Wassyl Machno
Die Belagerung Kyjiws von 1240
Wenn wir das Jahr 1240 betrachten und was der Belagerung von Kyjiw und schließlich der Belagerung selbst vorausging, so werden die Hauptquellen natürlich unsere Chroniken sein; westliche, chinesische und muslimische
Chroniken, die teilweise die Ereignisse dieses Jahres aufzeichnen.
Wie die historischen Untersuchungen bezeugen, war Kyjiw im frühen 13. Jahrhundert eine Festungsstadt mit Wällen, hölzernen Bollwerken und Türmen. Die Bevölkerungszahl belief sich auf bis zu fünfzigtausend. Darüber hinaus gaben Kathedralen, Kirchen und Klöster der Stadt eine besondere Pracht und Schönheit. Zur Zeit des 13. Jahrhunderts verlor der Handelsweg von den Wikingern zu den Griechen an Bedeutung, wodurch auch die Bedeutung
Kyjiws zurückging.
Obwohl der Kyjiwer Thron als der wichtigste in der Rus galt, wechselte dieser Kyjiwer Thron – im Verlauf der Verzweigung zahlreicher Fürstenfamilien, der Isjaslawowytsch, Olhowytsch, Monomachowytsch, Romanowytsch, Rostyslawowytsch, Mstyslawowytsch – oft von einer Hand zur anderen. Alle Nachkommen in der männlichen Linie brauchten zumindest ein separates Fürstentum, früher oder später führte dies zu Kriegen mit Nachbarn um die Eroberung neuer Länder oder zu lokalen Kriegen zwischen nahen oder entfernten Verwandten.
Im Norden, Osten, Westen und Süden erweiterten sich die Grenzen und Ausmaße der Fürstentümer der Rus, was sich auf die umliegenden Nachbarn auswirkte. Wenn wir uns die wichtigsten Ereignisse des dreizehnten Jahrhunderts ansehen, wird das vielleicht größte geopolitische Ereignis die Geburt des mongolischen Reiches und seine ungehemmte Expansion zu unglaublichen Ausmaßen sein.
Wenige Jahre vor dem Einmarsch der Mongolen ersetzte Mychajlo Wsewolodowytsch Jaroslaw Wsewolodowytsch aus Susdal, dann Rostyslaw Mstyslawowytsch aus Smolensk, aber auch er blieb nicht lange in Kyjiw, weil Danylo von Galizien, der seinen Woiwoden Dmytro einsetzte, ihn von dort vertrieb. All diese dynastischen Unruhen, Feindschaften und militärischen Kämpfe um Kyjiw stärkten den Thron des Kyjiwer Fürsten nicht, sondern schwächten ihn. Die
Kriege zwischen den Fürsten der Rus dauerten von 1228 bis 1236.
Das heißt,ab 1240 blieb in der Rus jedes Fürstentum oder jede Stadt mit Feinden auf sich allein gestellt. Ein interessantes Detail der mongolischen Eroberung führt Lew Gumiljow an, wenn er sagt, dass die Städte, die sich freiwillig ergaben, Hobalyks – die Guten – genannt wurden, d.h. sie zahlten eine Abgabe, einen Beitrag für Futter- und Lebensmittel, aber die Mongolen ließen ihre Garnisonen dort einstweilen nicht zurück.
Und was war mit den Mongolen? Man sollte nicht meinen, dass die mongolische Staatsbildung im 13. Jahrhundert einem chaotischen Zusammenschluss verschiedener Nomadenstämme glich. Nach Dschingis Khan wurde das Reich von einem Herrscher regiert, der unter seinen Söhnen und nahen Verwandten ausgewählt wurde. Die mongolische Armee bestand aus einer Garde, den Keshig (Gesegneten), sie umfasste die Söhne des Adels und der einfachen Leute. Die Mongolen hatten einen gut entwickelten diplomatischen Dienst, organisierten eine Post, um verschiedene Nachrichten und Befehle zu übermitteln, und hatten eine Versorgungsverwaltung. 1240 wurden alle Ulus – mongolischen Reichsgebiete – von Ögedei Khan regiert.
Das 1209 gegründete Mongolenreich hält weiter fest an Militär und Angriffskriegen. Wenn man sich die mongolische Armee vorstellen will, die als schwarze Wolke über die Wolga-Steppe wälzt und eine Stadt nach der anderen erobert, so kann man sich diese ausmalen als unaufhaltsame Ströme mongolischer Reiter auf gedrungenen ausdauernden Pferden, als Kamelkarawanen, beladen mit verschiedener militärischer Ausrüstung, Futter, mongolischen Jurten. Außerdem führen sie jede Menge fahrbarer Katapulte mit sich, die sogenannten Wurfschleudern. Hinter ihnen und mit ihnen wirbelt der Staub der Kiptschak-Steppen, der Gestank von Pferde- und Kamelmist, die Kunde ihrer Grausamkeit läuft vor ihnen her, deren Wahrheit nur ein Bruchteil sein mag.
Der andere Teil ist verborgen von den militärischen Siegen. Wie kann diese Armee nun so große Gebiete überwältigen, zu Zehntausenden in fremdem und unbekanntem Gebiet sein, mit anderen Einheiten in Kontakt bleiben? Wie kann eine solche Masse von Menschen und Tieren ernährt werden? Anscheinend war alles in der Struktur der mongolischen Armee verborgen, die Dschingis Khan nach dem Prinzip von Zehn, Hundert und Tausend aufteilte und für jede Zahl einen Kommandanten ernannte. Darüber hinaus wurde die Flucht eines Soldaten vom Schlachtfeld, wenn es sich nicht um einen koordinierten Rückzug handelte, mit dem Tod bestraft. Und wenn jemand gefangen genommen wurde und der Rest der Abteilung nicht versuchte, ihn zu befreien, wurden alle Soldaten mit dem Tod bestraft. Unter den vielen interessanten Zeugnissen des Franziskanermönchs Johannes de Plano Carpini, findet sich die „Geschichte der Mongolen, die wir Tataren nennen“, die einen Abschnitt über die Belagerung enthält, oder genauer über die Methoden, wie die Nomaden fremde Städte eroberten. Wer war dieser Franziskaner und warum hatte er
sich auf eine so gefährliche Reise begeben?
Aus Angst vor Batu Khans Feldzug waren westliche Monarchen gezwungen, diplomatische Beziehungen zu ihnen unbekannten Nomaden aufzunehmen. Papst Innozenz IV. stattete einen derGründer des Franziskanerordens für eine solche Mission aus. Tatsächlich wurde Plano Carpinis viermonatiger Aufenthalt in der Mongolei zur Grundlage für Beobachtungen des Lebens der Mongolen. Zunächst teilt uns der Franziskaner seine Beobachtungen mit, die Mongolen die Stadt so umzingeln, dass niemand aus ihr herauskommt, das heißt, sie nehmen eine Ringbelagerung vor. Der Kampf wird permanent ausgetragen, so dass der Feind keine Minute Ruhe hat, sie selbst aber tauschen erfolgreich die einen Einheiten gegen andere aus. Wenn dies nicht zum Erfolg führt, dann nehmen sie Fett, zünden es an und werfen es über die Abwehrmauern. Die Mongolen, sagt Carpini, nehmen sogar menschliches Fett, das heißt die Getöteten. Wenn dies keinen Erfolg bringt, dann graben sie Tunnel und wenn sie in die Stadt eindringen, werden sie aufgeteilt in diejenigen, die Feuer legen, und diejenigen, die Verteidiger und die lokale Bevölkerung töten. Wenn die Verteidiger weiter durchhalten, schlagen sie ihr Lager auf, stürmen weiter und warten ab.
Im Februar-März 1240 näherte sich eine von Möngke Khan angeführte Armee Kyjiw. Die Mongolen hielten am linken Ufer an, wo Peresitschen oder Pisotschnja liegt. Botschafter wurden zu Fürst Mychajlo von Kyjiw geschickt, dieser lehnte ab, sich freiwillig zu ergeben und zu unterwerfen, also kehrten sie zurück in die Steppe. Es wird angenommen, dass der Feldzug Möngkes reine Aufklärung war und er nicht die Kraft hatte, Kyjiw zu stürmen. Der bereits genannte Del Plano Carpini, der nach Osten ging und sogar Kyjiw und Sarai besuchte, erwähnt ihn, traf sich mit Batu Khan und Güyük Khan in Karacuyuk, der Hauptstadt des Reiches. Man kann sagen, dass diese „Geschichte“ ein interessantes Dokument über die Mongolen, ihre anthropologischen Charakteristika, ihr Verhalten, ihre Ernährung und ihre familiären Beziehungen ist. Er schreibt über den Herrscher, dass er mit solcher Macht ausgestattet sei, dass sich niemand ohne seinen Befehl irgendwo aufhalten dürfe.
Er sagt, dass nach dem Tod von Dschingis Khan sein Sohn Occodai, d.h. Ögedei, zum Herrscher gewählt wurde, der Batus Truppen in die Rus schickte. Carpini bezeugt, dass er auf seinem Weg durch Kyjiw, das heißt kurz nach der Belagerung und Erstürmung der Stadt, zahlreiche Köpfe und Knochen auf den Feldern verstreut gesehen habe. In der Stadt, sagte er aus, haben nicht mehr als zweihundert Familien überlebt, die in Sklaverei gehalten werden. Diese Aufzeichnungen des italienischen Mönchs enthalten zwar Augenzeugenberichte, sind aber offenbar nicht ohne Übertreibung und Fantasie. [Die mongolischen Botschafter etwa wurden nämlich in Kyjiw getötet und Karacuyuk war nicht die Hauptstadt]
Die galizisch-wolynische Chronik erzählt ebenso vom Jahr 1240 und der Ankunft von Batu mit einer riesigen Armee, überall war das „Quietschen von Karren“, „Brüllen von Kamelen“ und „Wiehern von Pferden“ zu hören. Sie stellten ihre Wurfschleudern in der Nähe des Ljadski-Tors auf und die Mauern wurden geschleift, die letzte Schlacht um Kyjiw fand in der Desjatinen-Kirche statt, aus deren Gewölbe die letzten Verteidiger ausbrachen, sie stürzte ein und begrub viele dort. Erwähnt wird auch der mongolische Gefangene Toghrul, der über Militärkommandanten und die Zahl der Truppen erzählte, die Kyjiw verteidigen. Es schien, dass der Feldzug gegen die Rus gut geplant und mit Hauptstreitkräften ausgestattet war, denn Batus Brüder und Woiwoden – Urdüy, Baidar, Bürü, Qadan, Betschak, Möngke und Güyük – befehligten. Die Belagerung dauerte nach verschiedenen Schätzungen vierundsiebzig Tage und endete am 6. Dezember an Nikolaus.
Andere behaupten, Kyjiw habe sich nach den ersten acht Tagen ergeben. Raschīd ad-Dīn Faḍlullāh Hamadānī berichtet in seinem Werk „Dschāmiʿ at-tawārīch“ (Sammlung der Chroniken), welches Schilderungen mongolischer Ereignisse enthält, dass im Herbst des Jahres der Maus, 637 AH, d.h. 1239 n. Chr. auf Befehl von Ögedei Khan aus der Kiptschak-Steppe Güyük Khan und Möngke Khan zurückkehrten, dann unternahm Batu mit seinen Brüdern Qadan, Bürü und Butschek einen Feldzug, wie der Chronist schreibt, „in das Land der Rus und des Volkes der schwarzen Mützen“.
In neun Tagen eroberten sie die große Stadt der Rus Manker Kan [Kyjiw] und eroberten alle Städte des Fürstentums Wladimir. Im Todesjahr von Ögedei Khan überquerten die Mongolen das Gebirge Maraktan, offensichtlich die Karpaten, und griffen die Bolaren (Polen) und die Baschgirden (Ungarn) an. Nachdem sie die Baschgirden und Magyaren besiegt hatten, verbrachten sie den Sommer an der Theiß. Vier Jahre lang eroberten sie Städte und Ländereien, wurden aber von den Truppen von Kutan und Sonkur [Schingkur], dem Sohn von Dschötschi, besiegt. Dies geschah im Jahr des Leoparden, 639 der Hidschra – 1241-1242 n. Chr. Im Jahr der Schlange, d.h. 642 der Hidschra – 1244-1245, kehrten sie zu ihren Ulus zurück und hielten sich bei ihren Horden auf.
Erwähnenswert sind die Menschen mit den schwarzen Mützen. Wer sind sie? Auf Türkisch heißen sie Karakalpaken, Schwarzmützen. Woher kamen sie und was haben sie in der Rus gemacht? Dieses Turkvolk, das sich in Porossja
[zwischen den Flüssen Ros und der Hnylyj Tikytsch, Grenzgebiet der heutigen Oblaste Kyjiw und Tscherkassy] niederließ, war Teil des politischen und sozialen Lebens der alten Rus. Das heißt, sie, diese Karakalpaken, waren die Beschützer der südlichen Grenzen der Rus sowie Soldaten der befreundeten Fürsten. Anscheinend stimmt hier nicht alles bei den Zahlen und Ereignissen, denn Ögedei Khan starb 1242 und nach festen Regeln mussten alle Khans nach Hause zurückkehren, um einen neuen Herrscher zu wählen. Batu kehrte zurück, aber nicht er wurde zum Großkhan gewählt, sondern Güyük und dann Möngke, also ließ sich Batu in den Ländereien des Ulus von Dschötschi nieder, die später die Goldene Horde genannt wurde.
Ögedeis Tod wird von Raschīd-ad-Dīn wie folgt beschrieben: der Khan trank übermäßig Alkohol, wurde besonders süchtig nach Wein, daran starb er auch. Daneben war Ögedei aber berühmt für seine Großzügigkeit und Freundlichkeit, unter den vielen Geschichten über die Wohltätigkeit des Khans war diese: Ein Handwerker machte schlechte Bögen, die niemand ihm abkaufte, er wurde arm, also kam er mit seinen Bögen ins Lager des Khans, jener kam heraus und fragte, wer er sei, und als er erfahren hatte, dass er es war, der die unbrauchbaren Bögen gemacht hatte, befahl er, ihm zwanzig Goldstücke zu geben. Einmal in der Mongolei angekommen, staunt man über die Weite und Einöde. Vor allem wenn man mit dem Zug fährt, gibt es entlang der Strecke fast nichts für das Auge zu erfassen außer dem Buchsbaumgrün der Weiden oder der Wüste Gobi. Dieses allgemeinhin arme Land gibt Ströme von schneeweißem Kumys; Butter goldgelb wie Sand; Kamelkäse hart wie Stein. Es erzählt von seinen Herrschern, deren gelben aquarellartige Gesichter von einem spärlichen Schnurrbart und Bart eingerahmt sind. Es riecht nach Pferdeschweiß und Kamelpeitschen. Dies ist das Land, aus dem Tausende von Reitern an die Ufer des Dnipro kamen, damals im Jahr 1240, und viele Jahrhunderte lang eine schlechte Erinnerung hinterlassen haben. Sie blieben in unseren Schulbüchern, hinterließen aber auch ihre Gene und wässerten unser Land mit ätzendem Urin. Sie zerstörten die alte Rus und schlossen sie der Goldenen Horde an, um ein neues Imperium zu gründen.
Nach der Einnahme von Kyjiw und der Niederlage des Fürstentums Galizien-Wolynien war für Batu der Weg nach Westen geöffnet.
Ist die Geschichte wie Musik, die imstande ist, ihre rhythmischen Takte zu wiederholen?
Quelle: https://zbruc.eu/node/111542 16. April 2022
Übersetzer: Christian Weise
Wassyl Machno, 1964 geborener Dichter und Prosaautor aus Tschortkiw,
lebt inzwischen in New York. Sein Opus magnum „Der ewige Kalender“ von
2019 beschreibt die wechselvolle und oft kriegerische Zeit seiner Heimat
unter Osmanen, Polen, Deutschen und wurde 2020 mit dem Encounter.
The Ukrainian-Jewish Literary Prize ausgezeichnet und wird augenblicklich
in mehrere westeuropäische Sprachen, unter anderem auch ins Deutsche
übersetzt.