Mit den Augen der nationalen Minderheit
Igor Pomerantsev
Aus dem Russischen übersetzt von Claudia Dathe
Ich war ein kleiner Junge von fünf Jahren, als meine Eltern mich aus Transbaikalien nach Czernowitz brachten. Wir kamen als ganze Familie: mein Vater, meine Mutter, mein großer Bruder Valentin und ich. Mit meinen fünf Jahren war ich auch in Czernowitz der kleine Bruder, für die grauhaarigen betagten Huzulen und die hängebrüstigen betagten Huzulinnen aber war ich plötzlich der große Bruder. Im Knabenalter fühlte ich mich davon geschmeichelt. Ich machte meiner Rolle alle Ehre: Ich war mitfühlend gegenüber dem Jüngeren, schaute nicht von oben auf ihn herab und lernte mit imperialer Neugier seine Sprache. Mit 18 wurde mir klar, dass ich keine Lust mehr auf diese Rolle hatte und nicht zu den zig Millionen Menschen gehören wollte, die sich ohne einen Funken Selbstironie als »großes Volk« bezeichneten. Im Jahr 1965 nahm ich an der Universität Czernowitz mein Studium auf, und gleich in einer meiner ersten Vorlesungen verstand ich, warum mir die Lust vergangen war. Der Dozent für Geschichte der KPdSU fragte die Studenten, in welcher Sprache er seine Vorlesungen halten solle: auf Russisch oder Ukrainisch. Wir waren 60 Studenten. Die fünfzig huzulischen Studenten gaben keine Antwort. Aber die zehn großen Brüder kläfften einmütig: „Auf Russisch.“ Ich glaube, in diesem Moment habe ich zum ersten Mal geahnt, dass ein Staat, in dem die Völkerfreundschaft offizielle Ideologie ist, nicht lange Bestand haben kann.
Ich habe mich geirrt. Der Staat hatte noch unglaublich lange Bestand, und es geht mir hier nicht um den historischen Zeitraum, sondern um die begrenzte Lebenszeit, die einem Menschen zur Verfügung steht. Irgendwann brach der Staat zusammen, wurde er zum Bodensatz der Geschichte, möge er im Totenreich mit all seinen Höllenqualen ruhen. Zu diesem Zeitpunkt lebte ich schon in England, das mir unzählige Lektionen der nationalen und kolonialen Desillusionierung erteilte. Doch bis zu meiner Ausreise aus der Sowjetunion musste ich dennoch am selben Joch mit dem großen Bruder ziehen. Das merkte ich sogar bei den KGB-Verhören: Da haben sie mir die Leviten gelesen, meine literarischen Ambitionen infrage gestellt, aber die Fresse haben sie mir nicht poliert und mich auch nicht in die Klapsmühle gesteckt, nicht im Lagerstaub geschliffen, wie sie es in der Regel mit meinen kleinen Brüdern getan haben. In England verjüngte ich mich plötzlich und wurde im wahrsten Sinn wieder der kleine Bruder, der kleine Bruder von Valentin.

Im November 2008 war ich in Wien zu Gast bei den Tagen der ukrainischen Literatur. Eingeladen wurde ich zusammen mit einem rumänischen und einem österreichischen Autor als russischer Schriftsteller, der etwas mit der Ukraine zu tun hat. Ich las gemeinsam mit einem halben Dutzend ukrainischer Schriftsteller und Dichter. Ich fühlte mich sehr wohl in meiner Rolle als Vertreter der nationalen Minderheit. Clio, die Muse der Geschichtsschreibung, hat Sinn für Humor. Dank ihrer Ironie fühlte ich mich mit 60 noch einmal wie ein kleiner Junge, wie der Junge, der vor langer Zeit aus Sibirien gekommen war und seine Mutter, seinen Vater und seinen großen Bruder Valentin vergötterte.


