Rose Ausländer

 

Rose Ausländer war die Dichterin, die besonders enge Beziehung zu der Stadt und der Landschaft der Bukowina hatte und daraus ihre farbige, kraftvolle Sprache für ihre Gedichte schöpfte

Bukowinisch-Galizische LiteraturspracheRose Ausländer (eigentlich Rosalie Beatrice Scherzer, 11.5.1901 Czernowitz - 3.1.1977 Düsseldorf) gehört zu den bedeutenden deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie stammt aus einer assimilierten jüdischen Beamtenfamilie.
Nach dem Mädchenlyzeum in Czernowitz studierte sie 1919–1920 (als Freihörerin) Philosophie an der Universität Czernowitz (Platon, Spinoza). Um diese Zeit beteiligte sie sich am sogenannten »Ethischen Seminar« in Czernowitz, wo sie die Lehre des Berliner jüdischen Philosophen Constantin Brunner entdeckte.
1921, nach dem Tode des Vaters, wandert sie gemeinsam mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer (Heirat 1923; Scheidung 1930) in die USA aus. Dort arbeitete sie als Bankangestellte, Zeitungsredakteurin (»Westlicher Herold«, »America-Herold«) und publiziert ihre ersten Gedichte in deutschsprachigen Zeitungen.
1931 Rückkehr nach Czernowitz, Veröffentlichungen in den Bukowiner (»Czernowitzer Morgenblatt«, »Der Tag«) und Siebenbürgischen (»Klingsor«) Presseorganen.
1939 erscheint im Czernowitzer Verlag »Literaria« ihr erster, neuromantisch geprägter Gedichtband »Der Regenbogen«. Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Czernowitz 1940 wurde die Dichterin inhaftiert und dreieinhalb Monate wegen Spionageverdachts im Gefängnis verbracht. 1941–1944 war sie im jüdischen Ghetto von Czernowitz (Gedichtzyklus »Ghettomotive«). 
Nach dem Zweiten Weltkrieg wandert Rose Ausländer wieder in die USA aus.  Längere Zeit schrieb sie Gedichte nur in englischer Sprache.
1957 besuchte die Dichterin Paul Celan in Paris, den sie noch aus dem Czernowitzer Ghetto kannte. Um diese Zeit kehrte sie zur Muttersprache zurück und verzichtete auf klassische Formen. Der Übergang zum freien Rhythmus und zur assoziativen poetischen Technik geschieht bei grundsätzlicher Beibehaltung mimetischer Darstellungsprinzipien. (»Blinder Sommer«, 1965, »36 Gerechte«, 1967). 1964 kehrte Rose Ausländer nach Europa zurück und ließ sich in Düsseldorf nieder (seit 1972 im Nelly-Sachs-Haus, dem jüdischen Altersheim). 
In ihrer letzten Lebensphase (1972 – 1987) entstanden über 20 Gedichtbände (»Inventar«, 1972, »Ohne Visum«, 1974, »Andere Zeichen«, 1975, »Noch ist Raum«, 1976, »Gesammelte Gedichte«, 1976 u. a.). 
Das thematische Spektrum ihrer Gedichte schließt »das Eine und das Einzelne« ein: »Kosmisches, Zeitkritik, Landschaften, Sachen, Menschen, Stimmungen, Sprache« bei epigrammatischer Verknappung der dichterischen Aussage.
Das Leitmotiv der Bukowina als Symbol der verlorenen Heimat erscheint in vielen Gedichten mit nostalgischer Färbung (»Der Vater«, »Sadagorer Chassid«, »Czernowitz I-II«, »Rareu«, »Kimpolung im Schnee«, »Pruth«, »Bukowina I-IV«, »Vermächtnis« u. a.).
Mehrere Gedichte widmete sie den Bukowiner Literaten und Künstlern (Elieser Stejnbarg, Itzig Manger, Alfred Margul-Sperber, David Goldfeld, Paul Celan, Bernhard Reder u. a.). 
Werkausgaben: »Gesammelte Werke. Band 1–8«, herausgegeben von Helmut Braun – Frankfurt am Main: S. Fischer 1984-90; Gesammelte Werke. Band 1–16«, herausgegeben von Helmut Braun – Frankfurt am Mai, Fischer Taschenbuchverlag 1992-96.
Übersetzungen ins Ukrainische und ins Russische liegen vor.
Am Geburtshaus der Dichterin in der ehemaligen Morariugasse (heute vul. Shaidatschnoho 58) wurde zum hundertjährigen Geburtstag der Dichterin eine Gedenktafel angebracht und zum 120. Geburtstag, auf dem ehemaligen Türkischen Platz, ein Denkmal für sie enthüllt.

Helga von Loewenich, Petro Rychlo – S. 58 - 60, Bukowinisch-Galizische Literaturstraße


 

ROSE AUSLÄNDER – Gedichte

Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

 

nach 1975, aus: Rose Ausländer: Gesammelte Werke Bd. V: Ich höre das Herz des Oleanders, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1995


 CZERNOWITZ

 

„Wirf deine Angst in die Luft“ – Rose Ausländers Familiengeschichte

05.02.2026 LITERATURFORUM IM BRECHT-HAUS – Präsentiert von Helmut Braun anlässlich des 125. Geburtstages der Lyrikerin im Rahmen der Lesereihe »Unerhörte Familiengeschichten aus dem östlichen Europa«. Begrüßung durch Winfried Smaczny, Initiator der Lesereihe, moderiert von Ingeborg Szöllösi, Deutsches Kulturforum östliches Europa.

 

Bukowina III

Grüne Mutter
Bukowina
Schmetterlinge im Haar

Trink
sagt die Sonne
rote Melonenmilch
weiße Kukuruzmilch
ich machte sie süß

Violette Föhrenzapfen
Luftflügel Vögel und Laub

Der Karpatenrücken
väterlich
lädt dich ein
dich zu tragen

Vier Sprachen
Viersprachenlieder

Menschen
die sich verstehn

 

S. 66, Bukowinisch-Galizische Literaturstraße, Verlag Knyhy,  XXI, Czernowitz

 

»Geschichte in der Nußschale«

 

Gestufte Stadt im grünen Reifrock
Der Amsel unverfälschtes Vokabular

Der Spiegelkarpfen
in Pfeffer versulzt
schwieg in fünf Sprachen

Die Zigeunerin
las unser Schicksal
in den Karten

Schwarz-gelb
Die Kinder der Monarchie
träumten deutsche Kultur

Legenden um den Baal-Schem
Aus Sadagura: die Wunder

Nach dem roten Schachspiel
wechseln die Farben

Der Walache erwacht –
schläft wieder ein
Ein Siebenmeilenstiefel
steht vor seinem Bett – flieht

Im Ghetto:
Gott hat abgedankt

Erneutes Fahnenspiel:
der Hammer schlägt die Flucht entzwei
Die Sichel mäht die Zeit zu Heu

 

Gedichte, herausgegeben von Helmut Braun, Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag


Isole di Brissago


Ansporn und Spur

Aus dem Wasser gewachsen
Schilf Terrassen Lianen

Geduldig
im grünen Kristall

des Lago Maggiore
klirrende Kiesel
jeder in sein Schicksal geschoben

Palmen
Blätter groß wie der Wunsch
ewig zu sein

Insel
irdisch oder
Erbstück aus Eden?

Die Sonnenuhr
dreht den Schatten
von Zahl zu Zahl
verdächtig wer kürzt
unsere Stunden


Rose Ausländer:
“Noch ist Raum“ Gedichte, Gilles & Franke Verlag
Duisburg 1976




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