Mühen des Hinsetzens

Alena Wagnerová

Jahre ging ich davon aus, ich schreibe so wenig, weil es mir an Talent mangelt und die Geschäftigkeit, mit der ich mich in immer neue Aufgaben stürze, erfüllt den Zweck, mich vor dieser schmerzhaften Erkenntnis zu schützen.  Heute weiß ich, dass es nicht die Begabung ist, die mir fehlt. Was mir fehlt, ist die Fähigkeit, mich hinzusetzen.

hinsetzen

Natürlich weiß ich, wie man sich setzt. Mich an den Tisch, sogar den Schreibtisch zu setzen, auf den Behandlungsstuhl beim Zahnarzt, auf den Platz im Zug oder Bus oder einfach ohne einen besonderen Grund auf einen Stuhl zu setzen, bereitet mir keine Schwierigkeiten. Mehrmals am Tag setze ich mich irgendwohin, aber nur selten gelingt es mir, mich auch hinzusetzen.

Sich hinzusetzen ist nämlich etwas ganz anderes, als sich zu setzen. Zum Setzen braucht man lediglich eine waagerechte Fläche, sei es ein Stuhl, ein Sofa, ein Stein, ein Baumstumpf, ein Balken, ein Mäuerchen oder ganz gewöhnliche Erde. Zum Hinsetzen braucht es gar nichts. Beim Hinsetzen kann man sich auch setzen, es ist aber keine Bedingung, Hinsetzen kann man sich auch stehend. Denn sich hinzusetzen bedeutet, sich in sich selbst zu begeben. Es ist ein Zustand, der nicht von einer Sitzgelegenheit abhängt, sondern allein von einem selbst. Man kann sich setzen, ohne sich hinzusetzen und sich hinsetzen, ohne sich zu setzen. Zum Hinsetzen braucht man nichts als einen Zustand stiller innerer Bereitschaft, was zugleich bedeutet, dass sich hinzusetzen schwieriger ist, als sich zu setzen. 

Es ist auch gefährlicher. Wenn man sich setzt, kann man sicher sein, dass man nach Belieben und ohne Schwierigkeit wieder aufstehen wird, schlimmstenfalls mit einem eingeschlafenen Bein. Hat man sich jedoch hingesetzt, ist es nicht sicher, ob das Aufstehen so ohne weiteres gelingt. Denn sich zu setzen bedeutet, die Körperhaltung zu verändern, das Hinsetzen ändert die Seelenhaltung. Das Setzen verändert nichts an unserer alltäglichen Existenz, das Hinsetzen hingegen ändert unsere ganze bisherige Welt. Was gerade noch wichtig war, wird bedeutungslos, das bisher Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und je mehr diese neue Realität von einem Besitz ergreift, desto weniger kann man sich sicher sein, dass es gelingen wird, sich von ihr wieder zu lösen und aufzustehen. 

Und da beginnen meine Schwierigkeiten. Zum Schreiben genügt es nicht, sich zu setzen, zum Schreiben muss man sich hinsetzen, das heißt, sich auch sämtlichen Konsequenzen auszuliefern, die solch ein radikaler Schritt zu sich selbst mit sich bringen kann. Eben davor fürchte ich mich. Bislang habe ich mein Leben mit Willenskraft und Disziplin gemeistert. Kann ich es mir auf solche Art aus der Hand nehmen lassen? Was geschieht  mit mir, wenn ich nachgebe? Wenn ich mich einmal hinsetze und es mir nicht mehr gelingt, wieder aufzustehen? Nein, ich habe keine Angst um mich. Ich befürchte, lasse ich mich auf das Schreiben wirklich ein, werde ich nichts mehr davon tun, was bisher zu meinen alltäglichen Verrichtungen gehörte. Ich werde aufhören, mich zu waschen, mir die Zähne zu putzen, die Nägel zu schneiden, das Haar zu kämmen und die Wäsche zu wechseln. Schlimmer noch, gleichgültig wird mir auch alles andere, was ich bisher für meine selbstverständliche Pflicht hielt. Ich werde nicht mehr kochen und Geschirr spülen, Wäsche waschen und einkaufen gehen, die Hausaufgaben der Kinder beaufsichtigen, meinem Mann abgerissene Mantelknöpfe annähen, auf seine Arbeit und die Bedürfnisse der Kinder Rücksicht nehmen. Ich würde nicht mehr bügeln, Staub wischen, Asche und Müll hinaustragen, die Küche fegen, leere Flaschen und alte Zeitungen entsorgen, den Garten gießen und jäten, herumliegende Kleidung  und Wäschestücke wegräumen, keine Briefe von Freunden beantworten, sondern nur sitzen, sitzen und schreiben, unwirsch zu allen, die mich in meiner Konzentration stören könnten.  Kurz und gut, ich befürchte, ich würde das Privileg des Hinsetzens mit der Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber  erkaufen. Dann könnte es mir passieren, dass ich eines Tages wieder aufblicke, vielleicht mit einem fertigen Manuskript in der Hand, und um mich herum alles verwüstet – vernachlässigte Kinder, einen verzweifelten Mann, die Küche voll schmutzigen Geschirrs, die Möbel unter einer dicken  Schicht Staub, der Garten verwildert, überall Stöße alter Zeitungen und Haufen leerer Flaschen, entfremdete Freunde.

Vielleicht hätte ich mich dann zwar selbst gefunden, aber alles andere verloren. Und plötzlich stünde ich da, womöglich mit einem bemerkenswerten Manuskript, fände aber nichts mehr von meiner früheren Welt, gleich jener Magd, die am Karfreitag Wasser holen ging und erst nach hundert Jahren zurückkam. Vielleicht würde ich dann sehr gerne zurückkehren wollen, wüsste aber nicht mehr wohin, denn alle Beziehungen zu anderen Menschen wären durch mein langes Hinsetzen unterbrochen und zerstört. Habe ich ein Recht dazu? Lässt sich diese Ausblendung des Alltags zugunsten des Werkes überhaupt gutheißen? Kann selbst ein großartiges  Werk die Verluste durch Vernachlässigung der Menschen und nicht erfüllte Versprechen rechtfertigen? Enttäuschte Erwartungen, vorenthaltene Hilfe, nicht erteilter Rat, ein unausgesprochenes freundschaftliches Wort, ein nicht gespendeter Trost, vom Zukurzkommen der Kinder und des Ehemannes ganz zu schweigen? Kann ein Werk und sei es auch außergewöhnlich, was man  nie voraussagen kann, alle diese Schäden aufwiegen? Alle meiner Obhut Anvertrauten hätte ich durch mein Hinsetzen im Stich gelassen. Könnte ich das verantworten?  Bisher habe ich es nicht fertiggebracht.  

So ist also meine Lage. Kann sich jemand wundern, dass ich Angst habe, mich hinzusetzen und mich dem anderen Strom des Bewusstseins zu überlassen, der mich wer weiß, wohin wegtragen würde, und mich zugleich unendlich danach sehne, und jeder weitere Tag, an dem ich es wieder nicht vermochte, mich von meinen alltäglichen Aufgaben zu befreien, vor mir wie ein Vorwurf steht? Denn wenn es mir nicht gelingt, werde ich mein Leben nicht als erfüllt betrachten können.

Ich weiß, wovon ich rede. Schon einige Male hatte wenig gefehlt und ich wäre nicht mehr zurückgekehrt. Plötzlich war alles um mich verstummt. Die Zeit versank, die Sinne wurden wach und scharf. Und schon begannen die Worte, Netze von Sätzen zu bilden, in die ich die Welt einfing. Doch zugleich mit der Befriedigung, mich endlich, ja endlich hingesetzt zu haben, bemächtigte sich meiner eine seltsame Unruhe, ein kaum zu bändigender Drang, den sich, um mich schließenden Ring der Konzentration zu durchbrechen und aufzustehen; es war, als stritten in mir zwei Kräfte, die eine zentripetal, die mich immer tiefer in den  Schreibtischsessel drückte, die andere zentrifugal, die mich antrieb, aufzustehen, und mich zwang, nach einer Ausrede zu suchen, nach einer Ablenkung, nach irgendetwas, was mich stören und mir nicht erlauben würde die Grenze zu überschreiten, woher es kein Zurück mehr gäbe, mein Hinsetzen endgültig geworden wäre und daher von mir auch nicht mehr kontrollierbar. Und jedes Mal ergab sich, dass entweder das Telefon läutete, jemand an der Tür klingelte, oder an der Schwelle des Zimmers eines der Kinder erschien und meine Aufmerksamkeit forderte. Oder falls ich nicht schon vorher gestört worden war, rückte schlicht und einfach die Essenszeit heran. Kurzum fand sich immer etwas, was gegen meinen inneren Wunsch, jener zentrifugalen Tendenz in mir zum Sieg verhalf und mich zum Aufstehen zwang. Und in diesem Augenblick hatte ich immer das Gefühl, sowohl erlöst als auch verdammt zu sein. 

Bislang habe ich versucht, diese gegensätzlichen Kräfte in mir so auszugleichen, dass ich mir gelegentlich ein kleines Hinsetzen erlaube, quasi als Generalprobe auf jene große und grundsätzliche Ruhe, der immer noch  alle meine Hoffnungen gelten. Ein Hinsetzen, das eine, höchstens zwei Stunden dauert, wobei ich mir sicher sein kann, dass mich ein Zugriff von Außen rechtzeitig unterbrechen und zwingen würde, wieder aufzustehen. Auf diese Art und Weise habe ich bereits ein paar Erzählungen zur Welt gebracht. Für ein größeres Werk reicht solch ein kleines Hinsetzen nicht aus. 

Schlafwagen

Als besonders geeignete Örtlichkeit für solche kleinen Hinsetzer haben sich mir die Schlafwagenabteile erwiesen. Der Schlafwagen ist bisher auch der einzige Ort, den ich kenne, wo ich mich hinsetzen, eigentlich hinlegen kann, ohne dass mich gleich der Drang überfällt, wieder aufzustehen, als wäre die gegensätzliche Wirkung der zentrifugalen und zentripetalen Kraft in meinem Innern  durch die Vorwärtsbewegung des Zuges aufgehoben. Die Kabine des Schlafwagens – eine Welt für sich, ein auf wenige Quadratmeter beschränkter Raum, etwas zwischen einer Gefängniszelle und einem Zimmer im Grand Hotel, ein Ort, wo sämtliche Bedürfnisse kunstvoll auf ein Minimum reduziert sind, die Bewegungslosigkeit  in Bewegung, die durch ihre Zielrichtung geöffnete Abgeschlossenheit – ist für mich der ideale Platz, mich zu konzentrieren. Hier kann man allerdings auch nichts anderes tun, als sich zu konzentrieren – oder zu schlafen.   

Sobald ich die schwere Abteiltür hinter mir schließe, gehöre ich mir allein. Hier in der freien Zeit zwischen zwei Zielen setze ich mich ohne die Sorge hin, ich könnte irgendwelche von meinen Pflichten vernachlässigen, ich muss mir nicht vorwerfen, ich könnte damit jemanden kränken oder seine Rechte beschneiden.  Mein Körper braucht nur das schmale Bett zu berühren, und schon spüre ich, dass ich mich hinsetze. Es ist ein Hinsetzen ohne Risiko, denn wenngleich ich vergessen sollte auszusteigen, wacht der Schaffner über mich und setzt mich spätestens auf der Endstation aus dem Zug. 

Denn auch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, befinde ich mich halb sitzend, halb liegend in dem Abteil eines Schlafwagens, beinahe hätte ich gesagt Schreibwagens, in der kleinen Kabine, aus der es kein Entkommen gibt – höchstens auf ein Glas Bier oder eine Tasse Tee – ohne Mitreisende und ohne Telefon, nur auf mich allein gestellt, ohne jegliche Möglichkeit mich abzulenken, in den Winkel dieses Gefängnisses für eine Nacht verbannt. Niemand stört mich, aber ich weiß, dass man mich stören wird, weil die Zeit meines Hinsetzens sich nach dem Fahrplan richtet, und der Schaffner wird schon dafür sorgen, dass ich aufstehe und wieder dorthin aussteige, was man ein normales Leben nennt. 

Mit zunehmendem Alter schwindet natürlich auch der Raum meiner Hoffnung auf das Hinsetzen. Und auch wenn ich mir immer noch sicher bin, dass eines Tages der Augenblick kommt, da mein Drang mich hinzusetzen stärker sein wird als alle Hemmungen und Rücksichtnahmen, muss ich mir doch eingestehen, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt. Im Hinsetzen sehe ich zwar nach wie vor meine Zukunft, aber ein Mensch in meinem Alter kann kaum noch von einer Zukunft sprechen, will er nicht ausgelacht werden. Oft, wenn ich alte Sujets durchsehe, die ich ausarbeiten wollte und immer noch will, einige davon liegen schon länger als ein Jahrzehnt in der Schublade, wird mir bewusst, wie viel Zeit ich unwiederbringlich verloren habe. Und doch scheint etwas in mir zu wissen und unbeirrbar darauf zu beharren, dass noch nichts verloren ist.

schreiben

In Anbetracht der begrenzten Zeit, die ich noch vor mir habe, halte ich es jetzt für das Wichtigste, alles so vorzubereiten, dass ich, wenn der so lang ersehnte Augenblick des entscheidenden Hinsetzens plötzlich käme, schnellstmöglich einen zum Schreiben geeigneten Platz erreiche, damit ich mich später nicht ausreden kann, ich hätte diese einmalige Stunde meines Lebens nur deswegen verpasst, weil mir Papier oder Bleistift gefehlt hat, kein Stuhl in der Nähe war, so dass, bevor ich voller Hoffnung hinuntergelaufen war und in meinem Arbeitszimmer im Erdgeschoß ankam, sich meine Entschlossenheit, mich hinzusetzen, verflüchtigte.

Um diese Möglichkeit auszuschließen, habe ich mich entschlossen, im Haus ein Netz von Arbeitszimmern und Schreibstätten einzurichten, und zwar so verteilt, dass ich im entscheidenden Fall nur mit ein paar Schritten zu der nächsten Schreibmöglichkeit gelangen könnte. Am liebsten wäre mir natürlich, sämtliche Räume in unserem Haus in Arbeitszimmer zu verwandeln. Aber das wird mir kaum gelingen, ohne mich dem Spott auszuliefern. Denn das Missverhältnis zwischen meinem Nichtschreiben und der Anzahl der Schreibplätze wäre zu offensichtlich.

Einstweilen ist es mir gelungen, in unserem Haus drei Arbeitszimmer einzurichten, eines im Erdgeschoß und zwei im ersten Stock. Es sind auf ihre Art geheime oder halb geheime Arbeitszimmer, denn sie dienen, damit meine Absicht nicht allzu offensichtlich wird, auch anderen Zwecken. Einer dieser mit einem Schreibtisch ausgestatteten Räume benutzen wir zum Beispiel als Schlafzimmer, das zweite schließt ans Wohnzimmer an, und in dem dritten, das als einziges als ein reines Arbeitszimmer eingerichtet ist, übernachten oft Gäste. 

Das Einrichten von Arbeitszimmern in unserem Haus ist bislang nicht abgeschlossen. Ein Platz zum Hinsetzen fehlt mir noch sowohl im Keller als auch im Dachgeschoß.  Am allerliebsten würde ich dort in ein Arbeitszimmer, die kleine Kammer mit einem schmalen Fenster, aber einer wunderschönen Aussicht, verwandeln, die wir gelegentlich an Studierende vermieten. Und seitdem wir den Keller umgebaut haben, beschäftigt  mich der Gedanke, dass man auch hier in der ehemaligen Waschküche ein Arbeitszimmer einrichten könnte. Hier könnte ich auch meine ganze Bibliothek unterbringen. 

Wann immer ich jetzt durch das Haus gehe, habe ich das Gefühl, dass ich die Zeit des Wartens, die allerdings noch andauert, nicht so schlecht genutzt habe. Auf Schritt und Tritt wartet auf mich ein Schreibtisch, die Hände im Schoß gefaltet. Und ich kann mich nicht satt sehen an ihrem ergebenen stillen Warten, nicht unähnlich der abendlichen Stille der Frühlingsäcker, bereit, die Saat zu empfangen. 

Besonders liebgewonnen habe ich in den vergangenen Jahren das kleine Arbeitszimmer auf dem Treppenabsatz im ersten Stock. Ich lasse die Tür offen, damit ich im Vorbeigehen wenigstens mit einem Blick erfassen kann, wie es in der stillen Glückseligkeit einer anderen Welt ausharrt. Und oft scheint es mir, als hörte ich, wie es den Atem anhält, um das Wort nicht zu verpassen. Gerade dieser Raum ist es, der in mir die größte Sehnsucht nach dem Schreiben weckt, obwohl ich praktisch nie darin arbeite, während der große Arbeitstisch im Erdgeschoß, an dem ich am häufigsten sitze, für mich mit keinerlei Sehnsucht verbunden ist.  Sonderbarerweise hat der Anblick der Schreibtische, die zum Hinsetzen bereitstehen, für mich etwas Tröstliches, obwohl sie in mir eher ein schlechtes Gewissen wecken sollten, weil ich sie schon so lange warten lasse. Aber sie drängen nicht, sie laden ein, im Vertrauen auf die Unendlichkeit der Zeit, in der letztlich alles ihre Erfüllung findet. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass mir das Einrichten weiterer Plätze zum Hinsetzen  eigentlich eine größere Befriedigung bereitet, als das Schreiben selbst. Denn die Sehnsucht verlangt von uns keine Verantwortung, die Verwirklichung hingegen ginge es auch nur um die Realität des Wortes, doch.       

   

Alena Wagnerová, Erzählungen “Aus dem Leben unterwegs”

Im Leben Unterwegs

*Der Wieser Verlag hat es vergessen anzuführen: Das Umschlagfoto stammt von Milena Findeis, Zeitzug

2022  Wieser Verlag

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