Auf dem Grabe des Achilles

Andrij Ljubka


aus dem Ukrainischen übersetzt von Christian Weise

 

Krieg trifft jeden ohne Ausnahme, aber die schmerzlichsten Schläge fügt er denjenigen zu, die schon vor dem Krieg in Not lebten.

Meine Freundin Anja konnte die Stadt in der Nähe von Kyjiw nicht rechtzeitig verlassen, weil sie sich um ihre kranke Mutter kümmerte. Als der Beschuss und die Besetzung durch russische Truppen begannen, litten beide, sowohl Anja, weil sie von dort nicht fliehen konnte, als auch ihre Mutter, weil sie glaubte, dass ihre Tochter ihretwegen sterben könnte. Ich mag mir ihre Gespräche untereinander nicht vollends vorstellen, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass sie beide Recht hatten und vor allem von Liebe geleitet waren. Es war die Liebe, die der einen befahl, die kranke Mutter nicht zu verlassen, und der anderen, die Tochter zu überreden, in Sicherheit zu fliehen.

Kateryna kenne ich nicht persönlich, aber durch viele „Bekannte von Bekannten“ erhielt ich ihre Anfrage, ein knappes Medikament zu finden. Ihr Kind leidet an Epilepsie, so dass all die Schrecken des Krieges, ihr zerstörtes Haus und die Notwendigkeit, aus ihrer Heimatstadt zu fliehen, durch den Zusammenbruch der Logistik noch verstärkt wurden. Apotheken sind wegen der Lieferprobleme leer, und die ausgebrannte Mutter ruft von morgens bis abends alle möglichen Apotheker, Ärzte und Freiwilligen an und bittet um Hilfe.

Eine andere Familie bereitete ein Kind auf eine komplizierte Operation vor, die derzeit nicht durchgeführt werden kann; die Folgen dieses erzwungenen Aufschiebens werden dem Kind lebenslang erhalten bleiben. Eine andere Familie evakuierte einen Bruder im Rollstuhl aus Kyjiw. Es gab keinen Krankentransporter, also wurde er einfach weggetragen und in ein Auto gesetzt, das mehr als zwei Tage von Kyjiw in eine sichere Stadt fuhr. Zwei Tage, an denen der Mann mit Behinderungen nicht aus dem Auto steigen und nicht einmal auf die Toilette gehen konnte.

Am Bahnhof in Uschhorod sehe ich eine Oma mit ihren kleinen Enkelkindern, die alle mit dem Evakuierungszug aus Charkiw angekommen sind. Verfroren, hungrig, verängstigt, drängen sie sich zusammen und bewegen sich überall gemeinsam, um nicht verloren zu gehen. Heute werden sie in einer riesigen Turnhalle untergebracht sein, in der Hunderte von Menschen auf Matratzen schlafen. Es ist warm, sauber und sicher, aber selbst dort haben diese Vertriebenen keinen Ort, an dem sie sich vor allen verstecken und weinen können. Das Weinen um dein vergangenes Leben, das nie wiederkehren wird, das nie wieder so sein wird wie vor dem Krieg.

Der Krieg beraubt die Menschen ihres Rechts auf Privatsphäre, diese Privatsphäre aber macht eine Person zur Person. Der Krieg will individuelle Geschichten von Menschen und ihre konkreten Namen vermengen, um Menschen in Statistiken zu verwandeln. Es ist symbolisch, dass Migranten, die viele unterschiedliche humanitäre Hilfen erhalten, Kleidung eingeschlossen, oft nach dem Persönlichsten und Intimsten fragen – nach Socken und Höschen. Das heißt, jene Kleidungsstücke, die man nicht zum Second Hand gibt, die man nicht mit anderen teilt, so dass sie nicht in die humanitäre Hilfe gelangen. Menschen, die aus ihren Häusern mit zerstörten Dächern flohen und nicht in der Lage waren, das Nötigste zusammenzutragen, befinden sich jetzt an einem Ort, an dem es unmöglich ist, sich zu verstecken und einfach loszuweinen. Nicht nur Privates, sondern auch die Privatsphäre wurde ihnen genommen.

Im Zentrum von Uschhorod, in der Nähe eines der Restaurants, das inzwischen zu einer riesigen kostenlosen Kantine für Flüchtlinge geworden ist, sehe ich eine lange Menschenschlange. Sie schauen meistens auf ihre Füße oder aufs Telefon, die Augen zu erheben ist schwierig und peinlich. Es sind Menschen aus der Mittelschicht, die in Butscha und Irpen bei Kyjiw eine gute Bleibe hatten, die vor einem Monat für das Wochenende mit Billigflügen in europäische Städte geflogen sind und heute gezwungen sind, für eine Portion kostenloses warmes Essen Schlange zu stehen.

Unter ihnen sind zwei junge Mädchen, Switlana und Mirka, die fast nichts verloren haben – weil sie nichts hatten. Die Studentinnen von gestern, die in Kyjiw lebten, mieteten eine Wohnung für zwei Personen, genossen ihr unbeschwertes Dasein und posteten Fotos aus Nachtclubs auf Instagram. Wie die meisten jungen Leute hatten sie für „diesen schwarzen Tag“ keine Ersparnisse. Einfach, weil diese Generation junger ukrainischer Europäer nie an einen „schwarzen Tage“ dachte und ihre Großmütter, die Rentengelder unter ihr Kopfkissen steckten und Mehl in Säcken kauften, ihnen vor einem Monat lächerlich vorkamen.

Jetzt stehen die Mädchen ohne Geld in einer Stadt an, in der es aufgrund des Zustroms von Flüchtlingen fast unmöglich ist, einen Job zu finden. Diese Mädchen könnten leicht die Grenze überqueren und in einem reichen europäischen Land Zuflucht suchen, aber sie schlafen lieber im Fitnessstudio und erhalten ihre Rationen von Wohltätern, weil sie die Ukraine nicht verlassen wollen. Und wie sollten sie fortgehen, wenn ihre Jungs zu den Waffen greifen und an die Front ziehen?

Es gibt Hunderttausende von Gesichtern im Krieg, und alle sind sie von Trauer gezeichnet. Heute gibt es in der Ukraine viele Arten von Elend und Schmerz, und jede von ihnen hat ihre eigene persönliche Geschichte und Biografie. Dabei haben die oben beschriebenen Menschen Glück, weil sie am Leben sind. Trauer und Ärger, Demütigung und Not sind nicht mit dem Schicksal derjenigen zu vergleichen, die in ihren Häusern oder in Evakuierungskolonnen von Bomben getroffen wurden.

Heute ist die Ukraine zu einem Schauplatz antiker griechischer Tragödien geworden, und die Biografien der gewöhnlichsten ukrainischen Menschen können mit abgrundtiefen philosophischen Schattierungen der antiken Literatur studiert werden. Denn bei uns ist jetzt alles reduziert bis auf das eigentliche Wesen der Dinge, bis zu den grundlegenden und ewig wiederkehrenden Themen der westlichen Zivilisation und des humanistischen Wesens des Menschen. Wenn Sie wissen wollen, was Trauer, Schmerz, Tragödie, Verlust sind, dann müssen Sie auf die Ukraine schauen. Und wenn Sie wissen wollen, was Liebe, Opferbereitschaft, Freundschaft und Wohltätigkeit sind, dann gehören Sie auch in die Ukraine.

 

Genau genommen ist der Krieg in der Ukraine kein geopolitischer Konflikt, sondern ein Kampf um den Kern der europäischen Zivilisation. Es ist ein Krieg für das Recht auf Würde, das Recht zu wählen, für die Gleichheit aller Menschen und den gleichen Wert aller Menschen, für ihr gleiches Recht auf Leben. Derer, die gesund sind, und derer, die krank sind. Der Reichen und der Armen. Man kann der These zustimmen, dass die Ukraine kein ausgereifter Staat ist, ein armer Staat, mit niedrigerem Lebensstandard als in Westeuropa, krank durch Korruption und Vetternwirtschaft, aber hat ein solcher Staat nicht das Recht zu existieren, seinen eigenen politischen Kurs zu wählen und Zukunft?

Seit Jahrtausenden verfolgt die europäische Zivilisation das Ideal der Gleichheit, der Achtung des Menschen und der menschlichen Gemeinschaften und der Wahrung maximaler Vielfalt. Es wurde aufgebaut, damit im 21. Jahrhundert alle Menschen gleich sind und das Recht auf ihre eigene Würde haben, dass nicht nur die Reichen, sondern auch die Armen das Recht auf medizinische Behandlung haben, dass alle ausnahmslos das Wahlrecht haben, dass Menschen im Rollstuhl die Möglichkeit haben, in Würde zu leben und sich selbst zu verwirklichen.

Aus diesem Grund gründen sowohl die Europäische Union als auch die NATO auf Gleichheit und Respekt für alle: Das mächtige Deutschland oder die Vereinigten Staaten, und die kleinen und ärmeren, aber nicht schlechteren Slowenien oder Litauen haben in diesen Strukturen das gleiche Stimmrecht. Stattdessen beschloss Russland, der Ukraine zu verbieten, ein separater und unabhängiger Staat zu sein, und verweigerte den Ukrainern insgesamt das Existenzrecht mit dem Argument, dass eine solche Nation überhaupt nicht existierte.

Das ist also nicht nur ein russisch-ukrainischer Krieg, das ist ein Krieg um die Grundlagen des Europäischen Daseins. Am 24. Februar, dem ersten Tag des russischen Angriffs, fand die Schlacht um die Schlangeninsel statt, die mit der kultisch gewordenen Antwort eines ukrainischen Soldaten über den Kurs auf ein russisches Kriegsschiff in die Geschichte einging: „Fuck you, russisches Schiff!“. Dann erfuhr die ganze Welt von dieser winzigen Insel, die eigentlich ein Felsen im Schwarzen Meer ist. Aber in der hektischen Flut von Nachrichten erkannte die Welt nicht, dass dies nicht nur eine Insel ist.

Denn die Schlange ist ein Felsen gegenüber der Stelle, an der der größte Fluss Westeuropas, die Donau, ins Schwarze Meer mündet. Deshalb heißt es Schlange: Flusswasser trug Schlangen in das salzige Meer und sie entkamen auf dieses Stück Land. Schon in der griechischen Antike galten diese Orte als besonders: Irgendwo in der Nähe der Schlangeninsel schwamm Medea, als sie aus Kolchis (dem heutigen Georgien) floh und der Verfolgung durch den Feind entging.

Und die Schlangeninsel selbst wurde von der Göttin Thetis aus dem Meeresgrund gehoben, um die Seele ihres Sohnes Achilles zu beschützen. Ja, derselbe trojanische Kriegsheld, dessen Ferse Teil eines alten Aphorismus wurde; Mythen und Legenden zufolge wurde Achilles auf dieser Insel begraben, und über seinem Grab bauten die Griechen einen Tempel, dessen Überreste bis heute erhalten sind und zum Baumaterial für den Leuchtturm auf der Schlangeninsel wurden.

Eine der ersten Schlachten im Krieg um die Ukraine fand statt über dem Grab des Helden des Trojanischen Krieges, des ruhmreichen Achilles. Dies mag uns daran erinnern, dass die Ukraine in der antiken griechischen Zeit Teil der „Ökumene“ war, die von der zivilisierten Welt bewohnt wurde, dass sie an den Ursprüngen Europas und des Europäischseins stand. Und heute ist es diese zivilisierte europäische Welt, die die Ukraine verteidigt – auf Kosten des Lebens vieler Helden, die Achilles an Mut und Tapferkeit nicht nachstehen.

Der Mythos eines neuen Europas, eines Europas, das für seine Werte und seine Würde kämpft und kämpft, wird sich fortan an ukrainischen Vorbildern orientieren. Ehre den Helden!

 

Quelle: https://culture.pl/ua/article/nad-mogiloyu-akhilla
Autor: Andrij Ljubka, April 2022, Uschhorod
Übersetzer aus dem Ukrainischen: Christian Weise, April 2022

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