Ukrainische Verlage und Autoren
Im Spinnennetz von Omas Bauernhof
Frankfurter Buchmesse 2014
Christian Weise
Auf jeder Seite des Kinderbuches über Omas Bauernhof von Kateryna Michalitschyna findet sich ganz versteckt eine winzige süße Spinne. Aus einer Ecke betrachtet sie die Szenen aus dem fabelhaften Leben der stets paarweise vom Künstlerin Natalija Hajda dargestellten großen Kühe, Ziegen, Enten, Igel und anderer Tiere. Kinder verstehen sich oft so, wenn sie die Welt der Erwachsenen betrachten: klein, übersehen, und von ganz unten ihre eigenen Netze des Verstehens spinnend.
Auf Frankfurter Buchmesse 2014 gab es keinen Gemeinschaftsstand der Ukraine
Als Aussteller-Land war die Ukraine von der Aussteller-Landkarte verschwunden, selbst der ukrainische Generalkonsul aus Frankfurt war völlig irritiert. Mit den großen und hohen Messeständen der russischen Verlage rang in Halle 5 weiterhin wie bereits in den vergangenen Jahren nur Georgien. Daneben stellten auf ihren benachbarten schönen Ständen Tschechien und Polen ihre Bücher vor.
Gleichwohl gab nahm eine Plejade ukrainischer Verlage an der 66. Frankfurter Buchmesse mit über 7000 Ausstellern teil. Verteilt auf verschiedene Hallen konnte man sie auf kleinen versteckten Ständen treffen. Alle wussten sie voneinander und hielten Kontakt. In der Neuvermessung der gegenwärtigen politischen Welten nahm wie in den
vergangenen Jahren der alteingesessene etablierte Kiewer Verlag Kartographia teil, der wichtige ukrainische historische Atlanten und Landkarten druckt. Drei Verlage teilten sich den vier Quadratmeter großen Stand in Halle 5: Nika, Kalvaria und Nora druk. Bei Nika fand sich neben einer zweibändigen Wirtschaftsgeschichte die bereits 2012 erschienene Übersetzung der Darstellung des Krakauer Soziologen Dariusz Wojakowski, „Mentale Grenzen im Europa ohne Grenzen“. Zwischen allen anderen standen auch einige Bücher von Folio, ein weiterer schon lang bestehender und sehr wichtiger wichtiger Literatur-Verlag aus Charkiw.
Kein Wunder, dass auch Andrej Kurkow, der hier verlegt wird, hier zufällig einmal am Stand hängen blieb. Gemeinsam mit Jurij Wynnytschuk aus Lwiw las er anlässlich der Buchmesse aus ihrer beider deutsch erschienenen Neuerscheinungen. Beide sind wichtige ukrainische Kulturbotschafter. Jurij Wynnytschuk, ein ironisch-sarkastisch
schreibender und Kapriolen schlagender Anekdotenrzähler, hat mit seinem Roman „Im Schatten der Mohnblüte“ die 30er Jahre in Lemberg bis zu den Besetzungen und Toten der Kriegsjahre bewegend lebendig werden lassen. Auf den düsteren Originaltitel Todestango hat man verzichtet. Kurkow las aus seinem Kiewer Maidan-Tagebuch.
Die Veranstaltungsorte waren über die Stadt verteilt. Am Freitag Abend war die evangelische Stadtakademie am Frankfurter Römerplatz mit ca. 100 Zuhörern bis auf den letzten Platz gefüllt. Gespannt folgte der Saal den sofort wieder in die nervenaufreibende Kiewer Krisen-Situation des Januar und Februar zurückversetzenden Aufzeichnungen des durch seine im Schweizer Diogenes-Verlages erschienen Romane hierzulande bekanntesten ukrainischen Autors. Standen drei schwarz gekleidete Männer im Januar vor Kurkows Tür und klingelten, so waren hier sofort alle Anwesenden solidarisch und empathisch an seiner Seite imWohnzimmer des Schriftstellers. Am Samstag las das Autoren-Duo, das im Original im Charkiwer Verlag Folio und nun auf deutsch im österreichischen Haymon-Verlag publiziert, im Nordteil des Frankfurter Hauptbahnhofes.
Aus Charkiw kamen weitere Aussteller: Wesna, Frühling, veröffentlicht beispielsweise Bildbände über verschiedene Tiergattungen. Als erstes fallen ins Auge „Insekten Europas“. Charkiw ist neben Kiew und Lemberg das wichtigste Verlagszentrum der Ukraine, ebenfalls eine Stadt der Bücher. 150 km vom Krieg entfernt lebt die Millionen-Stadt ruhig ihren Alltag, drucken Verlage mal russisch, mal ukrainisch ihre Bücher und man hofft, dass die Lage hier weiter ruhig bleibt, so die Verlagsmitarbeiterin.
Einer der wichtigsten, aktivsten und kreativsten Verlage der Ukraine neben Folio ist der von Marjana Savka und Mykola Schejko betriebene Verlag des alten Löwen. Wer kann sie denn nicht mögen, die alten Löwen?! Vom alten Löwen erzählt Marjanas Kinderbuch und beschreibt mit wunderschönen Bildern und Texten das westukrainische Lemberg, also die Stadt des Löwen, wo der Verlag zu Hause ist. Wichtige ukrainische Dichter und Schriftsteller werden hier publiziert und professionell verlegerisch betreut: Taras Prochasko, Kateryna Babkina, bekannte Autoren für Erwachsene, veröffentlichen hier ihre Kinderbücher.
Von hinreißenden Lesungen vor 150-köpfigen Kinderscharen erzählt die stellvertretende Verlagsredakteurin Kateryna. Kinder wollen zunächst eingefangen werden. Dann aber bricht aus ihnen eine überwältigende Fülle von Bildern und phantastischen Erzählungen. So ist das immer, wenn Menschen einmal gewonnen sind und Feuer fangen. Ebenso gewinnt Sofija Andruchowytsch, im Januar hier publiziert, mit ihrem Roman „Felix Austria“ Menschen, allerdings Erwachsene. Ihr vor kurzem erschienene Roman versetzt zurück in die Zeit Ostgaliziens vor hundert Jahren unter Habsburger Regierung und reißt mit der dichten Darstellung des Lebens zweier Frauen aus Stanislau nicht nur den Ehemann der Autorin, den Schriftsteller Andrij Bondar mit. Angesichts der geschilderten großen Menschlichkeit und Großzügigkeit des wieder eingefangenen Lebens der Großvätergeneration ist er von tiefer Dankbarkeit erfüllt ist. Eine Übersetzung von Sofijas Roman wird bereits angedacht.
Kein Wunder, dass am zweiten Messetag Dmitrij Anzupow von der Frankfurter Buchhandlung Knizhnik am Stand des alten Löwen erschien und den Wunsch aussprach, die
Bücher des schönsten ukrainischen Verlages in sein Angebot so schnell wie möglich in sei Programm aufnehmen zu dürfen. Einen winzigen Ausschnitt ukrainischer Titel zeigte der Buchhändler auf seinem Stand in Halle 5.
Wie viele Verlage mit zahlreichen Titeln die Ukraine überhaupt jährlich veröffentlicht und trotz kriegs- und wirtschaftsbedingter Krisensituation ihre Leser finden, läßt sich seit 1993 auf der Lemberger Buchmesse alljährlich im September erkunden und erleben. Deutsche, österreichische und schweizer Schriftsteller sind hier schon viel Jahre eingebunden und sowohl persönlich durch ihre Besuche Lembergs und Kiews als auch durch Übersetzungen ukrainischen Lesern bekannt.
Die politischen Proteste und Veränderungen, die vor allem durch die interessierte gebildete Jugend und die Mittelschicht angestoßen und unterhalten wurden, werden dazu führen, dass in der nächsten Zeit Übersetzungen ukrainischer Autoren ins Deutsche in Arbeit gehen und bald ihre deutschsprachige Leserschaft mitreißen können. Gelegentlich fanden sich auch bei deutschen Verlagen Bücher über die Ukraine.
Wenig Feuer entzündete sich dagegen an den Heften und dem Ukrainebuch der wackeren aufrechten Antifaschisten von Verlag Selbrund aus Frankfurt. Auf der Frankfurter Buchmesse waren sie dort zu finden, wo der immer wieder Verschwörungsnetze entdeckende Journalist Jürgen Roth letztes Jahr sein Büchlein über Julia Tymoschenko im ukrainischen Spinnennetz der Macht vorstellen und verschenken ließ. Spinnen haben eine andere Methode. Ukrainische Übersetzungen all dieser Publikationen sind schwerlich zu erwarten. Bei den Verlegern aus der Ukraine sah man die Autoren dieser Verlage nicht.
Voller Enthusiasmus hingegen knüpfte die Heidelberger Biographin Marion Tauschwitz Kontakte und sucht nach Übersetzungsmöglichkeiten. Ihr eben erschienenes Buch ist der 1942 im Lager jung verstorbenen Czernowitzer Dichterin Selma Merbaum gewidmet und wird die Leser in die Welt der der weltberühmten Dichterin entführen.
Spinnennetze sind von unterschiedlicher Art. Wunderbar sind sie, wenn sie wie insbesondere im Fall von Kinderbüchern offene Augen und Herzen voller Dankbarkeit einfangen wollen und können. Und wichtig sind sie, wenn sie im Winkel hängend den Lesern in den großen Auseinandersetzungen des gegenwärtigen Weltgeschehens, die scheinbar nur zwei Parteien präsentieren, einen fernen Spiegel mit bisweilen schräger Perspektive zur Identifikation anbieten können: Die Perspektive der kleinen, kreativen und neugierigen Spinne.
Frankfurt, 12. Oktober 2014, Christian Weise