehmenden US-Soldaten Kreisler zum Abschied: „Sie waren ja nett zu mir. Aber die Juden haben mir sehr zugesetzt.“
Ein Schicksalsgenosse Kreislers, George Tabori, hat einmal geschrieben, „die Wunde versteht das Messer“. Und ich möchte ergänzen: aber das Messer versteht die Wunde nicht. Das Unsagbare der Shoa, die Landschaften des Todes, die Ausgrenzung der Erinnerung verdichtet Kreisler in vier Zeilen: "Bayern, Hessen, Schleswig-Holstein /Bockwurst, Bier und Brüder Grimm// Mandelbaum und Kohn und Goldstein/ Schlummern tief in Oswiecim."
Die Rückkehr nach Wien, wo er in den 1950er Jahren dann Karriere machte, war für Kreisler keine Heimkehr. Er wagte es lange nicht, die Wohnung aufzusuchen, aus der er mit seiner Familie vertrieben worden war. In den Wohnungen und Geschäften der Vertriebenen und Ermordeten hatten es sich die Täter und Arisierer gemütlich gemacht.
„Und ich grüße ebenso den Frisörgehilfen Navratil/ Der auch in der SS war – oder war es die SA?/ Einmal hat er angedeutet, während er mir die Haare schnitt/ Was damals in Dachau mit dem Rosenblatt geschah/ Er war erst zwanzig – zwölf Jahre jünger als der Rosenblatt/ Jetzt ist er fünfzig und ein sehr brauchbarer Frisör/ Grüß Gott, Herr Hauptmann! Der heißt nur Hauptmann/ Er war Oberst und hat in Frankreich einige zu Tode expediert/ Er ist noch immer Spediteur/ Es hat sich nichts geändert.“
Gedanken für den Tag 13.7.2022
Zeitlebens hätten ihn die düsteren Themen des Alltags angeregt, erklärte Georg Kreisler einmal. Seinen Ärger über die Gesellschaft und ihre Zustände brachte er in scharfzüngigen, oft bitterbösen Liedern und Texten zum Ausdruck. „Man schreib doch Böses, um das Gute zu bewirken. Es kann keine Rede davon sein, dass böse ist, wer so schreibt", so hat der Musiker, Schriftsteller, Poet und Kabarettist Georg Kreisler einmal selbst seine Position beschrieben.
"Die Wirklichkeit ist ein Märchen“, ein Kreisler-Satz, der mich an einen alten Kalenderspruch erinnert: „In Wirklichkeit ist die Realität ganz anders.“
Was Wirklichkeit und Wahrheit anlangt, diese Frage hat Kreisler, so scheint es mir, ein Leben lang beschäftigt. Und er kam zum Schluss: „Es gibt viele Wirklichkeiten und nur eine Wahrheit. Unsere Wirklichkeit liegt in der Kunst, aber das kann man nicht beweisen.“ In diesem Sinne erinnert er mich an Heinrich von Kleist, der seiner Verlobten 1801 – also lange vor Kreisler – schrieb: „Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es nur uns so scheint."
Ich bin kein Philosoph, aber als Journalist stelle ich mir die Frage bei der Interpretation der Nachrichtenlage im Zeitalter von Fake News, Deepfakes und der sogenannten Lügenpresse täglich. Halten wir das für wahr, was unserem Weltbild entspricht, was unsere Vorurteile bestärkt? Gibt es so etwas wie unumstößliche Fakten überhaupt? Nur weil etwas als wahr gilt, heißt es ja nicht, dass es für immer so sein muss. Solche Fragen sind allerdings Wasser auf den Mühlen aller Verschwörungstheoretiker. Die Mondlandung war ein Fake, Impfen macht unfruchtbar. Und an allem sollen natürlich die Juden schuld sein.
Auch Kreisler, der sich zu seinem Judentum immer bekannt hat, stellt sich in einem seiner vielen Bücher die Frage: "Ich weiß nicht, was soll ich bedeuten?“ – Eine Lebensbilanz mit epikureisch-stoischer Einsicht, dass ja niemand wissen kann, wer er wahrhaftig wirklich ist. Aber Kreisler glaubte aus seiner Lebenserfahrung eines zu wissen: „Jeder Mensch ist ein Flüchtling. Wer Zuhause bleibt, flüchtet vor der Realität." Und ich würde im Sinne Kreislers ergänzen: Unter der Oberfläche der Wirklichkeit lauert das Unsagbare.
"Denn der Mensch will immer was beweisen/ Im Gegensatz zur Gans/ Doch er kann´s nicht und er wird entgleisen/ Solang er glaubt, er kann´s/ In der Wirklichkeit gibt’s nie Beweise/ Denn die Wirklichkeit, die ist wahr./ Kommt mit mir auf eine wahre Reise/ Voller Traum und ohne Kommentar/ In der Wirklichkeit sind die Träume/ Die kein Physiker je beschreibt/ Kommt mit mir in meine Zwischenräume, wo kein Mensch die Wahrheit übertreibt/ Kommt mit mir auf meine Purzelbäume, wo von Wissenschaft nichts übrig bleibt.”
Gedanken für den Tag 14.7.2022
„Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau – gehen wir Tauben vergiften im Park.“ Georg Kreisler wollte in seinen späten Jahren nicht mehr, wie er selbst einmal sagte, an dieses „dumme Lied“ erinnert werden, wenngleich es kommerziell vermutlich eines seiner erfolgreichsten war.
Diese Parodie des Wiener Gemüts, des angeblichen goldenen Wiener Herzens, das sich im März 38 als Mördergrube offenbarte. Der hinterhältige Sadismus, die grinsende Fratze der schmierig-selbstzufriedenen Gemütlichkeit. Das Böse im Walzertakt, die Heurigenseligkeit als Totentanz. Zeitlos besungen auf seinen wichtigsten Schallplatten Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre, heute auf YouTube jederzeit abrufbar.
Friedrich Holländer, einst Kreislers Schwiegervater, schrieb einmal: „Clown, du hast deine Stellung verloren/ Sieh dich nach einer anderen um/ Zogst die Politik lang genug an den Ohren/ Dummer August, sei nicht länger dumm.“ Auch Kreisler wollte nicht der dumme August sein. Er wollte als Schriftsteller und Komponist ernst genommen werden. Mit seiner Oper „Der Aufstand der Schmetterlinge“ versucht er 2000 noch einmal einen künstlerischen Neuanfang. Den erhofften Erfolg hat er damit nicht.
Er wird wohl immer mit Kabarett-Texten und mit seinen bitterbösen Liedern in Erinnerung bleiben, die ihn – wenn er selbst es auch nicht so sah – als großen Denker ausweisen. Nur ein Beispiel aus seinem Gedichtband „Zwei alte Tanten tanzen Tango“: „Gar nichts ist schon längst verklungen/ Und was ich bis jetzt gesungen/ Multiplizier ich mit gar nichts/ Und lösche dadurch alles aus./ Ich hab nichts, verdien nichts und spar nichts/ Und geh dann befriedigt nach Haus/ Dort sitz ich und erleb nichts und erfahr nichts/ Außer natürlich gar nichts.“ Georg Kreisler, der Taubenvergifter, ein Chronist der Verlogenheit unserer Gesellschaft.
„Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau/ Gehn wir Tauben vergiften im Park/ Die Bäume sind grün und der Himmel ist blau/ Gehen wir Tauben vergiften im Park/ Wir sitzen zusamm´ in der Laube/ und ein jeder vergiftet a Taube/ Der Frühling, der dringt bis ins innerste Mark/ Beim Taubenvergiften im Park. Nimm für uns was zum naschen / In der anderen Taschen / Gehn wir Tauben vergiften im Park“
Gedanken für den Tag 15.7.2022
„Die Gerechtigkeit besteht darin, dass es keine gibt.“, bilanziert ein verbitterter Georg Kreisler seine Lebenserfahrungen. Zu seiner Geburtsstadt Wien hatte er zeitlebens ein gespanntes Verhältnis:
„Wien, die einzige Stadt, in der ich geboren bin.diese Stadt hat nie einen Finger für mich gerührt“, klagte er einmal. „In Wien starb ich den Heldentod / Ich wollte nicht mehr stinken/ Man sprach ein letztes Zuckerbrot / Und ließ die Peitsche sinken // Es lächelte der Stephansturm / Bis in mein Grab hinein / Und rief: Wohlan, du Wiener Wurm, nun kannst du glücklich sein// Und wenn ein Wiener Patriot/ Sich jetzt bei mir beschwert / Dann sag ich: Stirb den Heldentod / Der hat sich sehr bewährt //.“
Und auch mit dem Staat Österreich, dessen offizielle Vertreter sich nach Kreislers Tod mit Ehrerbietungen überboten, kamen nicht auf die Idee, dem Vertriebenen zu Lebzeiten die Staatsbürgerschaft zurückzugeben. Konsequent verbat sich Kreisler daher in seinen letzten Lebensjahren jede offizielle Ehrung durch den österreichischen Staat. Der ätzende Zeithistoriker, der scharfe Beobachter mit dem zynisch-provokanten Humor wurde mit zunehmendem Alter immer radikaler in seinen politischen Ansichten. „Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen / Statt die Verantwortlichen niederzumachen.“ Texte wie dieser trugen ihm auch den Vorwurf ein, ein „Troubadour des Terrors“ zu sein, wie etwa sein lebenslanger Gegenspieler Gerhard Bronner formulierte.
Kreisler, der misstrauische Gegner von Lügen und Halbwahrheiten, verstand sich als Anarchist: „Anarchismus ist keine Macht für Niemanden“, gab er zu bedenken und präzisierte seine Auffassung wenige Jahre vor seinem Tod im November 2011 in einem Zeitungsinterview. „Ich glaube, jeder Künstler ist Anarchist, sonst ist er kein Künstler. Das hat nichts mit Bombenwerfen zu tun, sondern mit dem Glauben an Gewaltlosigkeit, Abschaffung von Herrschaft und Macht, Eigentumsmöglichkeiten für alle und die Förderung individueller Eigenarten. Als Künstler darf man eine Utopie nicht über Bord werfen. Als Politiker muss man das sogar."
"Ein Politiker hat seine Macht./ Ist er rege / Geht die Macht bald eig’ne Wege,/ Und beherrscht ihn selber, ehe er’s gedacht./ Durch Verschlingung/ Wird sie schließlich zur Bedingung,/ Ihr stetes Wachstum wird sein Lebensunterhalt./
Ein Politiker hat keine Liebe,/ Ein Politiker hat nur Gewalt. // Ein Politiker muss isoliert sein/ Lass ihn tanzen dort am Rande des Vesuvs/ Denn Gefühle stören immer seine Kühle/ Das ist nichts als eine Folge des Berufs/ Du geh der Liebe nach/ Genieße deine Triebe/ Alles andere wäre unverantwortlich/ Ein Politiker hat keine Liebe/ Ein Politiker hat dich und mich.“
Gedanken für den Tag 16.7.2022
Ausklang einer Woche mit Georg Kreislers Gedanken: „Der Tod, das muss ein Wiener sein“. Oder wie Kreisler, der Lebensphilosoph, an anderer Stelle schreibt: „Das Leben überfordert den Menschen, der Tod nicht.“ Ein Satz, der mir während meiner Arbeit als Reporter in Kriegs- und Katastrophengebieten immer wieder in den Sinn kam. Die Konfrontation mit dem Sterben, mit dem Tod mir Unbekannter in Leichenschauhäusern auf Kriegsschauplätzen, lässt mich zweifeln, ob der Tod, wie Kreisler ihn besingt, ein Wiener sein muss. Er ist es gewiss nicht in der Ukraine, in Afghanistan, in Syrien. Er ist der große Gleichmacher, wie ihn zwei Autoren der Antike wahrnehmen, die ich – Zufall oder nicht – gleichzeitig mit einem Gedichtband Kreislers als Fünfzehnjähriger zum ersten Mal las. Epikur und Horaz. Zwei Sätze über das Sterben von zwei Autoren, die mich immer wieder zum Nachdenken bringen: „Solange wir existieren, ist der Tod nicht da. Und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“- Ein Satz des Epikur. „Der Tod ist das Ende aller Dinge, die letzte Trennlinie der Realität und Wahrheit“. – Ein Satz von Horaz.
Kreisler, der Epikuräer und Stoiker, lässt uns in seinen Texten und Liedern ja im Unklaren, ob mit dem Körper auch die Seele stirbt oder diese unsterblich bleibt. Sein Begräbnis war frei von religiösen Zeremonien. Irgendwie hatte er es aber doch auch mit der Religion: „Zu leugnen, dass es einen Gott gibt, ist vor allem unglaublich arrogant, denn es bedeutet, dass alles, was über unseren Horizont geht, nicht existiert. Nun gibt es auch Spinozas Gott, also einen Gott, der alles geschaffen hat und dann weggegangen ist. Aber dem widerspricht unter anderem die Kunst, denn für Künstler ist der Glaube an einen präsenten Gott eine Selbstverständlichkeit."
Also heißt es, von Kreisler lernen – von diesem wortschöpferischen, fabelhaften Pianisten, von diesem einzigartigen Sprach-Jongleur zwischen makabrem Witz und sinnvollem Unsinn. Auch das Untragbare ist erträglich, das Unverständliche verständlich und das letztlich Unfassbare fassbar, wenn es im Walzerklang auf uns zukommt.
"Der Tod das muss ein Wiener sein/ genau wie die Lieb a Französin/ Denn wer bringt dich pünktlich zur Himmelstür/ Ja, da hat nua a Wiener das Gspür dafür/ Der Tod, das muss ein Wiener sein/ Nur er trifft den richtigen Ton/ Geh Schatzerl, geh Katzerl, was sperrst dich denn ein/ Der Tod muss ein Weana sein/ geh Mopperl, du Tschopperl, na komm brav mit´n Freund Hein./ Na kumm schon/ Der Tod muss ein Wiener sein.“
Friedrich Orter, Joana Radzyner - Lesung Gedichte Tamar Radzyner, November 2017, Wien
PS: Die aus Polen stammende Lyrikerin Tamar Radzyner hat mit Georg Kreisler zusammengearbeitet. Georg Kreisler: "Vor vielen Jahren gab es eine österreichische Rundfunkserie, die "Das unbekannte Chanson" hieß, und bei der das Publikum eingeladen wurde, Liedertexte zu liefern, die, wenn brauchbar, professionell vertont und gesendet werden. Mir wurde die Aufgabe zuteil, die von Amateurdichtern eingesandten Texte zu prüfen und in den Papierkorb zu werfen. Denn es gab so gut wie nie empfehlenswerte Texte, nur Wäschekörbe mit kitschigen, faden Ergüssen armer, frustrierter Menschen. Gelegentlich fand man kleine Lichtblicke, also Texte, die man bearbeiten und irgendwie hinbiegen konnte, und ein einziges Mal erlebte ich die Entdeckung einer Dichterin. Sie hieß Tamar Radzyner."
Fischen mit Lech Wałęsa: Weltpolitik aus erster Hand - ORF Reporter:innen erzählen
Fischen mit Lech Wałęsa: Weltpolitik aus erster Hand - ORF Reporter:innen erzählen
von Alfred Schwarz (Herausgeber), Alexander Steinbach (Herausgeber)
Sie galten als „Speerspitze des ORF“ und waren in der Welt zu Hause. Sie haben – oft unter schwierigsten Bedingungen – Eindrücke und Erfahrungen gesammelt, und mit ihren Reportagen, Berichten und Analysen das außenpolitische Weltbild einiger Generationen geprägt.
Wie nahe Korrespondenten und Korrespondentinnen ihren Gesprächspartner sind, zeigt Joana Radzyner, die ein Interview mit Solidarność Chef Lech Wałęsa nur unter der Bedingung bekam, mit ihm fischen zu gehen.
In diesem Buch erzählen, analysieren und sezieren ehemalige Korrespondent:innen jene Länder und Regionen, für die sie verantwortlich waren: Eugen Freund beleuchtet die politische Entwicklung in den USA , Roland Adrowitzer erklärt die wachsende Krisenstimmung in Deutschland. Friedrich Orter zeigt auf, warum der Balkan nicht zur Ruhe kommt, Susanne Scholl beschäftigt der Rechtsruck in Europa. Und Afrika-Spezialistin Margit Maximilian nimmt uns mit auf eine erhellende Reise durch verschiedene Länder des Kontinents. Der vorliegende Band bietet weitere Analysen zu Russland, China, Japan, Brasilien, Frankreich, Italien, Polen, den baltischen Staaten – und Österreich.
Geschrieben von: Waltraud Mittich, Milena Findeis, Igor Pomerantsev
Tausend Tage
... seit 24. Februar 2022, als Russland den Krieg in der Ukraine großflächig ausweitete, der 2014 begann
Seit dem ersten Czernowitz-Besuch 2010 bin ich in die Geschichte und die Landschaft der Ukraine eingetaucht. Wegweisend der Dichter Igor Pomerantsev, Dichter, Radio-Kultur-Produzent, der nach Verhaftung durch den KGB von der damaligen Sowjetunion des Landes verwiesen wurde:
Okkupanten aus einem anderen Land drangen in die Ukraine. Ja, sie sprechen eine hier verständliche Sprache, aber sie sind hier fremd, sie sind Eindringlinge. Ukrainische Soldaten wissen, wofür sie sterben können. Die Feinde jedoch hätten auf die Frage „Wofür kämpft ihr?“ keine Antwort. Die Antwort werden sie vermutlich verschweigen: „Wir sind zum Rauben und Morden hier.“
Jedes Jahr im September werden in Tschernowitz Gedichte gelesen. Es ist mittlerweile eine Tradition geworden. Der Krieg verleiht scheinbar den halbvergessenen Worten, die wir nur aus Militärwörterbüchern und alten Gedichten kannten, wieder Sinn. Eines dieser Wörter ist das Wort „Front“. So wird die vorderste Gefechtlinie bezeichnet. Es gibt gleichzeitig eine andere, offenere Bedeutung dieses Wortes. Frontmenschen kann man alle Menschen, von Charkiw bis New York, nennen, die mit dem Gedanken an die Ukraine einschlafen und nach dem Erwachen den Tag mit den Kriegsnachrichten beginnen. Auch die von uns gelesenen Gedichte klingen jetzt -- ob es uns recht oder nicht ist – wie Frontgedichte. Alle poetischen Klassiker, selbst Schewtschenkos Kirschgarten oder sein Testament gehören nun zur Frontlyrik. Warum? Weil Lyrik dem Tod widersteht, und der Krieg ist Tod. Die Lyrik besitzt zwar weder Haubitzen noch geflügelte bzw. flügellose Raketen noch Streubomben, dafür aber hat sie hochpräzise Wörter, gegen die Waffen machtlos sind. Mein erster Luftschutzkeller, Igor Pomerantsev
Im Frühjahr 2024 in Prag eine Begegnung mit der Autorin Waltraud Mittich, ihre Spurensuche nach dem Vater führt nach Kyjiw, nachzulesen in dem Roman Ein Russe aus Kiew.
Post aus der Ukraine Frühling 2022
Waltraud Mittich
Ich wünsche dir einen friedlichen Himmel schreibt mir jemand. Ja, wie denn sonst sollte der Himmel wohl sein? Himmelblau, wolkenlos, auch grau, bewölkt, dunkel und düster. Aber meist doch eher so: Ich wünsche dir den Himmel auf Erden. Sich himmlisch fühlen. Himmelfahrtskommando, da sind wir dem näher was er gemeint hat der Briefschreiber mit friedlichem Himmel. Den friedlich ist die Stille auch der Vögel Schreie nächtens
Fratzenhimmel IX
Waltraud Mittich
Am linken Ufer des Dnipro dünnhäutige Eisschollen festhalten am gelben Himmel über der Stadt ehe der Mond wächst blaue Fratze im Gelb der Himmel kennt keine Günstlinge
Kriegswinter
Waltraud Mittich
Weil atmen eine kostbare Sache ist, schreibt der Krieger, atmen, leben, den ersten Kriegswinter überlebt. Wir Anderen hier atmen flach, aus Gewohnheit, die Luft zum Atmen Atemluft für alle Luftikusse. Dem Winter sehen wir aus dem Fenster. Es schließt gut. Wir sperren sie weg die Winter der Anderen. Aufatemen. Überleben. Leben. Kostbares.
Charkiw, so fern, so nah
Waltraud Mittich
Je tiefer der Herbst umso dunkler die Schneewolke über Charkiw. Die alten Apfelbäume, schwer von ungepflückten Früchten. Der Feind kam zu früh. Und nun: zehn Tausend Paar zuverlässiger Schuhe, als unabdingbares Hilfspaket, betend, einfordern, himmelwärts zur Wolke schauend. Sich auf den Winter vorbereiten und nicht schneeblind werden. Das können sie. Sie sind Ukrainer.
Mein Leben hat sich nach dem Maidan verändert, ich lernte die Meldungen in Zeitungen, sozialen Medien, die Worthülsen von Menschen zu hinterfragen, von manchen habe ich mich zurückgezogen. Die Werte, die sich die Europäische Union auf die Sternenfahne geschrieben hat, wird von Menschen in der Ukraine gelebt. Das Herz ist bei ihnen, den Verbliebenen und den Gefallenen.
1000
Tausend, dröhnende Zahl Jahre, Tage Gefallene verrechnet in Statistiken
Einzelne Gesichter füllen den Raum zwischen Augenbrauen und Hinterkopf
Klare Befehle, Anspannung Angriff abgewehrt Wucht des Aushalten
Abzählreime enden bei 10 der Krieg geht weiter Algorithmen bilden die Struktur
Jenseits der Kampfzonen wird ab- und weggeblendet vom Überlebensmodus der Hinterbliebenen
in den Konsum Modus der europäischen Intellektuellen
BegriffsGRENZEN
Aus dem Inneren heraus scheiden Ideen (un)bewußt
Nicht Wahrgenommenes zeugt von der Macht einer Finsternis in die selten ein Lichtstrahl fällt
Momentig schmerzt die Erhellung das Auge der Empfindung
Geblendet zerfällt der Augapfel wenn Licht konzentriert einfällt in das Äußere der Regenbogenhaut
Von Achtung entblößte Ahnung zerfleischt jedes Beginnen
Nichts das mehr wuchert als die reine Logik der widersprüchlichen Gefühle am Angelhaken der Ängste
Der Wahnsinn, der Teile der westlichen Gesellschaft seit dem Angriff der Hamas auf Israel erfasst hat
Herta Müller
Offener Brief
In den meisten Berichten über den Krieg in Gaza beginnt der Krieg nicht dort, wo er begonnen hat. Der Krieg hat nicht in Gaza begonnen. Der Krieg begann am 7. Oktober 2023, genau 50 Jahre nach dem Einmarsch Ägyptens und Syriens in Israel. Palästinensische Hamas-Terroristen verübten ein unvorstellbares Massaker in Israel. Sie filmten sich selbst als Helden und feierten ihr Blutbad. Ihre Siegesfeiern setzten sich zu Hause im Gazastreifen fort, wo die Terroristen schwer misshandelte Geiseln verschleppten und sie der jubelnden palästinensischen Bevölkerung als Kriegsbeute präsentierten. Dieser makabre Jubel reichte bis nach Berlin. Im Bezirk Neukölln wurde auf den Straßen getanzt und die palästinensische Organisation Samidoun verteilte Süßigkeiten. Im Internet häuften sich die fröhlichen Kommentare.
Mehr als 1.200 Menschen starben bei dem Massaker. Nach Folter, Verstümmelung und Vergewaltigung wurden 239 Menschen verschleppt. Dieses Massaker der Hamas ist eine totale Entgleisung der Zivilisation. In diesem Blutrausch liegt ein archaischer Schrecken, den ich in der heutigen Zeit nicht mehr für möglich gehalten hätte. Dieses Massaker hat das Muster der Vernichtung durch Pogrome, ein Muster, das die Juden seit Jahrhunderten kennen. Deshalb ist das ganze Land traumatisiert, denn die Gründung des Staates Israel sollte vor solchen Pogromen schützen. Und bis zum 7. Oktober glaubte man, dass er geschützt sei. Dabei sitzt die Hamas dem Staat Israel schon seit 1987 im Nacken. In der Gründungscharta der Hamas wurde die Vernichtung der Juden klar als Ziel genannt, und »der Tod für Gott ist unser edelster Wunsch«.
Auch wenn diese Charta seither geändert wurde, ist klar, dass sich nichts geändert hat: Die Vernichtung der Juden und die Zerstörung Israels sind nach wie vor das Ziel und der Wunsch der Hamas. Das ist genau dasselbe wie im Iran. Auch in der Islamischen Republik Iran ist die Vernichtung der Juden seit ihrer Gründung, d. h. seit 1979, Staatsdoktrin.
Wenn es um den Terror der Hamas geht, sollte der Iran immer mit in die Diskussion einbezogen werden. Es gelten die gleichen Prinzipien, weshalb der große Bruder Iran den kleinen Bruder Hamas finanziert, bewaffnet und zu seinem Handlanger macht. Beide sind gnadenlose Diktaturen. Und wir wissen, dass alle Diktatoren immer radikaler werden, je länger sie regieren. Heute besteht die Regierung des Iran ausschließlich aus Hardlinern. Der Staat der Mullahs mit seinen Revolutionsgarden ist eine skrupellose, expandierende Militärdiktatur. Die Religion ist nur noch ein Deckmantel. Der politische Islam bedeutet Menschenverachtung, öffentliche Auspeitschungen, Todesurteile und Hinrichtungen im Namen Gottes. Der Iran ist vom Krieg besessen, tut aber gleichzeitig so, als ob er keine Atomwaffen bauen würde. Der Gründer der sogenannten Theokratie, Ayatollah Khomeini, erließ ein religiöses Dekret, eine Fatwa, die besagt, dass Atomwaffen unislamisch sind.
Im Jahr 2002 hatten internationale Inspektoren bereits Beweise für ein geheimes Atomwaffenprogramm im Iran aufgedeckt. Ein Russe wurde angeheuert, um die Bombe zu entwickeln. Der Experte aus der sowjetischen Kernwaffenforschung war jahrelang im Iran tätig. Es scheint, dass der Iran nach dem Vorbild Nordkoreas eine nukleare Abschreckung anstrebt – und das ist ein beängstigender Gedanke. Vor allem für Israel, aber auch für die ganze Welt.
Die Kriegsbesessenheit der Mullahs und der Hamas ist so dominant, dass sie – wenn es um die Ausrottung der Juden geht – sogar die religiöse Kluft zwischen Schiiten und Sunniten überwindet. Alles andere wird dieser Kriegsbesessenheit untergeordnet. Die Bevölkerung wird absichtlich in Armut gehalten, während gleichzeitig der Reichtum der Hamas-Führung ins Unermessliche steigt – in Katar soll Ismael Haniye über Milliarden verfügen. Und die Verachtung für die Menschen kennt keine Grenzen. Für die Bevölkerung gibt es fast nur noch den Märtyrertod. Militär plus Religion als lückenlose Überwachung. In der palästinensischen Politik in Gaza gibt es buchstäblich keinen Platz für abweichende Meinungen. Die Hamas hat mit unglaublicher Brutalität alle anderen politischen Strömungen aus dem Gaza-Streifen vertrieben. Nach dem Rückzug Israels aus dem Gazastreifen im Jahr 2007 wurden Fatah-Mitglieder zur Abschreckung von einem fünfzehnstöckigen Gebäude geworfen.
Unsere Gefühle sind ihre stärkste Waffe
Auf diese Weise hat die Hamas die Kontrolle über den gesamten Gazastreifen übernommen und eine unangefochtene Diktatur errichtet. Unangefochten, weil niemand, der sie in Frage stellt, lange lebt. Statt eines sozialen Netzes für die Bevölkerung hat die Hamas ein Netz von Tunneln unter den Füßen der Palästinenser gebaut. Selbst unter Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten, die von der internationalen Gemeinschaft finanziert werden. Gaza ist eine einzige Militärkaserne, ein tiefer Staat des Antisemitismus im Untergrund. Vollständig und doch unsichtbar. Im Iran gibt es ein Sprichwort: Israel braucht seine Waffen, um sein Volk zu schützen. Und die Hamas braucht ihr Volk, um ihre Waffen zu schützen.
Dieses Sprichwort ist die kürzeste Beschreibung des Dilemmas, dass man in Gaza das Zivile nicht vom Militärischen trennen kann. Und das gilt nicht nur für die Gebäude, sondern auch für das Personal in den Gebäuden. Die israelische Armee wurde bei ihrer Reaktion auf den 7. Oktober in diese Falle gelockt. Nicht gelockt, sondern gezwungen. Gezwungen, sich zu verteidigen und sich durch die Zerstörung der Infrastruktur mit all den zivilen Opfern schuldig zu machen. Und genau diese Unvermeidbarkeit wollte und nutzt die Hamas aus. Seither steuert sie die Nachrichten, die in die Welt hinausgehen. Der Anblick des Leids beunruhigt uns täglich. Doch kein Kriegsreporter kann in Gaza unabhängig arbeiten. Die Hamas kontrolliert die Auswahl der Bilder und orchestriert unsere Gefühle. Unsere Gefühle sind ihre stärkste Waffe gegen Israel. Und durch die Auswahl der Bilder gelingt es ihr sogar, sich als alleiniger Verteidiger der Palästinenser darzustellen. Dieses zynische Kalkül hat sich ausgezahlt.
»Ganz normale Männer«
Seit dem 7. Oktober denke ich immer wieder über ein Buch über die Nazizeit nach, das Buch »Ganz normale Männer« von Christopher R. Browning. Er beschreibt die Vernichtung jüdischer Dörfer in Polen durch das Reserve-Polizeibataillon 110, als es die großen Gaskammern und Krematorien in Auschwitz noch nicht gab. Es war wie der Blutrausch der Hamas-Terroristen auf dem Musikfestival und in den Kibbuzim. An nur einem Tag im Juli 1942 wurden die 1.500 jüdischen Einwohner des Dorfes Józefów abgeschlachtet. Kinder und Säuglinge wurden auf der Straße vor ihren Häusern erschossen, die Alten und Kranken in ihren Betten. Alle anderen wurden in den Wald getrieben, wo sie sich nackt ausziehen und auf dem Boden herumkriechen mussten. Sie wurden verhöhnt und gefoltert, dann erschossen und in einem blutigen Wald liegen gelassen. Das Morden wurde pervers.
Das Buch heißt »Ganz normale Männer«, weil dieses Reserve-Polizeibataillon nicht aus SS-Männern oder Wehrmachtssoldaten bestand, sondern aus Zivilisten, die wegen ihres Alters nicht mehr für den Militärdienst geeignet waren. Sie kamen aus ganz normalen Berufen und wurden zu Monstern. Erst 1962 kam es zu einem Prozess in diesem Fall von Kriegsverbrechen. Aus den Prozessakten geht hervor, dass einige der Männer »einen Riesenspaß an der ganzen Sache hatten«. Der Sadismus ging so weit, dass ein frisch verheirateter Hauptmann seine Frau zu den Massakern mitbrachte, um ihre Flitterwochen zu feiern. Denn der Blutrausch ging in anderen Dörfern weiter. Und die Frau schlenderte in ihrem mitgebrachten weißen Hochzeitskleid zwischen den auf dem Marktplatz zusammengepferchten Juden umher. Sie war nicht die einzige Ehefrau, die zu Besuch kommen durfte. In den Prozessunterlagen berichtet die Frau eines Leutnants: »Eines Morgens saß ich mit meinem Mann im Garten seiner Unterkunft und frühstückte, als ein einfacher Mann aus seinem Zug an uns herantrat, eine steife Haltung einnahm und erklärte: „Herr Leutnant, ich habe noch nicht gefrühstückt!" Als mein Mann ihn fragend ansah, erklärte er weiter: »Ich habe noch keinen Juden getötet.»
Sie sind sich ihrer Freiheit nicht mehr bewusst
Ist es richtig, am 7. Oktober an die Nazimassaker zu denken? Ich denke, es ist richtig, weil die Hamas selbst die Erinnerung an die Shoah wachrufen wollte. Und sie wollte zeigen, dass der Staat Israel keine Garantie mehr für das Überleben der Juden ist. Dass ihr Staat eine Fata Morgana ist, dass er sie nicht retten wird. Die Logik verbietet es uns, das Wort Shoah in die Nähe zu bringen. Aber warum muss sie es verbieten? Weil das Gefühl, das man hat, sich dieser pulsierenden Nähe nicht entziehen kann.
Und dann fällt mir noch etwas ein, das mich an die Nazis erinnert: das rote Dreieck auf der palästinensischen Flagge. In den Konzentrationslagern war es das Symbol für kommunistische Gefangene. Und heute? Heute sieht man es wieder in den Videos der Hamas und an den Fassaden von Gebäuden in Berlin. In den Videos wird es als Aufruf zum Töten verwendet. An den Fassaden kennzeichnet es Ziele, die angegriffen werden sollen. Ein großes rotes Dreieck prangt über dem Eingang des Techno-Clubs »About Blank«. Jahrelang tanzten hier syrische Flüchtlinge und schwule Israelis wie selbstverständlich. Doch jetzt ist nichts mehr selbstverständlich. Jetzt schreit das rote Dreieck über dem Eingang. Ein Raver, dessen jüdische Familie aus Libyen und Marokko stammt, sagt heute: »Das politische Klima erweckt alle Dämonen. Für die Rechten sind wir Juden nicht weiß genug, für die Linken sind wir zu weiß.« Der Hass auf Juden hat sich im Berliner Nachtleben festgesetzt. Nach dem 7. Oktober ist die Berliner Clubszene buchstäblich in sich zusammengesunken. Obwohl 364 junge Menschen, Raver wie sie, auf einem Techno-Festival abgeschlachtet wurden, äußerte sich der Clubverband erst Tage später dazu. Und selbst das war nur eine oberflächliche Übung, denn Antisemitismus und Hamas wurden nicht einmal erwähnt.
Ich habe über dreißig Jahre lang in einer Diktatur gelebt. Und als ich nach Westeuropa kam, konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Demokratie jemals auf diese Weise in Frage gestellt werden könnte. Ich dachte, dass die Menschen in einer Diktatur systematisch einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Und dass in Demokratien die Menschen lernen, selbst zu denken, weil das Individuum zählt. Anders als in einer Diktatur, wo das eigenständige Denken verboten ist und das Zwangskollektiv die Menschen erzieht. Und wo der Einzelne nicht Teil des Kollektivs ist, sondern ein Feind. Ich bin entsetzt, dass die jungen Menschen, die Studenten im Westen, so verwirrt sind, dass sie sich ihrer Freiheit nicht mehr bewusst sind. Dass sie offenbar die Fähigkeit verloren haben, zwischen Demokratie und Diktatur zu unterscheiden.
Es ist absurd, dass zum Beispiel Homosexuelle und queere Menschen für die Hamas demonstrieren - wie am 4. November in Berlin geschehen. Es ist kein Geheimnis, dass nicht nur die Hamas, sondern die gesamte palästinensische Kultur LGBTQ-Menschen verachtet und bestraft. Schon eine Regenbogenflagge im Gazastreifen ist unvorstellbar. Die Sanktionen der Hamas für Schwule reichen von mindestens hundert Peitschenhieben bis hin zur Todesstrafe. In einer Umfrage aus dem Jahr 2014 in den palästinensischen Gebieten sagten 99 Prozent der Befragten, dass Homosexualität moralisch inakzeptabel sei. Man kann auch einen satirischen Ansatz wählen, wie es der Blogger David Leatherwood auf »X« tut: Als queere Person für Palästina zu demonstrieren ist wie als Huhn für Kentucky Fried Chicken zu demonstrieren.
Ich frage mich auch, ob die Studenten an vielen amerikanischen Universitäten wissen, was sie tun, wenn sie bei den Demonstrationen skandieren: »Wir sind Hamas« oder sogar »Geliebte Hamas, bombardiert Tel Aviv!« oder »Zurück nach 1948«. Ist das noch unschuldig oder schon schwachsinnig? Obwohl das Massaker vom 7. Oktober bei diesen Demonstrationen nicht mehr erwähnt wird. Und es ist empörend, wenn der 7. Oktober 2023 sogar als eine von Israel inszenierte Veranstaltung interpretiert wird. Oder wenn kein einziges Wort über die Forderung nach Freilassung der Geiseln verloren wird. Wenn stattdessen der Krieg Israels in Gaza als willkürlicher Eroberungs- und Vernichtungskrieg einer Kolonialmacht dargestellt wird.
Schauen junge Leute immer nur Clips auf Tiktok? Inzwischen kommen mir die Begriffe Follower, Influencer, Aktivist nicht mehr harmlos vor. Diese schnittigen Internetbegriffe sind ernst gemeint. Es gab sie alle schon vor dem Internet. Ich übersetze sie in die damalige Zeit zurück. Und plötzlich werden sie starr wie Blech und überdeutlich. Denn außerhalb des Internets bedeuten sie Mitläufer, Einflussnehmer, Aktivisten. Als wären sie vom Übungsplatz einer faschistischen oder kommunistischen Diktatur übernommen worden. Ihre Geschmeidigkeit ist ohnehin eine Illusion. Denn ich weiß, dass die Worte tun, was sie sagen. Sie fördern Opportunismus und Gehorsam im Kollektiv und ersparen es den Menschen, Verantwortung für das zu übernehmen, was die Gruppe tut.
Es würde mich nicht wundern, wenn einige der Demonstranten Studenten wären, die noch vor wenigen Monaten mit dem Slogan »Frauen, Leben, Freiheit« gegen die Unterdrückung im Iran protestiert haben. Es entsetzt mich, wenn dieselben Demonstranten sich heute mit der Hamas solidarisieren. Es scheint mir, dass sie den abgrundtiefen Widerspruch des Inhalts nicht mehr verstehen. Und ich frage mich, warum es sie nicht kümmert, dass die Hamas nicht einmal die kleinste Demonstration für die Rechte der Frauen zulässt. Und dass am 7. Oktober die vergewaltigten Frauen als Kriegsbeute vorgeführt wurden.
Auf dem Campus der University of Washington spielen die Demonstranten zur Unterhaltung das Gruppenspiel »Volkstribunal«. Vertreter der Universität werden zum Spaß vor Gericht gestellt. Und dann folgen die Urteile, und alle brüllen im Chor: »Ab an den Galgen« oder »Guillotine«. Es wird geklatscht und gelacht, und sie taufen ihren Lagerplatz »Märtyrerplatz«. In Form von Happenings feiern sie mit gutem Gewissen ihre eigene kollektive Dummheit. Man fragt sich, was heute an den Universitäten gelehrt wird.
Mir scheint, dass sich der Antisemitismus seit dem 7. Oktober wie ein kollektives Fingerschnippen verbreitet hat, als wäre die Hamas der Influencer und die Schüler die Follower. In der Medienwelt der Influencer und ihrer Follower zählen nur die schnellen Klicks der Videos. Das Flattern der Wimpern, das Klopfen der lebhaften Emotionen. Hier funktioniert der gleiche Trick wie in der Werbung.
Nimmt die Empfänglichkeit der Massen, die der Grund für die Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts war, eine neue Wendung? Komplizierte Inhalte, Nuancen, Zusammenhänge und Widersprüche, Kompromisse sind der Medienwelt fremd.
Das zeigt sich auch in einem dummen Aufruf von Internetaktivisten gegen die Oberhausener Kurzfilmtage. Es ist das älteste Kurzfilmfestival der Welt und feiert in diesem Jahr sein siebzigjähriges Bestehen. Viele große Filmemacher haben hier ihre Karriere mit frühen Werken begonnen. Miloš Forman, Roman Polański, Martin Scorsese, István Szabó und Agnès Varda. Zwei Wochen nach den Hamas-Feiern auf den Straßen Berlins schrieb der Festivaldirektor Lars Henrik Gass: »Eine halbe Million Menschen sind im März 2022 auf die Straße gegangen, um gegen den Einmarsch Russlands in die Ukraine zu protestieren. Das war wichtig. Bitte lasst uns jetzt ein ebenso starkes Zeichen setzen. Zeigt der Welt, dass die Neuköllner Hamasfreunde und Judenhasser in der Minderheit sind. Kommt alle! Bitte!«
Dies löste eine feindselige Reaktion im Internet aus. Eine anonyme Gruppe warf ihm vor, die Solidarität mit der palästinensischen Befreiung zu verteufeln. Die Gruppe versicherte ihm, dass sie die internationale Filmgemeinschaft »ermutigen« würde, ihre Teilnahme an dem Festival zu überdenken. Ein versteckter Aufruf zum Boykott, dem viele Filmemacher folgten und ihr Engagement absagten. Lars Henrik Gass sagt zu Recht, dass wir derzeit einen Rückschritt in der politischen Debatte erleben. Anstelle von politischem Denken herrscht ein esoterisches Politikverständnis vor. Dahinter steht der Wunsch nach Konsistenz und der Druck zur Konformität. Auch in der Kunstszene ist es unmöglich geworden, zwischen dem Eintreten für das Existenzrecht Israels und der gleichzeitigen Kritik an seiner Regierung zu differenzieren.
Deshalb wird nicht einmal darüber nachgedacht, ob die weltweite Empörung über die vielen Toten und das Leid in Gaza nicht Teil der Strategie der Hamas sein könnte. Sie ist taub und blind für das Leid ihres Volkes. Warum sonst würde sie den Grenzübergang Kerem Shalom beschießen, wo die meisten Hilfslieferungen ankommen? Oder warum sonst sollte sie auf die Baustelle eines provisorischen Hafens schießen, wo bald Hilfslieferungen ankommen sollen? Wir haben von Herrn Sinwar und Herrn Haniye nicht ein einziges Wort des Mitgefühls für die Menschen in Gaza gehört. Und statt des Wunsches nach Frieden, nur Maximalforderungen, von denen sie wissen, dass Israel sie nicht erfüllen kann. Die Hamas setzt auf einen permanenten Krieg mit Israel. Er wäre die beste Garantie für ihre weitere Existenz. Die Hamas hofft auch, Israel international zu isolieren, koste es, was es wolle.
In Thomas Manns Roman »Doktor Faustus« heißt es, der Nationalsozialismus habe »alles Deutsche für die Welt unerträglich gemacht«. Ich habe den Eindruck, dass die Strategie der Hamas und ihrer Unterstützer darin besteht, alles Israelische und damit alles Jüdische für die Welt unerträglich zu machen. Die Hamas will den Antisemitismus als globale Dauerstimmung aufrechterhalten. Deshalb will sie auch die Shoah umdeuten. Auch die Verfolgung durch die Nazis und die Rettungsflucht nach Palästina sollen in Frage gestellt werden. Und letztlich auch das Existenzrecht Israels. Diese Manipulation geht so weit zu behaupten, das deutsche Holocaust-Gedenken diene nur als kulturelle Waffe, um das westlich-weiße »Siedlungsprojekt« Israel zu legitimieren. Solche ahistorischen und zynischen Umkehrungen des Täter-Opfer-Verhältnisses sollen jede Differenzierung zwischen der Shoah und dem Kolonialismus verhindern. Mit all diesen gestapelten Konstruktionen wird Israel nicht mehr als die einzige Demokratie im Nahen Osten gesehen, sondern als kolonialistischer Musterstaat. Und als ewiger Aggressor, gegen den blinder Hass gerechtfertigt ist. Und sogar der Wunsch nach seiner Vernichtung.
Der jüdische Dichter Yehuda Amichai sagt, dass ein Liebesgedicht auf Hebräisch immer ein Gedicht über den Krieg ist. Oft ist es ein Gedicht über den Krieg inmitten eines Krieges. Sein Gedicht »Jerusalem 1973« erinnert an den Jom-Kippur-Krieg:
»Traurige Männer tragen die Erinnerung an in ihrem Rucksack, in ihren Seitentaschen an ihren Munitionsgürteln, in den Taschen ihrer Seelen, in schweren Traumblasen unter ihren Augen.«
Karel Schwarzenberg, Herta Müller, Jiří Gruša , April 2004, Wien
Als Paul Celan 1969 Israel besuchte, übersetzte Amichai Celans Gedichte und las sie auf Hebräisch vor. Hier trafen sich zwei Überlebende der Shoah. Jehuda Amichai wurde Ludwig Pfeuffer genannt, als seine Eltern aus Würzburg flohen.
Der Besuch in Israel bewegte Celan. Er traf Schulfreunde aus Czernowitz in Rumänien, die im Gegensatz zu seinen ermordeten Eltern nach Palästina hatten fliehen können. Paul Celan schrieb nach seinem Besuch und kurz vor seinem Tod in der Seine an Jehuda Amichai: »Lieber Jehuda Amichai, lassen Sie mich das Wort wiederholen, das mir während unseres Gesprächs spontan über die Lippen kam: Ich kann mir die Welt ohne Israel nicht vorstellen, und ich will sie mir auch nicht ohne Israel vorstellen.«