Blick auf Frauen

Den Krieg im Blick

 

Victoria Amelina

Ein Tagebuch von Krieg und Gerechtigkeit

Vorwort Margaret Atwood

Aus dem Englischen von Steffen Beilich und Andreas Rostek

Seite 8 - 10

Victoria AmelinaInmitten eines Krieges ist kaum Platz für Vergangenheit oder Zukunft, für Perspektiven, für exakte Prognosen: Da ist nur die weiße Hitze des Augenblicks, die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung, die Intensität der Gefühle, darunter auch Wut, Bestürzung und Angst. In ihrem tragischerweise unvollendeten Buch – geschrieben aus der Mitte des entsetzlichen und brutalen russischen Feldzugs zur Auslöschung der Ukraine – hält Victoria Amelina aber auch den Surrealismus fest: das Gefühl, dass die Wirklichkeit wie in einem Albtraum verzerrt ist, dass all das nicht wirklich geschehen kann. Bombardierte Kindergärten, von deren Wänden uns sowjetische Zeichentrickfiguren anlächeln. Aber es gibt auch Momente des Mutes, der Kameradschaft, der gemeinsamen Hingabe an eine Sache. In diesem Krieg kämpft Russland aus Habgier – mehr Gebiete, mehr materielle Ressourcen –, die Ukraine aber kämpft um ihr Leben – nicht nur ihr Leben als Land, sondern auch das Leben ihrer Menschen, denn es besteht kaum Zweifel daran, was ein russischer Sieg für die Ukrainer bedeuten würde.

Die Massaker, die Plünderungen im großen Stil, die Vergewaltigungen, die standrechtlichen Hinrichtungen, den Hunger, den Diebstahl von Kindern und die Säuberungen muss man sich erst nicht vorstellen, denn sie sind bereits passiert. Die Russen behaupten, »Brüder« der Ukrainer zu sein, aber die Ukrainer wollen von dieser Verwandtschaft nichts wissen. Wer braucht schon einen mordlüsternen Psychopathen als »Bruder«, der dir nach dem Leben trachtet?

Das ist der Hintergrund, vor dem so viele ukrainische Künstlerinnen und Künstler ihre ursprüngliche Kunst aufgegeben haben, um sich ganz für die Verteidigung ihres Landes und ihrer Landsleute zu engagieren. Victoria Amelina war eine von ihnen. Vor dem Krieg war sie eine begabte und bekannte Schriftstellerin. Sie war, wie man so sagt, preisgekrönt. Sie brachte Romane und Kinderbücher heraus, war im Ausland unterwegs und gründete ein Literaturfestival. Doch all das änderte sich mit dem Überfall auf die Ukraine. Sie fing an, als Kriegsreporterin zu arbeiten, für die ukrainische Organisation Truth Hounds Kriegsverbrechen zu recherchieren, Zeugen und Überlebende zu befragen.

 

Victoria Amelina
Blick auf Frauen - Den Krieg im Blick, Fototapeta

In vielen Religionen gibt es eine Figur, die man als aufzeichnenden Engel bezeichnen könnte –ein Geist, der die Aufgabe hat, die guten und schlechten Taten der Menschen festzuhalten. Eine Gottheit nutzt diese Aufzeichnungen dann, um Wiedergutmachung zu bewirken – um die Waage, mit der die Göttin Justitia so oft dargestellt wird, ins Gleichgewicht zu bringen. Kriegsverbrechen sind naturgemäß schlechte Daten. Die Truth Hounds sind der Engel, der die an Ukrainern verübten Gräueltaten aufzeichnet. Amelina nimmt nicht primär die Kriegsverbrechen als solche in den Blick, sondern die Geschichte der Frauen, die, wie sie selbst versuchen, diese Verbrechen zu dokumentieren – aber auch die Geschichten von Frauen im Belagerungszustand: ihre zerstörten Wohnungen, ihre Evakuierungsversuche, ihre getöteten Partner, die zertrümmerten Lego-Konstruktionen ihrer einst glücklichen Kinder. Ihr Schreibstil ist flüchtig, eindringlich, hautnah und persönlich, detailliert und sinnlich.

Sie tritt damit in die Fußstapfen früherer Kriegsreporterinnen, wie Martha Gellhorn, die schrieb: »Ich muss von diesem Krieg berichten. ... Ich bin nicht der Ansicht, dass ich um Recht betteln sollte, Millionen von Amerikanern, die ein dringendes Bedürfnis haben, zu sehen, was sie nicht selber ansehen können, als Augen dienen.« Künstlerinnen wie Amelina helfen uns dabei, Dinge zu sehen, aber auch zu fühlen. Amelinas Talent als Romanautorin hat ihr gute Dienste geleistet, jetzt leistet es uns gute Dienste.

Als Amelina starb, hatte sie rund 60 Prozent des Buches zusammengestellt. Ein Großteil des Materials war noch in Rohform – fragmentarisch, ungeschliffen, unbearbeitet. Das Redaktionsteam, das dieses Buch zusammengefügt hat, schreibt dazu: »Der Autorin gelang es noch, die Struktur festzulegen und einige Kapitel zu schreiben ... andere Abschnitte bleiben unvollendet. Sie bestehen aus unbearbeiteten Notizen, Berichten von Exkursionen vor Ort ohne Kontext oder sind nur auf einen Titel beschränkt. Die Gruppe der Herausgeberinnen ist bestrebt, Eingriffe in das Originalmanuskript so gering wie möglich zu halten und, wenn solche Eingriffe nicht zu vermeiden sind, sie für die LeserInnen deutlich zu machen.« Das Ergebnis ist ein Text von intensiver Modernität. Er erinnert uns beispielsweise an den Pessoa aus dem Buch der Unruhe und den Beckett aus Das letzte Band. Die Lückenhaftigkeit zieht uns in ihren Bann: Was fehlt, wollen wir ersetzen.

Es ist mir schwergefallen, dieses Vorwort zu schreiben: Wie soll man Schlüsse ziehen oder volltönende Aussagen machen, wenn das, worum es in dem Buch geht, noch im Fluss ist?

Dieser Krieg hätte ein Durchmarsch werden sollen – nach Meinung vieler Experten sollte es nach der Invasion im Februar 2022 nur wenige Tage dauern, die Ukraine zu erledigen –, doch während ich dies schreibe, sind seitdem über zwei Jahre vergangen, und die Ukraine hat mehr als die Hälfte des Gebietes zurückerobert, die Russland zu Beginn des Angriffs an sich gerissen hatte.

Krieg ist nichts Statistisches, er fließt. Er ist in Bewegung, er zerstört und wischt alles weg, was ihm in den Weg kommt, er lässt viele untergehen. Seine Auswirkungen und Welleneffekte sind unvorhersehbar.

Zum jetzigen Stand – im Juni 2024 – ist der russische Versuch, Charkiw einzunehmen, zum Erliegen zu kommen. Die Ukraine hat gerade erst erfahren, dass französisches Militärpersonal nunmehr offen auf ukrainischer Seite agieren wird, und die Vereinigten Staaten haben der Ukraine grünes Licht für Schläge gegen militärische Ziele in Russland gegeben – das sollte Kaskaden russischer Raketen aufhalten, wie die, mit der gerade ein vorsätzlich angegriffenes Einkaufszentrum zerstört oder mit der im Sommer 2023 ein Restaurant in Kramatorsk getroffen und Victoria Amelina mit siebenunddreißig Jahren getötet wurde.

Dies ist ihre Stimme: frisch, lebendig, lebhaft, so spricht sie jetzt zu uns.


Seite 235-237, Amelina Victoria

Heute nicht im Schewtschenko-Park – Massiver Angriff am 10. Oktober 2022

Mindestens 514 Kulturziele in der Ukraine wurden nach dem 24. Februar von Russland zerstört oder beschädigt. Heute wurde die Liste länger.
Am 10. Oktober begann Russland mit seiner massenhaften Bombardierung der ukrainischen Energie- und Wasserversorgungsinfrastruktur. An einem einzigen Tag wurden nicht nur 30 Prozent des ukrainischen Stromnetzes beschädigt, sondern auch mehrere Kulturstätten und Wohngebäude in Kyjiw und acht weiteren Regionen. Die Massenbombardierung der Energieinfrastruktur dauerten den ganzen Herbst und Winter 2022 an und führten in den kältesten Monaten der Ukraine zu Stromausfällen und Stromknappheit.
Kulturelle Ziele, die heute morgen in Kyjiw beschädigt wurden: Nationale Taras-Schewtschenko-Universität, das Nationale Kunstmuseum Bohdan und Warwara Tschernenko, die Gemäldegalerie Kyjiw, der Konzertsaal der Nationalen Philharmonie der Ukraine, Wissenschaftliche Mksymowytsch-Bibliothek, das Lehrerhaus der Stadt Kyjiw, 〈das Nationale Museum der Naturwissenschaften der Ukraine und andere〉.
Einige meinen, eines der Ziele der Besatzer sei das Denkmal von Taras Schewtschenko vor der Universität gewesen.
Ich hänge mein Telefon ans Netz, um es ganz aufzuladen; es könnte bald einen Stromausfall geben. Dann, ich sitze auf dem Boden im Flur, verschicke ich Textnachrichten und rufe meine Freundinnen an: Oleksandra, Jewhenija, Tetjana, Sofija: 
»Alles okay bei dir?«
Allen geht's gut. Sie machen sich Sorgen, ob jemand bei den Explosionen getötet wurde und wegen des Tschanenko-Museums: Ist es beschädigt? Und was ist mit dem historischen Gebäude der Universität? Das Schewtschenko-Denkmal?
Ich höre den Krach einer weiteren Explosion und renne mit dem Handy in der Hand zum Balkon. Eine dichte, schwarze Wolke versucht den Himmel zu verschlucken, aber der Himmel ist zu weit und zu hell, um verschluckt zu werden.
»Die Russen haben gerade wieder etwas getroffen. Sorry, ich rufe dich später an«, sage ich zu Sofija, als eine weitere Rakete dieselbe Gegend bei der Eisbahn trifft. Ich mache ein Video und stehe dann einfach auf dem Balkon und schaue in den Himmel. Ich weiß, dass die Jungs von der Luftverteidigung ihn gerade auch beobachten, ich bin also nicht allein. »In air defense we trust«, flüstere ich. 
Es ist sonnig, und abgesehen von schwarzen Wolken am Himmel ist Kyjiw so schön wie immer. Ich weiß, warum die Russen es haben wollen, und warum sie es nie kriegen werden.
Ich gieße mir ein Glas Wein ein. Es ist bestimmt zu früh für Alkohol, aber ich habe das Gefühl, ich bin fast am Ende der Geschichte und ich sollte das eigentlich feiern. Die Nachbarn werden mich schon nicht verurteilen. Die Stadt wird wieder angegriffen, aber die Heldinnen meiner Geschichte schreckt das überhaupt nicht. Eine von ihnen hat gerade den Friedensnobelpreis bekommen. Eine andere beendet ihr Buch über Irpin und Butscha. Alle gewinnen sie einen Kampf. Für einen Moment scheint es, als sei Gerechtigkeit nicht nur möglich, sondern unabwendbar, schlicht und einfach, weil ich sie endlich definieren kann. Ich stehe da, schutzlos, aber furchtlos, und ich weiß, was Gerechtigkeit ist. Ich stelle das halbvolle Glas in die Küche, packe ein weiteres Erste-Hilfe-Set in meinen Rucksack und gehe zurück auf die Straße.
Ich rufe all die Frauen an, die ich liebe. Jewhenija Sakrewska rufe ich nicht an, sie ist im Kriegsgebiet in ständiger Gefahr.
Oleksandra Matwijtschuk nimmt nicht ab, aber schreibt: Ich bin in Sicherheit.
Am Abend stehe ich frierend unter der Dusche. Ich muss daran denken, dass Oleksandra mir geraten hat, ich sollte mir Eiscreme aufs Gesicht packen, einfach um wieder etwas zu spüren, wenigstens das Eis auf deinem Gesicht, die Kälte, das Weiche und den Geruch. Ich finde eine Feuchtigkeitsmaske im Regal und lege sie mir langsam aufs Gesicht, um etwas zu spüren. Sie ist kalt, weich und riecht nach Ton. Ich lebe, ich habe ein Gesicht, die Finger weiß vond der lehmigen Substanz, ein Leben, hier und jetzt, ein Leben, das nicht heute Morgen zu Ende ging.
In einer Woche werden die Russen versuchen, dasselbe Wärmekraftwerk in der Shyljanska-Straße zu treffen. Sie treffen es nicht. Statt das Kraftwerk zu zerstören, töten sie drei Menschen: eine neunundfünfzig jährige Frau und ein junges Paar. Die junge Frau war im sechsten Monat schwanger. Sie arbeitete als Sommelier in einem Weinlokal. Ihr Name war Victoria; Freunde nannten sie Vika.

Das Justizministerium

Fast alle brechen auf, aber John Lee Anderson und Peter Pomerantsev sind noch da, also fahren wir wie geplant zum ukrainischen Justizministerium. Dort treffe ich Marharyta Sokorenko 〈die ukrainische Beauftragte für den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte〉.
Sie arbeitet seit 2012 hier. Wie Jewhenija Sakrewska erinnert sich auch Marharyta daran, dass die Nacht des 31. November 2013 ihr Leben verändert hat. Sie war bei der Arbeit und blieb lange auf. Als sie aufwachte, musste sie feststellen, dass in weniger als hundert Metern von ihr,  (dieser Satz wurde nicht vollendet).

 

Dieses Buch erschien im englischen Original in den USA und in England sowie zeitgleich mit der deutschen Ausgabe in Frankreich, Italien und Schweden.
ISBN 978-3-949262-51-7
Auszug aus der Edition FotoTAPETA, Berlin 2025

 

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